10.12.12

Ex-Bürgermeister

Berlin nimmt mit Trauerfeier Abschied von Klaus Schütz

Politiker und Weggefährten erinnerten im Rathaus Schöneberg an den ehemaligen Regierenden Bürgermeister. "Er war das Gesicht West-Berlins."

Von Michael Ludwig Müller
Foto: dapd

Der Trauerzug für Klaus Schütz schreitet am Montag im Schneetreiben über den Waldfriedhof in Dahlem.
Der Trauerzug für Klaus Schütz schreitet am Montag im Schneetreiben über den Waldfriedhof in Dahlem.

Mit einer bewegenden Trauerfeier haben am Montag Angehörige und Politiker im Rathaus Schöneberg von Klaus Schütz Abschied genommen.Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin war am 29. November im Alter von 86 Jahren gestorben. Schütz hatte ab 1967 an der Spitze des Senats gestanden. 1977 war der SPD-Politiker zurückgetreten.

Unter den rund 300 Gästen im Willy-Brandt-Saal, dem einstigen Plenarsaal des Abgeordnetenhauses, waren die Tochter von Schütz, Channa-Christiane mit ihrem Ehemann Gary Smith, dem Direktor der AmericanAcademy in Berlin sowie der Sohn Sebastian mit Lebensgefährtin und Kindern.

Außerdem waren erschienen: die früheren Regierenden Bürgermeister Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen (beide CDU), der amtierende Berliner Regierungschef Klaus Wowereit (SPD), der SPD-Fraktionschef im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, die Botschafter Israels und der USA, Yakov Hadas-Handelsman und Philip D. Murphy.

"Schütz war ein Mann der leisen Töne"

Hauptredner bei der durch Musik von Johann Sebastian Bach umrahmten Trauerfeier war der SPD-Politiker Steinmeier, der Schütz als einen Politiker würdigte, "dem unser Land viel zu verdanken hat". Er sei ein "Mann der leisen Töne" gewesen, "klug, abwägend und mit einer Weitsicht, die den Dingen auf den Grund ging".

Schütz habe seine Aufgabe präzise, beharrlich, furchtlos und mit einer Prise Humor erledigt. "Er hat in schweren Zeiten seinen Verstand und sein Herz in den Dienst seines Landes gestellt", betonte Steinmeier. Eine Besonderheit seiner "unendlich reichen Biografie" sei es, dass Schütz als Mensch und Diplomat vor allem in den USA und in Israel um das Ansehen seines eigenen Landes geworben habe.

Zur Trauergemeinde, die sich im Schöneberger Rathaus versammelt hatte, gehörten auch Innensenator und CDU-Landeschef Frank Henkel, die meisten Senatoren und Staatssekretäre, der frühere Spandauer Bezirksbürgermeister Werner Salomon, der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, mehrere Fraktionschefs des Abgeordnetenhauses, der frühere israelische Botschafter Shimon Stein, Christina Rau, die Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, der frühere Bundesminister und Ost-Unterhändler der Bundesregierung, Egon Bahr; außerdem Günter Struve, der einstige Pressesprecher, langjährige Redenschreiber und Vertraute von Schütz. Es war auch der Schauspieler Peter Brandt zugegen, einer der Söhne von Willy Brandt, mit dem Schütz seit Beginn der 50er-Jahre ein besonders inniges Vertrauensverhältnis verband.

Wowereit lobt Schütz als großen Berliner

Als noch lebender Staatssekretär aus der Regierungszeit von Schütz, nahm der 90-jährige Gerhard Naulin (SPD) teil. Er amtierte von 1968 bis 1981 als zweiter Mann in der Senatsgesundheitsverwaltung. Kurt Neubauer (SPD), der während der gesamten Amtszeit von Schütz Innensenator war und 1977 wegen nicht an die Landeskasse abgeführter Banktantiemen dessen Sturz mit verursachte, war am Sonntag im Alter von 90 Jahren verstorben. Der 93-jährige Walter Sickert (SPD), ein weiterer Weggefährte von Schütz, fehlte aus gesundheitlichen Gründen.

Klaus Wowereit bezeichnete den Verstorbenen als großen Berliner und "unkapriziöse Persönlichkeit", die im Amt des Berliner Regierungschefs "das Gesicht der Stadt" gewesen sei, für sie gekämpft und sie gestaltet habe. Schütz sei eine prägende Persönlichkeit der Berliner Nachkriegsgeschichte. Wowereit sagte, Berlin sei bei Amtsantritt von Schütz 1967/68 von Studentenunruhen und Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg geprägt gewesen.

Die aufgewühlte Stadt habe damals Orientierung gesucht. Als aufrechter und leidenschaftlicher Demokrat habe er sich dieser Probleme angenommen und so um Berlin verdient gemacht. "Er wird uns fehlen." Wowereit schloss mit den Worten: "Wir werden ihn nicht vergessen. Ich verneige mich vor ihm."

US-Botschafter Philip D. Murphy, der seine Ansprache auf Deutsch hielt, hob hervor, dass er bei Antritt seines Postens in Berlin vor drei Jahren Schütz "als wirklichen Freund der USA" kennengelernt habe. Er verwies auf die unersetzliche Rolle von Schütz Anfang der 70er-Jahre, als die Westalliierten mit der Sowjetunion das Berliner Viermächte-Abkommen aushandelten. Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger habe ihm dies einmal ausführlich geschildert, sagte Murphy. Schütz sei eine der wichtigen Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeneration, die für den Aufbau des demokratischen deutschen Staates Verantwortung getragen hätten.

"Wichtige Brücken der Versöhnung"

Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman sagte, Schütz habe während seiner fast vierjährigen Tätigkeit als deutscher Botschafter in seinem Land "wichtige Brücken der Versöhnung gebaut". Dies werde ihm das jüdische Volk nicht vergessen.

Richard von Weizsäcker, ehemals Regierender Bürgermeister und Alt-Bundespräsident, nannte Schütz einen "Bürger unter Bürgern", der ohne laute Töne regiert und souverän agiert habe. Er habe geholfen, die Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs voranzubringen, dabei allen durch seine nüchterne Analyse der politischen Möglichkeiten geholfen. Wichtig sei auch das öffentliche Bekenntnis von Schütz zu den Amerikanern.

Überhaupt habe er es als seine Aufgabe angesehen, aus der belagerten und umzingelten Stadt heraus wirksam zu werden. Vom Rathaus Schöneberg aus habe er prägend dazu beigetragen, dass West-Berlin die Zeit gut überstehen konnte bis die Mauer fiel. Weizsäcker: "Bleiben wir mit ihm verbunden, mit seinem Verstand, seinem ganzen Wesen, vor allem aber mit seinem Herzen."

Günter Struve, einst rechte Hand, dann drei Jahre lang Pressesprecher von Schütz, der auch später noch als ARD-Programmdirektor mit ihm familiäre Beziehungen unterhielt, schilderte dessen Verlässlichkeit, Lebenskraft und Lebensfreude. Satire, Ironie und Spott hätten Schütz näher gelegen als reiner Humor. Da dies in Deutschland aber nicht populär sei, habe er es nur selten öffentlich gezeigt.

Schütz wurde am Montagnachmittag in Anwesenheit seiner Familie und von Freunden auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt. Dieser Friedhof ist Ruhestätte vieler Berliner Politiker, darunter von Willy Brandt, Paul Löbe und Ernst Reuter.

Quelle: dapd/alu
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