02.12.2012, 09:44

O du köstliche Hendrik Otto kocht mit Kindern sein liebstes Weihnachtsessen


Rührend: Marija kümmert sich um das Gemüse, Mascha (l.) um die Pasta, Hendrik Otto würzt nach

Foto: Reto Klar

Von Alexandra Kilian

Das Event zum Advent: Der Zwei-Sterne-Koch aus dem Lorenz Adlon Esszimmer mag Pasta und zeigt 18 Grundschülern, wie das geht.

Sieben Wärmeleuchten strahlen heiß auf den Pass, ein Foto hängt mittig darüber. Es zeigt Hendrik Otto, umrahmt von seinem Team. Es ist 13 Uhr, Besteck klappert, Salat wird verlesen und Geflügel zerlegt. Die Mannschaft des Zwei-Sterne-Kochs im Hotel Adlon ist komplett konzentriert. Und Hendrik Otto? Ist längst schon wieder weg. Er hat heute einen Termin außer Haus, einen speziellen Termin. Zwei Stunden Vorbereitung inklusive Anfahrt braucht er mindestens. Das oberste Gebot lautet: die Gäste glücklich machen. Immer. Auch, wenn es dieses Mal ausschließlich Kinder sind. Oder gerade deshalb.

Für die Weihnachtsserie v on Morgenpost Online hat sich Hendrik Otto sofort begeistern lassen. Kochen mit Kindern? Wunderbar, er habe schließlich eine zehnjährige Tochter, Nathalie. Und bei ihnen zu Hause im Süden Berlins, da gebe es mit Frau und Tochter an seinen freien Tagen, sonntags und montags, auch ganz normales, kindgerechtes Essen. "Mein Töchterlein mag am liebsten Pasta, deswegen gibt es die auch heute", sagt Hendrik Otto. Nudeln stünden doch ziemlich oft zu Hause auf dem Tisch, sagt Hendrik Otto. "Nur Ketchup dazu gibt"s nicht – da werd" ich sauer."

Lollo Rosso, Lauch und Löwenzahn

Der 38-Jährige steht auf dem Parkplatz der Borsigwalder Grundschule in Reinickendorf und hievt rote Körbe voller Ware aus einem Transporter. Kräuter in Töpfen, Penne in Plastik, Lollo Rosso und Löwenzahn, Lauch und Rauchspeckwürfel landen auf einem kleinen Küchenwagen. Gardemanger Lukas Bachl, sein Mann für die Vorspeisen, packt mit an, schiebt den Wagen Richtung Grundschulküche. Auf freiwilliger Basis helfe er, wie er sagt. So laufe das beim Chef immer. Hendrik Otto hat es nicht mehr gehört, er wird im Gebäude der Toulouse-Lautrec-Schule längst von Koch Marcel Nielebrock und Direktorin Uta Eling begrüßt.

An der Borsigwalder Grundschule an der Miraustraße unterrichten 20 Lehrkräfte rund 360 Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse. Im Hort betreuen zehn Erzieher und Erzieherinnen rund 170 der Schüler, die im Anschluss an den Unterricht teils bis 18 Uhr in der Schule bleiben. Offenes Arbeiten, Tanzen, Schwimmen, Sport und Spiele werden dort geboten – sowie ein frisches Mittagessen mit Bioprodukten. Dieses findet im Nachbargebäude statt, in der Toulouse-Lautrec-Schule – ein sonderpädagogisches Förderzentrum mit Schwerpunkt für körperliche und motorische Entwicklung, das einen großen Gemeinschaftsraum für beide Bildungseinrichtungen sowie die Großküche, in der Hendrik Otto heute kochen wird, bietet.

Sechs Monate Jobsuche und Beratung

Drei Schüler der Toulouse-Lautrec sind schon da. Sie sitzen an einem der Tische mit Direktorin Uta Eling und warten. Marija, 14, hat das Schwarz-Jampel-Syndrom. Sie ist seit ihrer Geburt körperlich eingeschränkt. Ömer, 11, und Nikola, 12, haben Lähmungserscheinungen, halbseitig. Hendrik Otto? Von dem haben sie noch nie gehört. Nur, dass sie heute kochen werden, darauf freuen sie sich schon. Was es denn gibt, wollen sie wissen. "Spaghetti?", fragt Ömer, "jaaa, das ist lecker!" Er sei auch schon mal im Adlon gewesen, mit Mitschülern. "So ein großes Haus", sagt er, "und so schön." Er streckt seinen linken Arm in die Luft über seinem Kopf. Dann überlegt er kurz. Aus dem Haus "da am Tor" kommt der Koch von heute? "Mann, ist der gut", sagt Ömer.

Hendrik Otto arbeitet seit April 2010 im Hotel Adlon Kempinski am Pariser Platz. Nach der Ausbildung im Kurhotel Lauterbad in Freudenstadt zog es den Hallenser ins Gourmetrestaurant Haerlin des Hotels Vier Jahreszeiten in Hamburg, in die Traube Tonbach zu Altmeister und Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt, nach Köln ins La Vision im Hotel am Wasserturm und schließlich, im Jahr 2008, in die Hauptstadt ins Restaurant Vitrum des Ritz-Carlton Hotels am Potsdamer Platz. Dort erkochte er sich erneut den zuvor in Köln erkämpften Michelin-Stern. Die wichtigste Auszeichnung in der Gastronomie, die jedes Jahr vom Guide Michelin erneut vergeben wird.

Dann schloss das Vitrum im Jahr 2009. Und Hendrik Otto machte Pause. Sechs Monate. "Jobsuche und Beratung", sagt er, habe er da gemacht. Eine "kreative Pause, um sich weiterzubilden und etwas mehr Zeit mit seiner Frau und der Tochter zu verbringen", hieß es in der Pressemitteilung des Hotels.

Ein Koch, zwei Sterne - einzigartig in Berlin

Hendrik Otto hat noch einen Moment Zeit, bevor er die Kinder, drei von der Toulouse-Lautrec- und 15 von der Borsigwalder Grundschule, begrüßt. Er schiebt in der Küche die verschiedenen Zutaten aus den roten Kisten zu den Posten, an denen gekocht werden soll. Salate, Öl und Kräuter auf den linken Tisch, Speck, Pasta, Zucchini in die Mitte an den Herd. Am Fenster baut Lukas Bachl die Produkte für den Nachtisch auf – und eine große Maschine mit einer runden Schüssel auf der Spitze. Die Mitarbeiter der Grundschule, Küchenhilfe Gabriele Albanus und Koch Marcel Nielebrock, werden gleich mit eingebunden. "Herr Nielebrock, so, Sie sagen mir bitte gleich, wo die Teller sind. Frau Albanus, wo finde ich die Schneidebretter?" Und ob die Messer auch kindgerecht seien? "Klar, ich kenne den Herrn Otto schon", sagt Marcel Nielebrock und zieht gefragte Schubläden auf. "Man hat ja verfolgt, was in den letzten Wochen so in der Presse stand."

Im Lorenz Adlon Esszimmer, dem Gourmetrestaurant des Adlon-Hotels, hat sich Hendrik Otto 2010 innerhalb von nur sechs Monaten wieder einen Michelin-Stern erkocht. Bereits ein Jahr darauf, im November 2011 – und damit einzigartig in Berlins Gastro-Geschichte – erhielt Hendrik Otto einen zweiten Stern. Den er nun, vor einem knappen Monat, erneut bestätigt hat. Gemeinsam mit Christian Lohse aus dem Fischers Fritz, Daniel Achilles aus dem Reinstoff und Tim Raue aus seinem gleichnamigen Restaurant zählt er zur Spitze der Köche Berlins.

"Cool! Dürfen wir die behalten?"

Im Gemeinschaftsraum der Toulouse-Lautrec-Schule sind inzwischen alle Kinder eingetroffen. An langen, niedrigen Tischen sitzen sie, zwei Mädchen spielen ein Klatschspiel mit den Händen, Ömer, Marija und Nikola gucken, was die fremden Kinder machen. Und keiner merkt, als Hendrik Otto pünktlich um 14 Uhr zu ihnen tritt. "Sooo, wir haben uns was überlegt für Euch", sagt er und stellt sich mit einem Pappkarton in der Hand und seinem Gardemanger an der Seite vor die Kinder. "Wir kochen ja heute zusammen", sagt Hendrik Otto, "aber keine Sorge, ich habe jetzt keine ganzen Kaninchen oder Lämmchen mitgebracht." "Ih" und "Bäh" schallt es ihm entgegen. "Aber ein wenig Fleisch für eine schöne Pasta schon", sagt Hendrik Otto. Keine Reaktion. "Und, ein paar Schürzen und Kochmützen", sagt er und zieht die mit dem Namen des Hotels versehenen Stoffe – seine Idee, wie er und die Pressesprecherin betonen – sowie weiße Papierkochmützen aus dem Karton. "Cool!", sagt Ömer, "Dürfen wir die behalten?", fragt Marija. "Ja, klar", sagt Hendrik Otto und verteilt. Lukas Bachl hilft. Beide binden hier Schürzen zusammen, kleben da das Papier der Mützen aneinander. Dann teilen sie die Gruppen auf. Sechs Kinder für den Salat, sechs für die Pasta und sechs für den Nachtisch.

Im Lorenz Adlon Esszimmer stehen neun Männer inklusive Hendrik Otto in der Küche. Der Jüngste des Teams ist 21 Jahre alt. Die Küche steht für moderne Einflüsse bei klassischen Gerichten wie Caneton à la presse, Wachtel-Essenz oder bretonische Seezunge. Besonders gelobt wird Hendrik Otto für seine Saucen, er habe ein feines Gespür für das Zusammenspiel, heißt es. "Herrlich frisch und mit eigener Handschrift", bezeichnete Stefan Elfenbein von der Berlin-Partner-Jury in diesem Jahr die Entwicklung von Hendrik Ottos Arbeit. Die Jury würdigte ihn mit dem Titel des Berliner Meisterkochs. An fünf Tagen in der Woche steht Hendrik Otto von morgens um neun bis abends gegen Mitternacht in der Küche. Manchmal wird es noch später. An freien Tagen kommen Dreharbeiten, Veranstaltungen, Auftritte hinzu. Es bleibt wenig Zeit für die Familie. Auch, wenn Hendrik Otto betont, wie gern er mit seiner Tochter Inline-Skates fahre oder mit seinen beiden Frauen auf dem Sofa liege.

"Wurst gibt Power!"

"Der Herr Otto hat eine ganz tolle Art, mit Kindern umzugehen", sagt Direktorin Uta Eling. Sie ist mit in die Küche gekommen, schaut kurz zu. Die Kinder zupfen am Salat, schneiden Lauch in Ringe. Mehr oder weniger groß. "Lasst euch Zeit, Vorsicht mit den Händen", sagt Hendrik Otto, der ruhig zwischen den Tischen wechselt, schaut und schafft. Hinter ihm kippen zwei Mädchen Tomatensauce aus großen Einweckgläsern in Pfannen, die in der Mitte bereit stehen, wieder zwei überwachen das heiße Wasser für die Nudeln. Lukas Bachl kocht mit den Kindern am Dessert, Marcel Nielebrock und Schul-Küchenhilfe Gabriele Albanus überwachen das Geschehen am Salat. "Hendrik?! Darf ich ein Stück Wurst probieren?", fragt ein Mädchen, das die Chorizo-Wurst auf einem Brett vor dem Fenster schneidet. "Na klar, Wurst gibt Power!", ruft Hendrik Otto durch die Küche. Das Mädchen steckt sich das zweite Stück in den Mund. Hendrik Otto lacht. Nach einer knappen Stunde ist das Essen fertig. Der Meisterkoch steht am großen Nudeltopf und hebt Penne in Teller, die die Kinder Richtung Gemeinschaftsraum tragen. "Jawoll", "super", "wunderbar", sagt er bei jeder Kelle, die er in die Teller hebt. Bis ein Junge Pasta ohne Sauce verlangt. "Mein Freund, ohne Sauce geht es nicht", sagt Hendrik Otto – und gibt zum Probieren ein wenig dazu.

"Das war schon eine Herausforderung", sagt Hendrik Otto, als er sich mit zu den Kindern in den Gemeinschaftsraum setzt und auch eine Portion isst. Er habe das zwar schon mal gemacht, zur Eröffnung der Küche in der Schule seiner Tochter in Großbeeren. Aber das sei schon länger her. Und die einzige, die nicht dabei gewesen sei, sei seine Tochter gewesen. "Das wäre schon schöner gewesen, aber sie war dann doch zu aufgeregt", sagt er. Dann steht er wieder auf, schon nach kurzer Zeit. "So, dann wollen wir mal wieder in die Küche", sagt Hendrik Otto.

Überraschung aus der Maschine

Er hat noch eine Überraschung für die Kinder mitgebracht. Sie kommt aus der Maschine, die Lukas Bachl anfangs am Fenster aufgebaut hat. Es gibt Zuckerwatte. Und Hendrik Otto dreht einen Spieß nach dem anderen für die Kinder, die sich sofort in eine Schlange in der Küche anstellen. "Wann kommst Du denn wieder?", fragt eins der Mädchen. "Na, erst mal kommst Du zu uns, oder?", sagt Hendrik Otto und lacht. "Also, ich würde ihm fünf Sterne geben", sagt ein Junge. "Ne, 100!", ruft Ömer.

Am Ende des Tages lassen sich einige Autogramme geben, auf die Papiermützen. Und sie fragen nach den Bildern des Fotografen. Es sind schöne Fotos geworden. 18 Kinder strahlend in der Küche. Und dazwischen Hendrik Otto, umrahmt von den Schülern aus Reinickendorf.

In unserer Adventsserie machen wir bei den 20 bekanntesten Gastro-Persönlichkeiten Berlins einen Hausbesuch. An den Adventssonntagen veranstalten wir mit vier Sterneköchen zusätzlich besondere Events. Heute hat Hendrik Otto mit Kindern in einer Grundschule gekocht – am nächsten Sonntag serviert Marco Müller ("Weinbar Rutz") Wagyu-Schulter bei der Feuerwehr.

Der interaktive Adventskalender von Morgenpost Online

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