30.11.12

Nachruf

Klaus Schütz war ein "Berliner ohne Wenn und Aber"

Der SPD-Politiker regierte den Westteil Berlins von 1967 bis 1977. Jetzt starb er im Alter von 86 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit.

Foto: dapd

Klaus Schütz (SPD) wurde 86 Jahre alt
Klaus Schütz (SPD) wurde 86 Jahre alt

"Ich komme nach Hause", sagte Klaus Schütz, als er 1992 nach 15-jähriger Abwesenheit wieder nach Berlin zurückkehrte. Der ehemalige Regierende Bürgermeister, der zwar 1926 in Heidelberg geboren wurde, aber schon als neunjähriger Schüler an die Spree kam, bezeichnete sich auch während der Jahre, in denen er abwesend war, als "Berliner ohne Wenn und Aber".

Klaus Schütz, der von 1967 bis 1977 die Regierungsgeschäfte von West-Berlin führte, starb am Donnerstag nach kurzer und schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie. Nach Informationen von Morgenpost Online Morgenpost hatte Schütz vor einigen Monaten in seinem Ferienhaus in Grindelwald in der Schweiz einen Herzinfarkt erlitten. Auch nach der Verlegung in ein Berliner Krankenhaus erholte er sich nicht.

Die Berliner SPD würdigte Schütz am Freitag als "klugen Kopf und warmherzigen Menschen". Schütz habe die Stadt "durch seine innen- und außenpolitische Weitsicht und sein herausragendes politisches Gespür für die Bedürfnisse der Berlinerinnen und Berliner" geprägt.

Schütz gab aus dem Stand druckreife Stellungnahmen ab

Er war bis 1981 fast vier Jahre lang Botschafter in Israel und dann zuerst sechs Jahre lang Intendant der Deutschen Welle in Köln sowie anschließend Direktor der nordrhein-westfälischen Landesrundfunkanstalt in Düsseldorf. Familienmittelpunkt für Klaus Schütz und seine Ehefrau Heidi war aber Berlin geblieben. Hier lebten auch ihre Kinder und der Kreis privater und politischer Freunde, zu denen sie den Kontakt nie abreißen ließen. Sogar das Girokonto bei der Sparkasse am Breitenbachplatz, das Schütz eröffnete, als er 1953 heiratete, ließ er bestehen.

Diesem Umstand verdankte das Ehepaar übrigens seine letzte geräumige Sieben-Zimmer-Wohnung unweit des Kurfürstendamms. Denn es bekam den Tipp vom Sparkassendirektor, der wiederum Bekannte hatte, die das Haus an der Konstanzer Straße für die in München lebende Eigentümerin vermieteten.

Hier genoss Schütz, der einst im politischen Geschäft häufig für Wirbel gesorgt hatte, das Gleichmaß des Ruhestands. Er reiste wenig und nahm nur noch in Ausnahmefällen Einladungen an. Auch politisch wollte er möglichst abstinent bleiben, sich eigentlich nirgends mehr einmischen.

Wenn aber sein Urteil zu aktuellen Ereignissen erbeten wurde, war die Verlockung dann doch zu groß. Schütz gab aus dem Stand Stellungnahmen ab, die immer noch druckreif waren. Sein Leben wurde ärmer, als seine um vier Jahre ältere – zuletzt pflegebedürftige – Frau im Februar 2006 starb. Schütz sprach über den schweren Verlust nicht gern.

Tochter Chania und Schwiegersohn Gary Smith, Direktor der Berliner American Academy, die mit ihren drei Kindern im gleichen Haus nur eine Treppe über ihm lebten, konnten den Schmerz zwar lindern, aber nicht vergessen machen.

Seit 1945 war die rechte Hand des Politikers gelähmt

Auch sein Leben war wie das vieler seiner Generation stark vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Als 18-Jähriger wurde er kurz vor Kriegsende zur Wehrmacht eingezogen. Am 28. April 1945 wurde er bei Padua während eines Überfalls durch italienische Partisanen schwer verwundet. Seitdem war seine rechte Hand gelähmt. Nach der Kriegsgefangenschaft trat er im April 1946 der SPD bei.

Schon bald engagierte er sich mit extrem linken Ideen bei den Jusos in Wilmersdorf, die ihn 1947 in den Landesausschuss der SPD delegierten. Auch als Geschichtsstudent an der Humboldt-Universität, die damals noch Friedrich-Wilhelm-Universität hieß, wurde er wegen seines forschen Auftretens in den Studentenrat gewählt.

Im Studienjahr 1949/50 konnte er mit einem Stipendium an der Harvard-Universität in Cambridge bei Boston das Funktionieren der amerikanischen Demokratie und der dortigen Gewerkschaften studieren – ein Aufenthalt, der Schütz für sein ganzes weiteres Leben geprägt hat.

Bald nach der Rückkehr im Herbst 1950 stürzte er sich in den Richtungskampf, der in der Berliner SPD zwischen dem Landesvorsitzenden Franz Neumann auf der einen sowie Ernst Reuter und seinem Gefolgsmann Willy Brandt auf der anderen Seite tobte. Schütz unterstützte Brandt mit vollem Einsatz. Daraus entwickelte sich eine enge Freundschaft.

Als 28-Jähriger wurde er 1954 Mitglied des Abgeordnetenhauses. Drei Jahre später rückte er für den zum Regierenden Bürgermeister gewählten Brandt in den Bundestag nach. Und im Dezember 1961 setzte Brandt durch, dass er zum Bundessenator gewählt wurde. Zuvor hatte Schütz vor der Bundestagswahl im September 1961 von Berlin aus den Wahlkampf für den SPD-Kanzlerkandidaten Brandt nach amerikanischem Muster bürgernah organisiert.

Schütz war auch dabei, als Brandt am frühen Morgen des 13. August 1961 in Hannover aus dessen Wahlsonderzug geholt und über den Mauerbau in Berlin informiert wurde. Als Willy Brandt bei der Bundestagswahl 1965 erneut antrat, trug sein Vertrauter Schütz im Berliner Wahlbüro ebenfalls für ein relativ gutes Abschneiden des SPD-Spitzenmannes bei. Brandt revanchierte sich im Dezember 1966, als er Außenminister in der von Kurt Georg Kiesinger (CDU) geführten großen Koalition wurde. Er holte Schütz als beamteten Staatssekretär nach Bonn. Und Egon Bahr, bis dahin Sprecher des Senats, wurde Sonderbotschafter im Auswärtigen Amt.

Beide gehörten zum kleinen Kreis, der um Brandt gescharten Vordenker, die von 1963 an als Antwort auf den Mauerbau den neuen deutschlandpolitischen Kurs der "kleinen Schritte" und des "Wandels durch Annäherung" entwickelten. Klaus Schütz hat später zugegeben, dass er bei aller Anhänglichkeit an Berlin das Amt des Bonner Staatssekretärs als die in seinem Leben wichtigste und interessanteste Aufgabe ansah. Deshalb fiel es ihm sehr schwer, sie schon nach nur zehn Monaten wieder aufzugeben und nach Berlin zurückkehren.

Heinrich Albertz, der als Nachfolger von Brandt Regierender Bürgermeister geworden war, war schon wenige Wochen nach den Schah-Krawallen des 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper bei seinen Berliner SPD-Genossen in Misskredit geraten und schließlich zurückgetreten. Willy Brandt schickte seinen treuesten Gefolgsmann Schütz, mit dem Auftrag, in der Partei wieder Ordnung zu schaffen.

Titel seiner Erinnerungen: "Logenplatz und Schleudersitz"

Am 19. Oktober 1967 wurde ein nicht gerade begeisterter Schütz vom Abgeordnetenhaus an die Spitze des Senats gewählt. Er schrieb in seinem 1992 unter dem Titel "Logenplatz und Schleudersitz" erschienenen Erinnerungen: "Ich war mir keineswegs sicher, ob ich der Richtige für dieses Amt und ob dieses Amt für mich das Richtige sei."

Im Sender Rias ließ er damals wissen: "Das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin ist eine der wenigen Spitzenpositionen, die die freie Welt meiner Ansicht nach zu vergeben hat." Schütz wollte den hohe Wellen schlagenden Studentenprotesten anfangs dadurch begegnen, dass er sich der Diskussion stellte. Doch am 19. Dezember 1967 während seines Vortrags im Auditorium Maximum der FU schlug ihm in Sprechchören Hohn und Spott entgegen. Die Feindseligkeit erreichte ihren Höhepunkt, als hinter ihm auf dem Podium ein Plakat mit dem Text hochgehalten wurde: "Solche Idioten regieren uns." Schütz behandelte die Probleme der Hochschulpolitik fortan mit Distanz.

Die durch das Viermächte-Abkommen über Berlin von 1971 erzielten Ergebnisse, überhaupt das Feld der Ost-West-Beziehungen und das Verhältnis zur Bundesregierung und zu den Alliierten lagen ihm ohnedies näher. In der Bevölkerung genoss Schütz große Popularität, obwohl er kommunale Themen wie Kindergärten, Straßenreinigung und BVG-Tarife lieber seinen Fachsenatoren überließ.

Auch als Mitte der 70er-Jahre skandalöse Entwicklungen um den Steglitzer Kreisel, die Porzellan-Manufaktur KPM und das ICC Schlagzeilen machten, schien dies Schütz nicht sehr zu beeindrucken. Deshalb meldeten sich auch in der SPD Stimmen, die seine Ablösung verlangten.

Im März 1975 fiel die SPD auf 42,6 Prozent zurück und musste mit einer ihr höchst unbequemen FDP koalieren, das verzieh ihm seine Partei nicht. Deshalb kam vielen Berliner Genossen Ende April 1977 ein Fehler des Innensenators Kurt Neubauer (SPD) durchaus gelegen. Weil Neubauer, ein Schütz-Intimus, Aufsichtsratstantiemen der Berliner Bank über Jahre pflichtwidrig nicht an die Landeskasse abgeführt hatte, wurde nicht nur er, sondern auch der Regierende Bürgermeister Schütz zum Rücktritt gezwungen.

Für seine Verdienste wurde Schütz unter anderem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband und dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet. SPD-Landeschef Jan Stöß sagte am Freitag: "Wir werden Klaus Schütz sehr vermissen."

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