25.11.12

Fall Jonny K.

Gewaltexzesse - milde Strafen sind ein fatales Signal

Nach dem Tod von Jonny K. und einer weiteren Prügelattacke am Alexanderplatz steht auch die deutsche Justiz in der Kritik.

Von Freia Peters
Foto: Reto Klar
Nach dem Tod von Jonny K. und einer weiteren Prügelattacke am Alexanderplatz steht auch die deutsche Justiz in der Kritik.
Durchgreifen statt nur verwarnen: Bärbel Freudenberg-Pilster ist ehemalige Jugendrichterin. Sie plädiert für hohe Strafen mit abschreckender Wirkung

"Wenn ich Mist baue, macht nichts, ich komme morgen wieder frei!" Das ist so ein Satz, den Ercan Yasaroglu oft hört von seinen Jugendlichen. Seit fast 30 Jahren arbeitet er nun als Sozialarbeiter in Berlin, vor allem mit Drogenabhängigen. "Unsere Justiz sucht immer Milde in der Strafe", sagt Yasaroglu. Und: "Ich halte das für ein fatales Signal an Jugendliche, die auf der Straße aufwachsen."

Neben seiner Arbeit mit Jugendlichen betreibt Yasaroglu ein Café in Berlin-Kreuzberg. Er ist Deutscher türkischer Herkunft, doch von Migrantenverbänden wie etwa der Türkischen Gemeinde Deutschland fühlt er sich nicht vertreten. "Diese Verbände betreiben separatistische Politik", sagt Yasaroglu. "Die schweigen, solange ein Opfer nicht türkischer Herkunft ist. Erst wenn ein Türke einem Verbrechen zum Opfer fällt, ist der Aufstand groß."

Als Beispiel nennt er die NSU-Morde. Lange Zeit standen auf den Internetseiten vieler Migrantenverbände nur die acht Fotos der türkischen Opfer – die Fotos des zu Tode gekommenen Griechen und der deutschen Polizistin fehlten. Gemeinsam mit 15 deutschtürkischen Intellektuellen hat er einen Brief unterzeichnet, in dem er seiner Empörung Ausdruck verleiht über die Reaktionslosigkeit von Gesellschaft und Justiz über das Attentat an Jonny K., jenem 20-Jährigen, der am Berliner Alexanderplatz zusammengeschlagen wurde und starb.

Die Türkische Gemeinde hat sich nicht zu Jonny K. geäußert

"Da wird ein junger Mensch gelyncht, mitten unter uns, weil jemand schlechte Laune hatte", sagt Yasaroglu. "Ich stelle mir bloß vor, ein Faschist hätte einen Türken zusammengeschlagen. Das hätte einen Aufschrei gegeben!" Dieses Mal aber war das Opfer Sohn eines Deutschen und einer Thailänderin. Die Täter allem Anschein nach türkischer Herkunft. Die Türkische Gemeinde hat sich nicht zu dem Vorfall geäußert – nach dem Motto: Egal, hat keinen von uns getroffen, wie Yasaroglu sagt. "Mich schreckt diese Form des Rassismus ab. Jeder Verein nutzt eine Tat für seine Interessen. Opfer ist Opfer."

Wie das angehen kann, dass vor allem in Berlin immer wieder milde Strafen für Schwerstkriminelle verhängt werden, fragt sich auch Bärbel Freudenberg-Pilster, die als Jugendrichterin arbeitete, bevor sie Staatssekretärin in Sachsen-Anhalt wurde. "Juristenkollegen sprechen selbst bei tödlichen Gewalttaten Bewährungsstrafen und Haftverschonung aus", sagt die Juristin, die heute als Anwältin in Berlin arbeitet. "Das ist für mich nicht mehr nachzuvollziehen."

"Täter dürfen nicht gestreichelt werden"

Empört habe sie vor allem das Urteil des Richters im Prozess um Giuseppe M., der im September 2011 von zwei Tätern in der U-Bahn angegriffen und verfolgt wurde. Der flüchtende 23-Jährige rannte auf eine achtspurige Straße, wurde von einem Auto erfasst und starb. "Wenn Giuseppe etwas langsamer gelaufen wäre, wäre das nicht passiert", hatte der Richter im Prozess gesagt und für den Haupttäter wegen Körperverletzung mit Todesfolge zwei Jahre zur Bewährung verhängt und 600 gemeinnützige Arbeitsstunden.

"Vielleicht sollte sich dieser Richter besser mit Zivilsachen beschäftigen", sagt Freudenberg-Pilster und plädiert für hohe Strafen, um eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter zu erzielen, also das zu tun, was Juristen Generalprävention nennen. "Täter dürfen nicht gestreichelt werden. Wie sollen sie verstehen, dass sie ein Menschenleben vernichtet haben, wenn sie mit Bewährungsstrafen und Sozialstunden davonkommen?"

Mehr soziale Kontrolle

Yasaroglu und seine Mitstreiter wollen bewusst keinen Verein gründen, es sind Freunde, Kollegen, alle türkischer Herkunft. Ebenso gemeinsam ist ihnen, dass sie sich von keinem der Migrantenvereine vertreten fühlen. Sie haben eine Facebook-Gemeinschaft gegründet, "Wir trauern um Jonny", aber es hat niemand groß Notiz genommen – gerade mal 295 "Gefällt mir"-Angaben gab es. "Diese Stille fanden wir schlimm", sagt Yasaroglu. "Wir müssen reagieren, dachten wir, also schrieben wir einen Brief." Die 16 Unterzeichner sind Erzieher, Fußballtrainer, Pfleger, Juristen, Bauunternehmer. Man könnte sagen: ein Querschnitt der deutschtürkischen Gesellschaft. "Die Migrantenverbände richten sich viel zu sehr an der türkischen Innenpolitik aus", sagt die Autorin Gülcin Wilhelm, ebenfalls eine Unterzeichnerin des Briefes in Gedenken an Jonny K. Yasaroglu, Wilhelm und ihre Freunde wollen mit ihrem Engagement erreichen, dass es mehr soziale Kontrolle gibt, dass jeder sich verantwortlich fühlt und nicht sagt: "Was kümmert es mich? Das ist nicht mein Sohn."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Schlechter Einfluss Amerikaner wollen Justin Bieber ausweisen
Südkorea "Es war wie eine Mordtat"
Venezuela Straßenschlacht in Caracas
Russischer Politiker Wütender Schirinowski attackiert Journalistin auf…
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bildband

So war das Leben in West-Berlin

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote