24.11.12

Holocaust

Der "gute Deutsche von Nanking" - Siemens gedenkt John Rabe

Mit einer Tafel in Berlin erinnert das Unternehmen Siemens an seinen Manager John Rabe. Er wurde als "Oskar Schindler Chinas" bekannt.

Von Anne Klesse
Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Ehrung: Der Berliner Siemens-Chef Burkhard Ischler (r.) enthüllt mit dem Vertreter der chinesischen Botschaft, Lou Liaofan, die Gedenktafel
Ehrung: Der Berliner Siemens-Chef Burkhard Ischler (r.) enthüllt mit dem Vertreter der chinesischen Botschaft, Lou Liaofan, die Gedenktafel

Der "gute Deutsche von Nanking" hat jetzt eine Gedenktafel in Berlin. Am Freitag enthüllte der Berliner Siemens-Repräsentant Burkhard Ischler gemeinsam mit einem Vertreter der chinesischen Botschaft die Edelstahltafel im Verwaltungsgebäude des Konzerns. "Die Verdienste John Rabes sind in China bis heute unvergessen", sagt Ischler. Kürzlich habe er auf einer Reise dort erlebt, "welche Wertschätzung Rabe dort erfährt".

John Rabe, Jahrgang 1882, hatte 1931 bis 1938 die Siemens-Vertretung in Nanking, der damaligen Hauptstadt Chinas, geleitet. Als einfacher Kaufmann war der gebürtige Hamburger 1908 in das Kaiserreich gekommen, um dort zu arbeiten. Von 1911 an arbeitete er bei der Siemens China Co. Was anfangs eher als Zwischenstation gedacht war, wurde ein halbes Leben: Er blieb 30 Jahre. Jahre, in denen er sich ein gutes Leben aufbaute – und 250.000 Menschen das Leben rettete. In China wird Rabe seither als "der guter Deutsche von Nanking" verehrt, die "New York Times" bezeichnete ihn mal als "Oskar Schindler Chinas".

Baugleiche Tafel in Nanking

Die Idee einer Gedenktafel geht auf ein Projekt zur Nachwuchsförderung bei Siemens zurück. 18 Monate lang habe man daran gearbeitet, um sie Wirklichkeit werden zu lassen, sagte einer der Verantwortlichen. Am Freitag, dem 130. Geburtstag John Rabes, im Kulturjahr Chinas in Deutschland anlässlich des 40. Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und China, wurden nun außer in Berlin auch in Rabes Heimatstadt Hamburg sowie am ehemaligen Sitz Rabes in Nanking Gedenktafeln enthüllt. Eine weitere Tafel soll an dem Haus in Berlin angebracht werden, in dem Rabe seinen Lebensabend verbrachte. So wurde am Freitag rund um den Globus noch einmal an das Leben und Wirken John Rabes erinnert.

Dass John Rabe, obwohl er kein Akademiker war, überhaupt Prokurist und Leiter einer Niederlassung bei Siemens wurde, war ungewöhnlich. Doch er galt als fleißig und sprach fließend Englisch und Chinesisch. 1934 gründete er auf seinem Grundstück in Nanking eine deutsche Schule. Er galt als guter Tänzer und war ein beliebtes Mitglied der Taipans, der reichen ausländischen Firmenvertreter. Seine Frau Dora soll gern Feste für die Gemeinde gegeben haben, auf denen in dem großen Haus der Rabes bis in die Morgenstunden getanzt wurde.

Flüchtlinge schlafen unter Hakenkreuz-Fahne

In seiner Freizeit schrieb John Rabe Tagebuch. Darin beschrieb er auch seine Erlebnisse während des Massakers in Nanking im Dezember 1937. Wenige Monate nach dem Ausbruch des japanisch-chinesischen Krieges war Nanking eingenommen worden. Über Wochen kam es daraufhin seitens der japanischen Besatzer zu Massenexekutionen und systematischen Vergewaltigungen. Rabe selbst blieb währenddessen zwar körperlich unversehrt, doch das, was er sah und was ihm berichtet wurde, erschütterte ihn.

Anderen ging es offenbar ähnlich. Und so gründeten die wenigen Ausländer, die bis dato nicht aus Nanking geflohen waren, das Internationale Komitee für Sicherheit und schafften eine vier Quadratkilometer große Schutzzone für die chinesische Zivilbevölkerung. Ende 1937 wählten sie John Rabe, mittlerweile 55 Jahre alt, zu ihrem Vorsitzenden. Auf seinem Grundstück ließ er außerdem eine riesige Hakenkreuz-Fahne spannen, um die mit Hitler-Deutschland sympathisierenden japanischen Piloten von der Bombardierung seines Hauses abzuhalten. Nachts schliefen chinesische Flüchtlinge unter der Fahne in seinem Garten. John Rabe und seine Mitstreiter konnten so etwa 250.000 Chinesen das Leben retten. Mindestens 100.000 Chinesen kamen während dieser Zeit in Nanking ums Leben.

Umstrittene NSDAP-Mitgliedschaft

Auf Grundlage seiner Tagebücher, aus denen Erwin Wickert (Vater von Fernsehmoderator Ulrich Wickert), der später deutscher Botschafter in China war, Auszüge als Buch veröffentlichte, wurde das Leben von John Rabe verfilmt. 2009 lief "John Rabe" mit Ulrich Tukur im Kino.

Heute gilt John Rabe als Held. Trotzdem war er lange Zeit durchaus auch umstritten. Recht früh war er der Ortsgruppe der NSDAP beigetreten – er begründete den Schritt später mit der Hoffnung, dass die deutschen Heimatbehörden Lehrer entsandten. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass er in Nanking lange auf die Hilfe Hitlers hoffte, immer wieder fand er bewundernde Worte für ihn. Er telegrafierte an "den Führer" und bat "um gütige Fürsprache bei japanischer Regierung". Vielleicht war dieser Glaube der Tatsache geschuldet, dass Rabe zuletzt 1930 in Deutschland gewesen war. Alles, was in den Jahren danach passierte, erlebte er aus Tausenden Kilometer Entfernung.

1938 wurde er in seine Heimat zurückberufen und kam mit seiner Frau bei ihrer Tochter in Siemensstadt unter. Zurück in Berlin wurde Rabe zunächst einmal in der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Straße verhört, doch man ließ ihn wieder gehen. Nach dem Krieg wurde er 1946 entnazifiziert. Seine letzten Jahre lebte Rabe in Berlin, er war arbeitslos, war in Geldnot und litt an Depressionen. Am Mittag des 5. Januar 1950 erlitt er einen Schlaganfall und starb.

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