23.11.12

Neues Buch

Wolf, Hund, Mensch

Ein Buch erklärt die Geschichte einer sehr alten Beziehung.

Von Eckhard Fuhr
Foto: dapd

Diese Wölfe tappten in Brandenburg in eine Fotofalle
Diese Wölfe tappten in Brandenburg in eine Fotofalle

Lupus ante portas! Ob das ein Jubel- oder ein Schreckensruf ist, hängt vom Standpunkt, der Interessenslage, dem Naturverständnis des Rufenden ab. Falscher Alarm ist er jedenfalls nicht. Die Wölfe haben die Hauptstadt Berlin erreicht. Mit Fotofallen wurde jetzt nachgewiesen, dass sich ein Rudel unmittelbar südlich der Stadtgrenze etabliert hat. Wäre es in der Metropole still, könnte man sie vielleicht heulen hören. Wölfe meiden keineswegs die Nähe großer Städte. An der Peripherie von Rom leben sie schon lange.

Seit der Jahrtausendwende verbreiten sich die Wölfe in Deutschland, wo sie 150 Jahre lang fast vollständig ausgerottet waren, wieder mit zunehmender Geschwindigkeit. Im Jahr 2000 zog ein Paar Welpen auf einem Truppenübungsplatz in der Lausitz auf. Inzwischen sind 18 Rudel in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein nachgewiesen. Auf 100 bis 120 Tiere wird der Bestand geschätzt. Die wölfische Rückeroberung angestammter Gebiete scheint trotz illegaler Abschüsse und vieler Verkehrsopfer unaufhaltsam zu sein. Sie drängt in der öffentlichen Aufmerksamkeit alle anderen Themen des Natur- und Artenschutzes an den Rand. Plötzlich kehrt die "Wildnis" zurück, und zwar nicht von selbst, nicht eingehegt in Nationalparkgrenzen. Das wirft grundlegende kulturelle Fragen auf.

Eine uralte Beziehungskiste

Und es aktiviert so etwas wie eine kulturgeschichtliche Fernerinnerung. Denn seit der moderne Mensch Afrika vor etwa 60.000 Jahren verließ, war er nie ohne den Wolf, der vor ihm schon die nördliche Hemisphäre bevölkert hatte. Sie kamen sich so nahe, dass der Wolf als Hund sich dem Menschen anpasste und der Mensch über den Wolf in spirituelle Beziehung zu seiner Umwelt trat. Sie waren ein Kultur stiftendes Gespann, diese beiden Jäger, die sich so ähnlich waren in ihrem Verhalten und die in den Jahrzehntausenden vor der neolithischen Revolution, vor der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, auch auf die gleiche Art die natürlichen Ressourcen nutzten. In alten Schamanenkulturen war der Wolf der Bruder und Mittler zum Reich der Geister, was nichts daran änderte, dass Mensch und Wolf sich bei Gelegenheit töteten und verspeisten. Heute werden gerade in Großstädten so viele Hunde gehalten wie nie zuvor, fast ausschließlich als Sozialpartner, als tierische Kumpane. Die alte Geschichte ist also noch lange nicht zu Ende. Die Rückkehr der Wölfe wühlt sie wieder auf.

Das magische Dreieck Wolf-Hund-Mensch ist seit Jahren Gegenstand intensiver evolutions- und verhaltensbiologischer Forschung. Seitdem die Telemetrie systematische Freilandbeobachtung von Wölfen erlaubt, ist das Wissen über diese Art explodiert. Die neuen Erkenntnisse stellen Ansichten, die man aus der Arbeit mit Gehegewölfen gewonnen hatte, zum Teil auf den Kopf. Insbesondere das Bild von der strengen Hierarchie im wölfischen Sozialverband hat sich aufgelöst. Es gibt zwar Alphatiere. Aber die dominieren das Rudel keineswegs mit Härte und Gewalt. Zusammenhalt wird durch Kooperation und Zuwendung untereinander erzeugt, der allerdings eine geradezu xenophobische Aggressivität gegen fremde Artgenossen gegenüber steht. Es gibt für einen jungen Wolf nichts Gefährlicheres, als sich auf die lange Wanderung durch fremde Territorien zu machen, um ein eigenes zu finden. Deshalb bleiben viele junge Wölfe lange bei den Eltern und verzichten auf eigenen Nachwuchs.

Die Wolfsgesellschaft weist also ausgesprochen "menschliche" Züge auf. Wölfisches Verhalten kommt uns vertraut vor. Doch während früher die Wissenschaft diesem "Vertrauten" mit äußerstem Misstrauen begegnete, sehen Biologen und Anthropologen heute in dieser Nähe zwischen Mensch und Wolf einen Schlüssel zum Verständnis der Anfänge menschlicher Kultur. Angesichts der Bedeutung, die das Zusammenleben mit Hunden gerade heute hat, stehen die populärwissenschaftlichen Rezeptionspforten für solche Forschungen offen. Das Dreieck Wolf-Hund-Mensch bezeichnet auch ein kräftig wachsendes Segment auf dem Sachbuchmarkt. "Wir wurden", schreibt der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal, "in Gemeinschaft mit Tieren, besonders aber mit Wölfen und Hunden, zu modernen Menschen. Das ist zu berücksichtigen, wenn wir uns selbst verstehen wollen. Das System Wolf-Mensch-Hund bildet eine uralte Beziehungskiste. In gewisser Weise war diese Beziehungskiste immer auch eine Schicksalsgemeinschaft".

Kotrschal ist Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums im niederösterreichischen Ernstbrunn, der weltweit größten Einrichtung seiner Art. An gleichartig mit der Flasche aufgezogenen Wölfen und Hunden wird hier untersucht, was es mit der verblüffenden Fähigkeit des Primaten Mensch und des Caniden Wolf auf sich hat, sich gegenseitig zu verstehen und wie es schließlich zu jener symbiotischen Koexistenz kam, die im Hund ihren Ausdruck findet.

Diese erste Domestikation ist lange als ein Akt der Naturbeherrschung beschrieben worden, der Mensch "zähmte" die Bestie und machte sie sich dienstbar. Jetzt folgt die Forschung der Leitidee der Koevolution zweier Arten und versteht Domestikation als Anpassung einer Art an ein Leben mit dem Menschen. Konrad Lorenz verstand die "Haustierwerdung" noch als einen Verlust an Wildheit und sprach bei Gelegenheit auch von der "Verhausschweinung" des Menschen.

Verhaltensbiologen wie Kotrschal sehen heute in der Domestikation eher so etwas wie einen klugen Schachzug der Evolution. Als Hund jedenfalls ist der Wolf seines Lebens als Gattung sicher. Kotrschals Buch darf jetzt schon als Standardwerk gelten. Es bringt den Leser zuverlässig auf den neuesten Stand der Wolfsbiologie und besticht vor allem dadurch, dass es bei aller erkennbaren Liebe zum Forschungsgegenstand den Wolf nicht idealisiert. Das ist wohltuend angesichts der in der Wolfsschützerszene grassierenden Wildnisromantik. Bei Kotrschal kann man zum Beispiel nachlesen, dass Wolfsangriffe auch in jüngster Zeit keinesfalls Horrormärchen sind. Es ist eben nicht ausgeschlossen, wie von vielen Wolfsfreunden behauptet, dass Wölfe Kinder als Jagdbeute betrachten.

Wolfsforschung ist nicht nur ein intellektuelles Abenteuer, besonders, wenn sie in echter Wildnis stattfindet. Unvermeidlich schaut dann Jack London dem Feldforscher über die Schulter. Der Wildbiologe Bob Hayes war jahrzehntelang Regierungsbeauftragter für das "Wolfsmanagement" im kanadischen YukonTerritorium. Sein glänzend geschriebener Erfahrungsbericht über die Ökologie der Wölfe in diesem Gebiet ist jetzt von seinem deutschen Kollegen Ulrich Wotschikowsky übersetzt und im Selbstverlag heraus gebracht worden.

Trophäenhatz der Jagdtouristen

Hayes führt den Leser tief in die Vergangenheit, bis in die letzte Eiszeit, als das Land Beringia, die Senke zwischen Alaska und Sibirien, kein Meer, sondern eine weite Grassteppe und Lebensraum für menschliche und tierische Großwildjäger war. Den eiszeitlichen Giganten folgten, als es wärmer wurde, Elch und Rentier. Ihre Epoche dauert bis heute und ihnen vor allem gilt die Jagd der Wölfe, die Subsistenzjagd der Eingeborenen und die Trophäenjagd der Jagdtouristen. Bis in jüngste Zeit war es Wolfspolitik im Yukon, durch Dezimierung der Wölfe die Bestände nutzbaren Wildes hoch zu halten. Bob Hayes war selbst auch an solchen Aktionen beteiligt. Heute steht er ihnen skeptisch gegenüber.

Kurt Kotrschal: Wolf, Hund, Mensch. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. Brandstätter, 22,50 Euro.

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