22.11.12

Ausgrabungen

Forscher legen Nazi-Scherben auf dem Tempelhofer Feld frei

30 Zentimeter unter dem Rasen des Freizeitareals sind Archäologen auf Fundamente einer Zwangsarbeiter-Baracke aus der Nazi-Zeit gestoßen.

Foto: dpa

"Schönheit der Arbeit" ist auf einer Scherbe im archäologischen Depot auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen zu sehen
"Schönheit der Arbeit" ist auf einer Scherbe im archäologischen Depot auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen zu sehen

Bei Grabungen auf dem Tempelhofer Feld haben Archäologen weitere Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit Berlins freigelegt.

Nur 30 Zentimeter unter dem Rasen stießen sie auf Fundamente einer ehemaligen Zwangsarbeiter-Baracke, berichtete Grabungsleiter Jan Trenner am Donnerstag. Der Fund weist erneut darauf hin, dass der Flughafen Tempelhof ein zentraler Ort der Nazi-Zwangsherrschaft war. Das ehemalige Flughafengelände ist inzwischen ein beliebtes Freizeitareal in Berlin.

Archäologen gehen von mehreren tausend Zwangsarbeitern aus, die dort ab 1941 unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und schuften mussten. "Hier schlummert viel mehr im Boden als man denkt", sagt Trenner mit Blick auf die kleine eingezäunte Fläche, die hinter dem Friedhof am Columbiadamm liegt. Was für die Jogger und Sportler im Park wie eine Baustelle aussieht, nennt Landeskonservator Jörg Haspel eine "Archäologie der unbequemen Erbschaften". Dass es Zwangsarbeiter auf dem Flughafengelände gab, auch für die Lufthansa, sei bekannt. Doch unter welchen Umständen die Menschen lebten, ist weitgehend unerforscht.

Durch die gemeinsame Grabung des Landes und der Freien Universität Berlin lässt sich nun etwas mehr Licht ins Dunkel bringen: Die Barackenwände waren nur rund sieben Zentimeter dick. Möglicherweise gab es im Winter kaum Wärme. Wahrscheinlich haben die Arbeiter in den Räumen auch gekocht, denn es fanden sich große Schüsseln aus Emaille. Es gab sanitäre Anlagen und einen Splittergraben, der bei den zahlreichen Bombenangriffen auf den Flughafen wohl kaum so gut geschützt haben dürfte wie die Bunkerräume im Hauptgebäude.

Baracke für Zwangsarbeiter aus Osteuropa

In einer Baracke hätten rund 300 Menschen gelebt, berichtet Grabungsleiter Trenner. Dass die Gebäude überbelegt waren, lässt sich aus einer Aktennotiz aus dem Archiv rückschließen: Der Bedarf an Kubikmetern Luft pro Mensch wurde dort zynisch heruntergerechnet. Nach den bisherigen Recherchen kamen viele Zwangsarbeiter, Männer und Frauen, aus Osteuropa – aus Polen, der Ukraine oder Russland. Sie wurden im Flugzeugbau und bei Reparaturen für die schmutzigsten Arbeiten herangezogen und mussten auch mit Chemikalien umgehen. Vermutlich erhielten sie dafür nur einen Hungerlohn – wenn überhaupt.

Die Funde rufen die Erinnerung daran wach, dass der Flughafen Tempelhof einst Teil der Waffenschmiede des Dritten Reichs war. Verdrängt oder vergessen werden soll das nicht. Die Ergebnisse der Grabungen würden in das Berliner Gedenkstättenkonzept einfließen, sagt Landeskonservator Haspel. Erste Info-Tafeln im Park erinnern jetzt schon an dieses dunkle Kapitel.

Bei den Grabungen, die bisher 150 000 Euro gekostet haben, entdeckten die Archäologen aber noch mehr Spuren aus der wechselvollen Geschichte des Flughafenareals: Sargbeschläge aus der Zeit, als die Fläche noch Friedhof war und Toilettenartikel der Alliierten – bis hin zu Verhütungsmitteln.

Quelle: dpa/bee
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