22.11.12

Berliner Charité

Missbrauch an der Charité - Senatorin kritisiert Leitung

Ein Pfleger soll eine 16-Jährige missbraucht haben – die Staatsanwaltschaft ermittelt. Senatorin Scheeres kritisiert die Verantwortlichen.

Foto: dapd

Im Zuge der Ermittlungen um den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch einer 16 Jahre alten Patientin durch einen Pfleger an der Berliner Charité sind weitere Verdachtsfälle bekannt geworden
Im Zuge der Ermittlungen um den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch einer 16 Jahre alten Patientin durch einen Pfleger an der Berliner Charité sind weitere Verdachtsfälle bekannt geworden

Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat im Fall eines mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs einer 16 Jahre alten Patientin durch einen Pfleger an der Berliner Charité personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen.

Der Vorstand der Klinik sei von ihr aufgefordert worden, die genauen Hintergründe und Abläufe offenzulegen, sagte die Politikerin am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus. "Daraus wird sich ergeben, ob personelle Konsequenzen gezogen werden." Es sei aber bereits jetzt klar, dass die Verantwortlichen Fehler gemacht hätten. "Der Vorfall ist dramatisch", sagte die Senatorin. Anfang Dezember werde sich der Aufsichtsrat mit dem Thema befassen.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass sich ein Pfleger in der Rettungsstelle an einer 16-Jährigen vergangen hatte. Der Mann soll laut der Klinikleitung in der Vergangenheit bereits dreimal aufgefallen sein. Vor diesem Hintergrund bezeichnete Scheeres es als "unerklärlich", warum der Tatverdächtige im Kinderbereich des Krankenhauses eingesetzt

Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein

Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe hat die Berliner Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Personen eingeleitet. "Wir ermitteln mit Hochdruck", sagte der Sprecher der Anklagebehörde, Martin Steltner, am Donnerstag. Der Fall sei nicht einfach, da der Übergriff schon vor mehr als einer Woche passiert sei.

"Beweismittel wie DNA-Spuren gibt es leider nicht mehr", sagte Steltner. "Darum müssen wir vor allem auf Zeugenaussagen zurückgreifen – etwa die der mutmaßlich Geschädigten." Der 58 Jahre alte Tatverdächtige sei bislang wegen ähnlicher Fälle nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten.

"Charité hat sich nicht strafbar gemacht"

Steltner wollte die späte Auskunft der Charité nicht kommentieren. "Wir wurden am Mittwoch von dem Rechtsvertreter der Charité über den Fall unterrichtet." Dem sei ein Auskunftsersuchen der Staatsanwaltschaft vorausgegangen. Gesetzlich sei die Charité nicht verpflichtet gewesen, den Fall zu melden. "Darum hat sie sich auch nicht strafbar gemacht. Anders sieht es aus, wenn jemand von einem geplanten Verbrechen weiß und das nicht anzeigt."

Eine Anzeige der Eltern der 16-Jährigen oder der Charité lägen nicht vor. "Wir haben von Amtswegen ein Verfahren eingeleitet." Dabei stehe vor allem der aktuelle Fall im Vordergrund, sagte Steltner. Aussagen von Kollegen des Pflegers, auch in der Vergangenheit habe es Grenzüberschreitungen des Mannes im Umgang mit Kindern gegeben, müssten mit Vorsicht geprüft werden. "Im Hinblick auf etwaige weitere Fälle müssen wir uns hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen."

Ärztepräsident verteidigt Charité

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günter Jonitz, hat die Klinikführung in Schutz genommen. Sie bemühe sich nach Kräften um ein besseres Risikomanagement, sagte Jonitz am Donnerstag im Inforadio des RBB. Aber es handele sich um die größte Universitätsklinik in Europa, was die Aufgabe erschwere.

Der Vorsitzende des Vereins Deutsche Kinderhilfe, Georg Ehrmann, ist über den Missbrauchsverdacht nicht überrascht. Er gehe davon aus, dass es bundesweit noch viel mehr solcher Fälle gebe, sagte der Kinderhilfe-Chef am Donnerstag. Zur Begründung verwies Ehrmann auf Expertenauffassungen, wonach zwei Prozent der männlichen Erwachsenen pädophile Neigungen haben und bevorzugt dort arbeiten, wo es Kinder gibt.

Quelle: dpa/bee
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