22.11.12

Berliner Uni-Klinik

Staatsanwalt ermittelt nach sexuellem Missbrauch an Charité

Ein Pfleger soll eine 16-Jährige missbraucht haben. Es gibt Hinweise auf drei weitere Taten. Die Klinik wurde spät informiert.

Von Joachim Fahrun
Quelle: BMO
21.11.12 1:16 min.
In der Kinderklinik der Berliner Charité soll ein Pfleger eine 16 Jahre alte Patientin missbraucht haben. Die Polizei ermittelt.

Das Berliner Universitätsklinikum Charité ist wenige Wochen nach dem viel kritisierten Umgang mit dem Ausbruch von Keimen auf der Frühgeborenenstation erneut in Erklärungsnot wegen seiner Kommunikationspolitik.

Vergangene Woche wurde auf der Kinderrettungsstelle des Campus Virchow eine 16 Jahre alte Patientin von einem Pfleger sexuell missbraucht. Die Klinik informierte weder die Öffentlichkeit noch die Staatsanwaltschaft, erst nachdem das Verbrechen in einem Zeitungsbericht öffentlich wurde und die Staatsanwaltschaft daraufhin Ermittlungen aufnahm, äußerte sich die Klinik. Auch der Charité-Vorstand Karl Max Einhäupl erfuhr nach eigenen Angaben erst am Dienstagmittag von dem schwerwiegenden Vorfall.

Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), Aufsichtsratschefin der Charité, reagierte empört, zumal sie im Kontrollgremium noch am Freitag über eine neue Kommunikation in der Charité beraten hatte. Sie fordert lückenlose Aufklärung: "Ich gehe davon aus, dass dann deutliche Konsequenzen gezogen werden müssen, gegebenenfalls auch personelle."

Nach Schilderungen der Pflegeleitung war das Mädchen am frühen Mittwochmorgen des 14. November 2012 in die Rettungsstelle gekommen. Drei Minuten sei es mit dem Pfleger alleine gewesen. In dieser Zeit kam es zu sexuellen Übergriffen, die juristisch den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllen. Eine ärztliche Untersuchung hat aber keine körperlichen Schäden ergeben.

Das Mädchen offenbarte sich ihren Eltern. Diese suchten am Mittwochmittag das Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Dabei seien die Eltern darauf hingewiesen worden, dass sie selber Anzeige gegen den Pfleger erstatten könnten, sagte der stellvertretende Pflegedienstchef Helmut Schiffer.

Der betreffende Pfleger, der seit 40 Jahren an der Charité arbeitet, wurde per Boten und telefonisch vom Dienst suspendiert. Das Vertrauen der Eltern habe dadurch so weit wieder hergestellt werden können, dass sie ihre Tochter eine weitere Nacht in der Klinik ließen. Am Donnerstag wurde das Mädchen dann entlassen.

Pfleger wird nie mehr an Charité arbeiten

Der Vorgang sei dann intern untersucht worden, hieß es vonseiten der Charité. Man habe schließlich auch eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Mitarbeiter. Interne Recherchen unter Kollegen hätten jedoch ergeben, dass es schon früher Verdachtsfälle auf sexuelle Übergriffe gegen den Mann gegeben habe. Inzwischen seien drei Fälle identifiziert, die mehr als fünf Jahre zurücklägen. Aktenkundig sei der Mann aber nie geworden.

Er war zunächst in der Kinderonkologie tätig, seit 2008 in der Rettungsstelle. Nach derzeitigen Erkenntnissen erinnerten sich Mitarbeiter an drei Übergriffe, die aber bisher nicht näher bezeichnet werden könnten. Sie sollen länger als fünf Jahre zurückliegen. Akten gebe es dazu nicht.

Die damalige Pflegeleitung sei nicht mehr im Haus, soll aber zu den Vorgängen befragt werden. Man sei dabei, andere Patienten ausfindig zu machen, die möglicherweise auch Opfer des Pflegers geworden sein könnten.

"Wir haben keinen Anlass, an den Aussagen des Mädchens zu zweifeln," sagte Einhäupl. Der Mann werde nie mehr an der Charité arbeiten. Möglicherweise werde es auch noch weitere personelle Konsequenzen geben, weil die Informationen sich nur überaus schleppend durch das Haus bewegt haben. Mit den Eltern des Opfers hatte die Klinik aber bis Mittwochabend keinen Kontakt.

Warum die Charité mit einer Anzeige so lange wartete, bis ihnen eine Zeitung zuvorkam, konnte Einhäupl nicht recht erklären. Am Freitag vergangener Woche habe der ärztliche Direktor Ulrich Frei erwogen, am Wochenanfang Anzeige zu erstatten, sagte der Charité-Chef, der nach eigener Aussage aber zu dieser Zeit nichts von dem Missbrauchsfall gewusst hatte.

Einhäupl kündigte an, die Charité werde ihre interne Kommunikation vom Kopf auf die Füße stellen, damit sich solche Vorgänge nicht wiederholen. Die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Elisabeth Pott, hat an Krankenhäuser appelliert, besser vorzusorgen. Es sei möglichst zu vermeiden, dass ein Patient mit einem Klinikmitarbeiter in einem Raum alleine sei, sagte sie am Mittwoch in Berlin.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote