19.11.12

Belastung

In Berlin gibt es täglich neun Demonstrationen

Bis Jahresende werden es in Berlin wieder mehr als 3200 Versammlungen sein. Die Kosten dafür steigen, doch mehr Geld vom Bund gibt es nicht.

Foto: dpa

Grundrecht: Jeder darf demonstrieren, so wie aktuell am Sonntag für Israel
Grundrecht: Jeder darf demonstrieren, so wie aktuell am Sonntag für Israel

Es dauere nur wenige Stunden, dann mache sich eine zugespitzte außenpolitische Lage auch bei ihnen bemerkbar, heißt es in der Versammlungsbehörde der Berliner Polizei. Dann werden Demonstrationen angemeldet, im Verwaltungsdeutsch "Versammlungen und Aufzüge".

So spiegelt sich etwa die aktuelle Krisensituation in Israel schnell auch in Berlin wieder: Am Sonntag wurde vor der israelischen Botschaft, am Brandenburger Tor, auf dem Joachimstaler Platz und am Hermannplatz demonstriert, mal als Solidaritätsbekundung für Israel, mal als Protest gegen Krieg im Gazastreifen.

Es sei deshalb immer schwer vorhersehbar, wie sich die Versammlungslage in der Hauptstadt entwickele, berichtet eine Mitarbeiterin der Behörde. Manche Demonstrationen würden nur wenige Stunden zuvor angemeldet, manche Jahre im Voraus. "Wir haben zum Beispiel schon eine Anmeldung für 2020, da soll für eine 'menschlichere Politik" demonstriert werden."

Bislang zählt die Berliner Polizei für das laufende Jahr 3291 angemeldete Versammlungen. "Das kann aber schnell noch einiges mehr werden", sagt die Fachfrau. Diese bisherige Zahl auf 365 Tage umgerechnet ergibt neun Demos in Berlin Tag für Tag.

Im Rekordjahr 2011 knapp 3800 Demos

Klar ist nur: Seit Berlin 1999 Sitz von Regierung und Parlament ist, hat sich die Zahl der jährlichen Demonstrationen rapide nach oben entwickelt. Vor 13 Jahren zählte die Polizei 2440 Versammlungen und Aufzüge, im Rekordjahr 2011 knapp 3800 – ein Plus von fast 60 Prozent. Und auch 2012 liegt die Zahl bereits jetzt im obersten Bereich der Jahresbilanzen.

Nicht nur mit Bürokratie belasten die vielen Demonstrationen die in den vergangenen Jahren personell ausgedünnte Berliner Polizei. Nach jeder Anmeldung muss geprüft werden, ob die gewünschte Örtlichkeit zur Verfügung steht. Für Orte innerhalb der Bannmeile im Regierungsviertel muss die Genehmigung des Bundesinnenministeriums eingeholt werden.

Es folgt eine Gefahreneinschätzung und die Einsatzplanung, die mal eine Handvoll Schutzpolizisten umfasst, mal mehrere Tausend Beamte wie rund um den 1. Mai.

Doch es sind vor allem auch die Kosten, die Jahr für Jahr den Polizeietat strapazieren. Einzeln statistisch erfasst wird bei der Polizei nach eigenen Angaben nicht, welche Kosten intern durch welche Versammlung entstehen. Es kann aber angegeben werden, welche Kosten anfallen, wenn Polizeien anderer Bundesländer oder die Bundespolizei zur Unterstützung angefordert werden. Im laufenden Jahr waren das bislang 3,08 Millionen Euro.

Die Hälfte hat Bundesbezug

Ein großer Teil der anfallenden Kosten hängt mit der Hauptstadtfunktion Berlins zusammen. Zwar sei es nicht immer möglich zuzuordnen, welche Versammlung in Berlin stattfinde, weil die Stadt nun einmal Hauptstadt ist, doch man rechne damit, dass gut die Hälfte einen Bundesbezug aufweist, sagt Stefan Sukale, Sprecher von Innensenator Frank Henkel (CDU). "Die hohe Zahl von Versammlungen mit Bundesbezug dürfte vor allem auf internationale Ereignisse, etwa im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling sowie auf politisch strittige Bundesthemen wie zum Beispiel den Atomausstieg zurückzuführen sein", so Sukale weiter.

Mit einem Rückgang des Demonstrationsaufkommens rechnet in der Innenverwaltung niemand. Die Versammlungen würden allein aufgrund ihrer Anzahl die Polizei belasten, sagt Sukale. "Auch wenn sie als Folge der Hauptstadtfunktion Berlins und Sitz der Bundesregierung nachvollziehbar sind."

Zu den Sicherheitsaufgaben Berlins als Hauptstadt kommen zudem laut Innenverwaltung noch rund 1600 Staats- und Regierungsbesuche jährlich, die Sicherung von gut 350 diplomatischen Einrichtungen oder Großveranstaltungen mit Bundesbezug.

252 Millionen Euro hat Berlin draufgezahlt

110 Millionen Euro sind im Berliner Haushaltsplan für hauptstadtbedingte Aufgaben von Polizei und Feuerwehr erfasst. Vom Bund beglichen wird davon knapp die Hälfte. Der zuletzt 2007 abgeschlossene Hauptstadtfinanzierungsvertrag enthält 60 Millionen Euro jährlich als pauschale Abgeltung von Sonderbelastungen des Landes Berlin im Sicherheitsbereich. Gut 252 Millionen Euro hat Berlin in den Jahren 2007 bis 2011 draufgezahlt. Viele Sparmöglichkeiten gibt es bei den Hauptstadtaufgaben nicht. Weder die Zahl der Demonstrationen noch die der Botschaften lässt sich beeinflussen.

"Der Senat strebt die vollständige Erstattung der hauptstadtbedingten Aufwendungen durch den Bund an", hat Henkel bereits im Sommer angekündigt. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte daraufhin auf den noch bis 2017 laufenden Hauptstadtfinanzierungsvertrag verwiesen und weitere Zahlungen ausgeschlossen. "Weitere Unterstützungsmöglichkeiten werden auf Arbeitsebene mit dem Bund erörtert", heißt es nun knapp bei Henkels Verwaltung.

Der Opposition im Abgeordnetenhaus reicht das nicht. "Wir haben ein Problem mit den Kosten. Der Hauptstadtvertrag muss scharf nachverhandelt werden", sagt Linke-Fraktionschef Udo Wolf ebenso wie der Innenexperte der Grünen, Benedikt Lux. "Wenn nicht nachverhandelt wird, zahlen die Berliner die Zeche dafür", sagt Lux. Auch Piraten-Fraktionschef Christopher Lauer sagt, der Bund müsse sich fragen lassen, was ihm die Sicherheit in der Hauptstadt wert sei. SPD-Innenexperte Thomas Kleineidam plädiert ebenfalls dafür, dass die Ausgaben künftig vom Bund gedeckt sein müssen. In der Gesamtschau aber kann Kleineidam den Hauptstadtaufgaben auch etwas Positives abgewinnen: "Im Großen und Ganzen profitiert Berlin davon, Hauptstadt zu sein."

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Warmfeiern: Fans auf der Berliner Fanmeile vor dem Champions-League-Endspiel zwischen Dortmund München
Aktualisiert vor 41 MinutenChampions-League-Finale
Henkel beruhigt – Fanmeile kein konkretes Anschlagsziel

Das Bundeskriminalamt hat vor Terrorgefahr auf deutschen Fanmeilen gewarnt. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) sieht keine konkrete Gefahr. Die Sicherheitsmaßnahmen sind ohnehin auf hohem Niveau. mehr...

Zwei Frauen in Fankleidung gehen am 25.05.2013 über die Fanmeile in Berlin. Borussia Dortmund spielt im Finale der UEFA Champions League gegen den FC Bayern München. Foto: Paul Zinken/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
18:13Champions-League-Finale
Fans trotzen dem Regen auf der Fanmeile mit guter Stimmung

Noch ist der Zulauf zur Berliner Fanmeile gering. Eine Terrorwarnung und das schlechte Wetter schrecken wohl viele ab. Doch diejenigen, die trotzdem gekommen sind, sind in bester Stimmung. mehr...

Clashes at Wembley Park before Champions League final
Aktualisiert vor 10 MinutenLive-Ticker
Erste Prügeleien zwischen Fans vor dem Stadion

Ab 20.45 Uhr hat das Orakeln ein Ende, wer holt den Henkelpott nach Deutschland, Dortmund oder Bayern? Doch vorher gibt es hier alles Wissenswerte und Abseitige zum großen Finale in Wembley. mehr...


Beim Parteitag der Berliner SPD setzte der Landesvorsitzende Jan Stöß seine Wunschkandidaten durch
18:28Parteitag
In der Berliner SPD hat jetzt die Stöß-Fraktion das Sagen

Der SPD-Landesvorsitzende bringt seine Leute bei der Wahl der Bundestagskandidaten durch. Manch einer traute ihm das nicht zu. Die meisten Stimmen bekam allerdings nicht Spitzenkandidatin Högl. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote