10.11.12

Betreuung

Notstand in den Berliner Horten - Ein Erzieher für 50 Kinder

Anders als bei den Lehrern werden in Berlin kranke Erzieher nicht ersetzt. Die Betreuung der Kinder ist nicht mehr gewährleistet.

Von Florentine Anders
Foto: JÖRG KRAUTHÖFER
Ja
Erzieher Nico Schneider, 28, bei der Arbeit im Hort der Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding. Die Schule arbeitet mit einem freien Träger zusammen

Elternvertreterin Carola Kühne von der Grundschule am Hohen Feld in Karow will nicht länger vertröstet werden. "So geht es einfach nicht weiter", sagt sie. Seit 21 Monaten fällt an der Schule eine langzeiterkrankte Erzieherin aus, seit elf Monaten fehlt eine zweite Kollegin im Hort. Doch eine Vertretung gibt es nicht, denn anders als bei den Lehrern werden dauerkranke Erzieher nicht ersetzt. Und das Budget für Vertretungslehrer darf für Erzieher nicht angetastet werden.

Insgesamt 240 Kinder werden an der Karower Grundschule nachmittags im Hort betreut. "Die Kollegen müssen die Arbeit der erkrankten Erzieherinnen mit übernehmen und sind selbst am Rande des Zusammenbruchs", sagt Schulleiter Marian Imke. Arbeitsgemeinschaften müssten gestrichen werden, Integrationskinder kämen nicht mehr auf die ihnen zustehende Förderung.

Immer mehr Hort-Erzieherinnen schicken derzeit sogenannte Überlastungsanzeigen an die Senatsverwaltung für Bildung. "Die Kollegen schützen sich auf diese Weise, weil sie die Aufsicht der Kinder unter diesen Umständen nicht mehr garantieren können", sagt Marianne Völzke, Personalrätin von Reinickendorf. Im Bezirk Reinickendorf ist die Situation besonders prekär. Nicht selten komme es zu Situationen, in denen eine Erzieherin für 50 Kinder und mehr verantwortlich sei.

Erzieher schreiben Brandbrief

Erzieher von drei Schulen haben Hilferufe an die Senatsbildungsverwaltung geschrieben. Die Personalversammlung der Erzieher im Bezirk hat vor einer Woche eine Resolution verabschiedet und gefordert, für die nötige Vertretung zu sorgen. "Die Erziehungs- und Betreuungspflichten können nicht mehr in vollem Umfang gewährleistet werden", heißt es darin.

An der Franz-Marc-Grundschule in Tegel ist nach Angaben der Elternvertretung seit Anfang des Schuljahres eine Erzieherin krank. Hinzu kämen kurzfristige Erkrankungen. "Die Erzieher müssen auch für kranke Lehrer am Vormittag einspringen, denn schließlich dürfen die Kinder nicht unbeaufsichtigt bleiben", sagt Gesamtelternvertreterin Simona Gasch. Die Erzieherinnen seien physisch und psychisch an ihrer Grenze. Aber auch die Kinder würden darunter leiden. Die Hausaufgabenbetreuung könne nicht mehr verlässlich stattfinden, beliebte Nachmittags-Angebote müssten gestrichen werden.

Schwierig ist die Situation auch in der Victor-Gollancz-Schule in Frohnau. Am Freitag waren dort von elf Erziehern nur noch drei im Einsatz. Möglicherweise sind defekte Heizungen der Grund für die Krankheitswelle, möglicherweise auch die dauerhafte Überlastung. Anderthalb Stellen, die seit Schuljahresbeginn offen sind, konnten bis jetzt noch nicht besetzt werden.

"Wenn sich die Situation bis Montag nicht ändert, muss ich die Früh- und Spätbetreuung einschränken, um wenigstens die Kernzeit absichern zu können", sagt Schulleiter Erich Ergang. Die Eltern hätten sich schon angeboten, Dienste zur Beaufsichtigung der Kinder zu übernehmen. Doch das sei rechtlich nicht möglich.

"Reihenweise Überlastungsanzeigen"

Unter einem Erziehernotstand leiden auch viele Horte an Grundschulen in Neukölln. "Wir haben reihenweise Überlastungsanzeigen", sagt die Neuköllner Personalrätin Annette Lenz. Sie ist überzeugt, dass die Personalbemessung in den Horten falsch berechnet ist. Eigentlich sollen Vertretungskräfte und Fortbildungstage im Personalschlüssel enthalten sein.

"Doch in der Realität können kranke Kollegen nicht vertreten werden und an Fortbildungen nehmen immer weniger Erzieher teil, weil sie nicht an der Schule fehlen können", sagt Annette Lenz. Gleichzeitig würden die Belastungen wachsen. Erzieherinnen würden zunehmend auch als Vertretung für kranke Lehrer eingesetzt. Umgekehrt gelte das aber nicht. "Ich habe noch nie erlebt, dass eine Lehrerin am Nachmittag für eine kranke Erzieherin einspringen würde", sagt die Personalrätin.

Die Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln ist auf den gebundenen Ganztagsbetrieb umgestiegen. "Dafür gibt es mehr Personal, und Lehrer und Erzieher sind bis 16 Uhr im Einsatz", sagt Schulleiterin Rita Templiner. So können sie besser "umschichten". Probleme gibt es dennoch. Eine Erzieherin sei langzeiterkrankt, eine andere würde häufig ausfallen. So komme es schon vor, dass eine Pädagogin 30 bis 40 Kinder betreuen müsse. "Wenn die Kinder in der gebundenen Ganztagsschule verpflichtet sind, den ganzen Tag in der Schule zu bleiben, muss auch die Betreuungsqualität abgesichert sein", sagt Rita Templiner.

Rettungsanker freier Träger

Die Hans-Fallada-Schule in Neukölln hat nun einen anderen Weg zur Selbsthilfe gesucht. Auch hier konnten lange Zeit fünf Stellen im Hort nicht besetzt werden. Die Verwaltung hatte Schwierigkeiten, flexibel und schnell zu reagieren. Und in den zentralen Einstellungsrunden habe es nicht genügend Bewerber gegeben, die eine Stelle in Neukölln wollten, sagt Schulleiter Carsten Paeprer.

Seit drei Wochen arbeitet die Hans-Fallada-Schule mit dem freien Träger Tandem in der Ganztagsbetreuung zusammen. Die Schule hat eine Mischform gewählt. Der freie Träger kooperiert mit den vor Ort vorhandenen staatlichen Erziehern. Plötzlich ist die Einstellung kein Problem mehr. "Die Bewerber melden sich nicht zentral, sondern sehen sich die einzelne Schule an. Und dann merken sie, dass es ja gar nicht so schlimm ist, wie sie es sich in Neukölln vorgestellt haben", sagt Paeprer.

Die Einstellung könne er gemeinsam mit dem Träger vornehmen, er sei nicht mehr abhängig von einer langsamen und unflexiblen Verwaltung. Auch langzeiterkrankte Erzieher würden nach sechs Wochen ersetzt. Inzwischen sind in Berlin etwa 25 Prozent der Horte an den Grundschulen in der Hand von freien Trägern.

Die Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding ist schon vor vier Jahren auf die Form der Mischkooperation mit einem freien Träger umgestiegen. "Damals fehlten uns viereinhalb Erzieher, die Stellen konnten von der Schulaufsicht nicht besetzt werden", sagt Schulleiterin Dagmar Flader. Seither arbeitet im Hort der freie Träger Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft. Es gibt viele Arbeitsgemeinschaften, Ausflüge, Feste und Projekte.

Mehr Kinder in den Horten

Auf dem Papier sind auch die Horte in öffentlicher Trägerschaft gut besetzt. Zum Schuljahresbeginn konnten vom Land 4600 Erzieher eingestellt werden, das sind sogar 200 mehr als sonst. Denn erstmals gibt es in diesem Jahr auch einen Anspruch für Fünftklässler, im Hort betreut zu werden. Im kommenden Jahr sollen auch die Sechstklässler hinzukommen. Damit hat die Koalition von SPD und CDU eine langjährige Forderung der Eltern umgesetzt.

Die Elternvertreter hatten zuvor jedoch immer davor gewarnt, diese Betreuungslücke zu schließen, ohne gleichzeitig den Personalschlüssel zu verbessern. "Man kann nicht noch mehr Kinder in das System geben, wenn die Ausstattung keine bessere Qualität zulässt", sagt Christian Johne, Mitinitiator des Volksbegehrens Grundschule für einen uneingeschränkten Zugang zu den Horten.

Bei Relationen von einem Erzieher für 40 Schüler gehe es nur noch ums Aufpassen, nicht um das Fördern, so Johne. Dabei hätten zehn- bis zwölfjährige Schüler ganz andere Betreuungsanforderungen. In dem Volksbegehren forderten die Eltern das Recht auf einen Hortplatz für alle Kinder und einen Betreuungsschlüssel von einem Erzieher für 16 Kinder. Derzeit liegt die Gruppengröße bei 22 Kindern pro Erzieher.

"Diese Größe ist aber nur eine Verwaltungsgröße, in der Realität sind die Gruppen viel größer, weil die Erzieher ja auch vormittags im Unterricht mit eingesetzt sind", sagt Johne. Das Volksbegehren scheiterte im vergangenen Jahr. Derzeit klagen die Initiatoren vor dem Landesverfassungsgericht. Wegen der Fristverzögerungen des Senats seien sie gezwungen worden, mit der Unterschriftensammlung in den Sommerferien zu beginnen, begründen die Initiatoren ihre Klage. Die Betreuung der Fünft- und Sechstklässler wird zwar jetzt schrittweise umgesetzt, nicht aber die geforderte bessere Personalausstattung.

Die Senatsbildungsverwaltung verweist darauf, dass Vertretungszeiten für Krankheitsausfälle in der Personalberechnung von Erziehern enthalten sind. Längerfristig erkrankte Erzieher könnten ersetzt werden, wenn sie kein Gehalt mehr beziehen. "Durch Krankheiten kann es bedauerlicherweise an den Schulen zu Engpässen kommen", sagt die Sprecherin der Bildungsverwaltung, Beate Stoffers. In solchen Fällen sei vor allem ein gutes Management durch die Leitungskräfte gefragt. Mehr Personal, das verspricht der Senat nicht.

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