10.11.12

Lebensrettung

Gefährlicher Schock

Implantierte Defibrillatoren reagieren oft zu früh.

Von Inka Reichert
Foto: picture alliance / ZB/dpa-Zentralbild

Ein Defibrillator kann im Notfall Leben retten, wenn er richtig eingestellt ist
Ein Defibrillator kann im Notfall Leben retten, wenn er richtig eingestellt ist

Die meisten Defibrillatoren sind auf die falsche Herzschlagrate eingestellt. Dadurch geben die kleinen, gegen Herzrhythmusstörungen eingesetzten Implantate Elektroschocks zu früh ab. Sie ängstigen damit nicht nur die Patienten, sondern schädigen auch deren Herz. Das hat ein internationales Forscherteam herausgefunden, als es rund 1500 Patienten mit einem solchen Schockgeber über zwei Jahre hinweg beobachtete. Darüber berichteten die Wissenschaftler jetzt auf einer Tagung der amerikanischen Kardiologenvereinigung in Los Angeles.

Bisher seien die meisten Geräte darauf programmiert, bei einer Herzrate über 170 Schlägen pro Minute zu reagieren. Die Studie zeige jedoch, dass es völlig ausreiche, das Herz erst ab einer Frequenz von 200 Schlägen pro Minute mit Elektroschocks wieder in den richtigen Takt zu bringen. Eine einfache Umprogrammierung des Geräts könne nicht nur unnötige Elektroschocks und damit Patientenängste vermeiden, sie senke sogar die Sterberate von Patienten, wie die Untersuchung belege.

Ein Defibrillator wird ähnlich wie ein Herzschrittmacher in die Brust der Patienten implantiert. Das Gerät gibt immer dann einen Elektroschock an das Herzgewebe ab, wenn der Herzmuskel zu schnell schlägt. Dadurch soll es den plötzlichen Herztod als Folge von Kammer- oder Vorhofflimmern verhindern. Diese Therapie gilt als hocheffektiv. "Doch die Art und Weise, wie wir Defibrillatoren in den letzten 20 Jahren benutzt haben, war nicht optimal", sagt Studienleiter Arthur Moss von der University of Rochester.

Sinnvoll erst ab Puls 200 statt 170

Für ihre Studie beobachtete das internationale Forscherteam von September 2009 bis Oktober 2011 Patienten aus 98 Krankenhäusern in den USA, Kanada, Europa, Israel und Japan. Alle Studienteilnehmer hatten Herzrhythmusstörungen und wurden mithilfe eines implantierten Defibrillators (implantierter Kardioverter/Defibrillator, ICD) therapiert. Dem heutigen Standard entsprechend, waren die Geräte bei den meisten darauf eingestellt, einen Elektroschock abzugeben, wenn das Herz des Patienten schneller als 170 Mal pro Minute schlug.

"Doch Raten von 180 oder 190 Schlägen sind nicht immer bedrohlich, da sie normalerweise nur kurz auftreten und auch von erhöhter sportlicher Aktivität ausgelöst werden können", erklären die amerikanischen Kardiologen. Ein geringerer Anteil der Studienteilnehmer trug dagegen einen Defibrillator, der erst bei 200 Schlägen pro Minute reagierte.

Die Auswertung ergab, dass im Studienverlauf mehr Patienten mit einem herkömmlich eingestellten Defibrillator an Herzversagen starben als mit einem auf 200 Schläge eingestellten. Das erst spätere Anspringen des Schockgebers habe das Sterberisiko der Patienten um 55 Prozent gesenkt, berichten die Forscher. "Es gibt bereits eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass jeder Elektroschock den Herzmuskel etwas beschädigt", betont Moss. Dieser Effekt erkläre auch die Ergebnisse ihrer Untersuchung.

In der Studie zeigte sich zudem, dass die auf herkömmliche Taktraten eingestellten Geräte in 79 Prozent der Fälle unnötig feuerten, wie die Forscher berichten. Der Defibrillator gab einen Elektroschock ab, obwohl keine gefährlichen Herzrhythmusstörungen aufgetreten waren. Diese unnötige Belastung für das Herz hätte mit einem auf 200 Schläge eingestellten Gerät vermieden werden können. Hinzu käme, dass jeder nicht erfolgte Schock auch die Psyche der Herzkranken schone, erklären die Forscher. Denn jeder dieser Eingriffe sei für den Patienten deutlich spürbar und löse Ängste aus. Langfristig könne dies sogar zu Depressionen führen.

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