09.11.12

Zwischenzeugnis

Wo bleibt der Applaus?

Frau Freitag arbeitet als Lehrerin in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für Morgenpost Online
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"Und Sie spielen im neuen Tatort mit." Wotan Wilke Möhring nickt. Natürlich spielt er im neuen Tatort mit, sonst würde er ja nicht in der Freitagabend-Talkshow sitzen. Okay, er hätte auch in einem Kinofilm mitmachen oder ein Buch geschrieben haben können. Jedenfalls hat er irgendetwas getan, was er nun im Fernsehen vorstellen möchte. Aber der Tatort mit ihm läuft noch gar nicht.

Ich dachte, vielleicht kommt der am Sonntag, aber da gab es Polizeiruf. Bei denen ging es um Krankenhauskeime. Ich habe seit Tagen Bauchschmerzen und vermute eine Blinddarmentzündung, aber jetzt traue ich mich nicht zum Arzt – wegen der Keime.

"Herr Möhring, der Tatort mit Ihnen wird schon hoch gelobt, obwohl er noch nicht gesendet wurde", teilt uns die Moderatorin nun mit. Wotan nickt und lächelt verlegen. Dann erzählt er von den Dreharbeiten.

Komisch, da wird man für etwas gelobt, obwohl es noch niemand gesehen hat. Und man geht damit ins Fernsehen und lässt sich dort beklatschen, und nach der Talkshow gibt es bestimmt auch noch eine Party und Häppchen. Abends schläft Herr Möhring dann zufrieden ein. Ich will auch Schauspieler sein.

Eigentlich sind wir Lehrer das doch. Jeden Tag stehen wir vor einem Publikum und präsentieren unsere 45-Minuten-Shows. Oft sind das sogar Mitmachnummern. Sätze wie: "Jetzt nehmt bitte ein Blatt raus und äußert euch schriftlich zu den Fragen an der Tafel", animieren zur Partizipation. So was gibt es beim Tatort noch nicht. Oder nur in Ansätzen. Schauspieler betonen immer wieder, wie sehr sie es lieben, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Das tun wir ja auch. Erste Stunde: Die böse Klassenlehrerin, die wieder meckert, dass die vergesslichen Kinder die Zettel für den Elternsprechtag nicht mithaben. Zweite Stunde: Die Englischlehrerin, die seit Wochen versucht, das Simple Past zu erklären. Dann die Kunstlehrerin und in der Pause die Aufseherin auf dem Hof. Oft erfordern unsere Rollen eine besondere schauspielerische Begabung. Es gehört schon viel Leidenschaft dazu, sich jedes Jahr mit neuer Inbrunst dem Thema Fast Food oder der spannenden Parallelperspektive zu widmen. Aber bei mir klatscht niemand. Nie werde ich für meinen tollen Unterricht gelobt, geschweige denn ins Fernsehen eingeladen. Dabei arbeiten wir Lehrer-Schauspieler unter erschwerten Bedingungen. Wir spielen vor einem Publikum, das gar keinen Bock hat zuzusehen, geschweige denn mitzumachen. Die Schulpflicht zwingt sie in ihre Sitze. Man zeige mir mal den Theaterbesucher, der 20 Euro für ein Stück bezahlt und es dann nicht sehen möchte und deshalb die Vorstellung stört.

Schwierige Zuschauer, kein Applaus, selten das Verlangen nach Zugaben – und Preise bekommen wir auch nicht. Wo ist der Lehrer-Bambi, der Schul-Oscar, wo die Castingshow, in der wir Lehrer um eine Stelle kämpfen? Und wann lädt man mich endlich ins Fernsehen ein? Es sollte selbstverständlich sein, dass in den Talkshows neben Schauspielern, Autoren, Politikern und Leuten, die irgendwelches Essen anbauen, auch Lehrer sitzen.

Ich könnte mir das so gut vorstellen: "Frau Freitag, Ihre neue Unterrichtseinheit für das zweite Halbjahr in Klasse 7 ist zwar noch nicht angelaufen. Trotzdem wird sie in pädagogischen Kreisen schon hoch gelobt. Erzählen Sie uns doch bitte etwas dazu!"

"Ja, also,..äh... sie heißt 'Der Komplimentärkontrast' und es geht um Farben…"

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