Polio
Kampf gegen Kinderlähmung
Polio könnte bald Geschichte sein.
Die Kinderlähmung (Poliomyelitis) ist nach den Pocken die zweite Infektionskrankheit, bei der eine weltweite Ausrottung gelingen kann. Wichtigste Voraussetzung für das Erreichen dieses Ziels sind wirksame Impfstoffe. Gleichwohl wird es ungleich schwieriger sein, die Kinderlähmung weltweit zu tilgen, denn 95 Prozent der Infizierten zeigen keine erkennbaren Symptome, scheiden aber Polioviren aus und können somit nicht geschützte Personen anstecken.
Unter Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit 1988 beträchtliche Erfolge bei der Bekämpfung der Polio erzielt. Die Zahl der registrierten Fälle wurde innerhalb weniger Jahre um 99,9 Prozent gesenkt. Doch der letzte Schritt erweist sich als besonders schwierig. Seit etwa zehn Jahren stagniert der Prozess. Umso höher sind die diesjährigen Erfolge zu werten. Die Zahl der 2012 offiziell gemeldeten Poliofälle (171) ist im Vergleich zu 2011 um 64 Prozent gesunken. Ein weiteres ermutigendes Signal ist, dass nahezu alle neuen Ausbrüche im vergangenen Jahr eingedämmt werden konnten.
Taliban verhindern Bekämpfung
Die Anstrengungen der WHO konzentrieren sich nun darauf, die Übertragung von Poliowildviren auch in den letzten drei verbleibenden Ländern Nigeria, Afghanistan und Pakistan zu unterbinden. Doch dies erweist sich als unerwartet schwierig. Die Maßnahmen werden bisweilen durch instabile politische Situationen behindert. In Pakistan beispielsweise untersagen in weiten Teilen des Landes radikalislamische Taliban den Menschen, ihre Kinder gegen Kinderlähmung impfen zu lassen. Doch es gibt auch hoffnungsvolle Entwicklungen: Muslimische Führer sprachen sich dafür aus, Gemeinden zu motivieren, ihre Kinder impfen zu lassen.
Europa wurde bereits vor zehn Jahren als poliofrei erklärt. Der letzte Poliofall wurde im November 1998 gemeldet. Die offizielle Bestätigung der Poliofreiheit durch die WHO wird auf regionaler Basis nach drei Jahren ohne Neuerkrankungen durch Poliowildviren vergeben. Das Zertifikat der Poliofreiheit ist jedoch kein Selbstläufer. Bei unzureichender Überwachung von Patienten mit schlaffer Lähmung oder bei nachlassender Impfaktivität können eingeschleppte Wildviren neue Epidemien verursachen.
50 Jahre Impfung in Deutschland
Das belegt das Beispiel Tadschikistan. Dort verursachten Viren aus Indien 2010 den weltweit größten Polioausbruch, gefolgt von einer Ausbreitung in drei Nachbarländer. Sofortige nationale Impfkampagnen in diesen zentralasiatischen Republiken verhinderten die weitere Ausbreitung der Erreger. Die steigende Mobilität der Menschen kann zur unbemerkten Verbreitung von Polioviren führen – auch nach Deutschland. Der wirksamste Schutz ist und bleibt die Impfung.
In Deutschland wird in diesem Jahr die Einführung der Polioimpfung vor 50 Jahren gewürdigt. 1962 führte Bayern als erstes Land der Bundesrepublik den Lebendimpfstoff gegen Polio ein (Orale Poliovakzine, kurz OPV). In der DDR wurde OPV bereits ab 1960 eingesetzt. Die Kampagne zeigte schnell Wirkung: Waren 1961 noch mehr als 4600 Bundesbürger erkrankt, sank die Zahl innerhalb eines Jahres auf etwa 290. Die letzte einheimische Erkrankung wurde 1990 registriert, 1992 kam es noch zu zwei eingeschleppten Fällen.
Die Impfung mit dem leicht anwendbaren Lebendimpfstoff hatte aber auch eine Schattenseite. Deutschland registrierte von 1992 bis 1998 jährlich bis zu drei Polio-Erkrankungen durch mutierte Impfviren. Deshalb wurde 1998 die generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission für den Einsatz des Lebendimpfstoffes aufgehoben. Seitdem wird ausschließlich die Impfung mit inaktivierter Poliovakzine (IPV) empfohlen. Sie erfolgt meist zusammen mit anderen Impfungen. Im Rückblick erwies sich der Start der generellen Impfkampagne 1955 als zunächst problematisch. Die Akzeptanz des Impfstoffes war in der deutschen Bevölkerung zu gering. 200 Erkrankungsfälle in den USA im Jahre 1955, die im Zusammenhang mit dieser Impfung standen, lösten Skepsis aus. Ursache war eine Verunreinigung des Impfstoffs mit lebendem Wildvirus bei der Impfstoffherstellung.
Nicht nachlassen im Kampf gegen Menschheitsgeißel
Auch wenn die Poliomyelitis hierzulande ihren Schrecken verloren hat, dürfen wir in unseren Anstrengungen zur Ausrottung dieser Menschheitsgeißel nicht nachlassen. Im Jahr 2002 hat sich Deutschland verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die Poliofreiheit weiter zu überwachen. Die dabei wichtigsten Säulen sind die Aufrechterhaltung hoher Impfquoten und ein Überwachungssystem, um schnell ein Auftreten von Polioviren zu erkennen. Die Impfquote der letzten Jahre war mit circa 94 Prozent erfreulich. Das Resümee: Gegenwärtig ist eine Ausbreitung von importierten Viren in Deutschland unwahrscheinlich.
Das Ziel einer poliofreien Welt ist zum Greifen nah. Durch politischen Willen und gezielte Impfkampagnen mit neuartigen Impfstoffen kann das Ziel in naher Zukunft erreicht werden. Deutschland ist eine treibende Kraft bei den Bemühungen zur Ausrottung der Polio und hat seit 1985 mit rund 300 Millionen Euro dazu beigetragen.
Diese Hilfe ist nicht nur eine Unterstützung ferner Länder. Sie liegt auch in unserem Interesse: Gelingt die Eindämmung nicht, kann das Virus durch infizierte Personen ohne erkennbare Symptome auch wieder in derzeit freie Regionen gelangen. Es ist unerlässlich, dass Deutschland weiterhin politische und finanzielle Unterstützung im Kampf zur weltweiten Ausrottung von Polio zur Verfügung stellt.
Professor Dr. Reinhard Burger ist Präsident des Robert-Koch-Instituts, Dr. Sabine Diedrich ist Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Poliomyelitis und Enteroviren.
















