22.10.12

Prozess

Berliner erwürgt Ehefrau mit Schnur in Südkorea

Erst schwindelte er seiner Frau erfolgreiche Finanzgeschäfte vor. Dann packte den Chemiker die Angst, dass seine Lügen auffliegen könnten.

Hans-Christian W. ist ein kleiner, dicklich wirkender Mann. Es ist schwer vorstellbar, dass der promovierte Chemiker gewalttätig werden könnte. Doch der Eindruck täuscht. Am 22. Dezember vergangenen Jahres erdrosselte der 49-Jährige in einem Hotel in Seoul/Südkorea mit einer Schnur seine Ehefrau. Im Anklagesatz ist von Heimtücke die Rede – und von Mord.

Hans-Christian W. gibt die Tat vor einem Moabiter Schwurgericht auch unumwunden zu: "Ich gestehe, dass ich meine Frau erdrosselt habe", sagt er und bezeichnet sich selbst als "Versager". Er hat eine Erklärung vorbereitet, liest sie langsam und deutlich vor. Es ist die Geschichte eines Mannes ohne Rückgrat und einer langen Beziehung, in der beide sehr wenig voneinander wussten und die auch sonst vermutlich nie richtig funktionierte.

Kennengelernt hatte er die gleichaltrige On Ha schon in den 1980er-Jahren. Sie war als Kind mit ihren Eltern aus Südkorea nach Berlin gekommen. Beide studierten Chemie. 1994 heirateten sie. Die Ehe blieb kinderlos.

Hans-Christian W., das ist aus seinem Vortrag deutlich herauszuhören, hatte offenbar nie das Gefühl, dieser Frau genügen zu können. Und sie wiederum wusste offenbar sehr wenig über ihn. Er war begabt, hatte an seiner Schule in seinem Jahrgang das beste Abitur abgelegt, war Assistent an der Uni. Später gab es dann nur noch Misserfolge. Firmengründungen scheiterten. Auch der Plan, in Florida/USA ein Restaurant zu eröffnen, ging schief. Dennoch gelang es ihm viele Jahre, sich bei seiner Ehefrau als erfolgreicher Geschäftsmann zu präsentieren, der mit Wertpapieren angeblich riesige Summen verdiente. So hatte er ihr zwischenzeitlich sogar weis gemacht, Einnahmen von bis zu 100 Millionen Euro bei Finanzspekulationen erwirtschaftet zu haben.

Im Juni 2011 reisten die Eheleute nach Korea, um dort ein neues Leben zu starten. Für sie war es ja immer noch die Heimat. Und sie konnte – dachte sie jedenfalls – Verwandten und Bekannten einen reichen, erfolgreichen Mann präsentieren. Hans-Christian W. indes wollte vermutlich einfach nur Abstand gewinnen. Er hatte zuvor das Konto seiner Mutter geplündert. Das reichte, um sich in Südkorea für einige Zeit über Wasser zu halten. Aber es genügte nicht annähernd, um das zu erfüllen, was er seiner Frau versprach.

Die Realität verdrängt

Sie wohnten in einem Hotel. Suchten nach einem, wie sie meinten, adäquaten Wohnsitz. Eine 250 Quadratmeter große Wohnung, für die monatlich ein Mietzins von rund 5000 Euro fällig gewesen wäre. Oder auch ein Hause oder eine Villa für mehrere Millionen, Geld spielte ja angeblich keine Rolle. "Ich habe mit den Immobilienverkäufern wie ein Hochstapler verhandelt", schildert der Angeklagte die Situation. "Ich habe die Realität verdrängt und den Verstand abgeschaltet."

Wenn es allzu knapp wurde, erklärte er On Ha, derzeit nicht an das Geld heranzukommen. Er habe ihr "um jeden Preis die Enttäuschung ersparen wollen", sagt er. Für seine Frau wäre es die "schlimmste Demütigung" gewesen, in Armut zu leben.

Doch irgendwann wurde On Ha dann doch misstrauisch. Sie habe gefragt, ob er vielleicht doch nicht so viel Geld habe, sagt er. Und er habe ihr zwar die 100-Millionen-Lüge gebeichtet; gleichzeitig aber erneut betont, dass er dennoch über beträchtliche Einnahmen verfüge. Und sie hatte es wohl auch glauben wollen, hatte sich einer 7000 Euro teuren Schönheitsoperation unterzogen.

"Am Ende war ich zu einer Korrektur nicht mehr imstande", sagt er. Am Ende habe er nur noch einen Ausweg gesehen.

Nach der Tat hatte Hans-Christian W. die Leiche seiner Frau im Hotel in einem Schrank versteckt. Er war noch am gleichen Tag nach Berlin zurückgekehrt und hatte sich dort der Polizei gestellt. Der Prozess wird am 26. Oktober fortgesetzt.

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