20.10.12

"Isch geh Schulhof"

Wie ein Berliner Lehrer den Schulwahnsinn bekämpfte

Pädagoge, Mediator, Psychologe: Ein Berliner Lehrer berichtet über seine aufreibende Zeit an Grundschulen der Hauptstadt.

Foto: M. Lengemann
Ja
Ernüchtert: Der Lehrer und Autor Philipp Julian Möller rechnet in seinem Buch mit seiner Zeit als Vertretungslehrer an verschiedenen Grundschulen ab

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Herrn Möller und Möller war das Wort. Doch die Schüler wussten nicht, was sie taten, und brüllten ihren neuen Lehrer fälschlich mit "Herr Mülla" an. So geht knapp zusammengefasst eine der ersten Szenen in dem Buch "Isch geh Schulhof", das dieser Tage erschienen ist. Geschrieben hat es Philipp Möller. Zwei Jahre lang hat der heute 32-Jährige an Berliner Grundschulen als Vertretungslehrer gearbeitet. Den ganzen Wahnsinn, den er in dieser Zeit beobachten konnte, hat er nun aufgeschrieben.

Wie etwa in eben genannter Szene, in der Möller sich am ersten Tag seinen neuen Schülern vorstellt und sie seinen Namen nachsprechen lässt. Doch den kleinen Unterschied zwischen Möller und "Mülla", wie ihn die Kids nennen, scheinen diese nicht überbrücken zu können. Für die Drittklässler stellt der Weg vom ü zum ö eine kaum überwindbare Hürde dar, die diese nur noch mit einem launigen "Was rrredet er, jaaa!?" oder "S'miregal" quittieren.

Auf 350 Seiten erzählt Philipp Möller vom beinharten Alltag als Lehrer in Berlin. Von Kindern, die Lehrer duzen, weil sie nicht wissen, wie man siezt. Weil man in deren Logik "sie" ja nur zu Frauen sagt. Da sind Kinder, die durchdrehen, wenn sie ihre Tabletten nicht bekommen. Kinder, die einfachste Rechenaufgaben nicht lösen können und auf die Frage, wie viel acht mal elf sei, mit 8000 antworten. Kinder, die an sprachlicher Obdachlosigkeit leiden, die sich im Krieg mit Präpositionen befinden, nachmittags zu "Mäckdonnilz" gehen und denen die "Röbelsäule" wehtut, wenn sie sich wieder geprügelt haben.

"Wie im Jugendknast"

"Du kommst dir vor wie ein Dompteur oder wie im Jugendknast", sagt Möller, "weil du ständig sagen musst ,es reicht, Schluss jetzt, setz dich hin, hör auf, deinen Nachbarn zu schlagen!'" Als Lehrer musste Möller nicht nur Wissensvermittler und Elternersatz sein, sondern Mediator, Friedensrichter und Psychologe zugleich. Und das, obwohl er nicht einmal richtiger Lehrer ist. Er nennt sich selbst eine "frontal-pädagogische Dampfmaschine".

Begonnen hat die Odyssee vor vier Jahren, als Möller sein Studium der Erwachsenenbildung mit einem Diplom abschloss. Schon vor dem Studium jobbte er als Computertrainer für Grundschüler, bevor er eine studienbegleitende Festanstellung in der Markt- und Meinungsforschung fand. Nach dem Diplom stieg er schließlich als Assistent der Schulleitung in die verrückte Welt der Berliner Grundschulen ein.

Obwohl die Schule völlig heruntergekommen ist – Kabel hängen aus den Wänden, der Putz bröckelt, auf dem Flur riecht es beißend nach Ammoniak –, fand er Gefallen daran, den Kindern etwas beizubringen. Der Schulleiter merkte das und bot ihm einen Job als Lehrer an. Doch Möller hatte nie auf Lehramt studiert oder ein Referendariat absolviert. Doch der Schulleiter erklärte ihm, dass das dennoch geht.

"In Berlin kann jeder Lehrer werden", sagt Möller, "das wissen aber nur die wenigsten." Wenn ein Schulleiter findet, dass jemand für den Lehrerberuf geeignet sei, kann dieser jemand auch Vertretungslehrer werden. In Berlin gibt es die sogenannte Personalkostenbudgetierung (PKB). Dadurch können Lehrer, die durch lange Krankheit ausfallen, kostengünstig und schnell von den einzelnen Schulen selbst ersetzt werden. Und das ist nicht selten der Fall. "Auch weil die Krankenstände so hoch sind, gibt es dieses Programm", sagt Möller. Aufgrund von Stress, Burn-out und Erschöpfungsdepressionen bleiben viele Lehrer irgendwann zu Hause.

Weil das so funktioniert, ist Möller plötzlich Mathelehrer einer dritten Klasse. Er schafft es schnell, von den Kindern akzeptiert zu werden. Doch das geht nur mit Autorität, wie er feststellt. "Das schaffst du nicht, indem du dich bei den Kindern einschleimst und versuchst, der coole, lockere Phil zu sein. Das schaffst du nur, indem du streng bist. Indem du sie aber auch ernst nimmst."

Er muss sich eine völlig neue Körpersprache aneignen, um den Kindern zu vermitteln, wer im Klassenzimmer das Sagen hat. Mit ausgestreckter Brust, erhobenem Kopf, festem Blickkontakt, offenen Handflächen. "Ansonsten trampeln die auf dir herum." Ein Silberrücken also im Klassenzimmer.

Fast alle Kinder aus bildungsfernen Familien

Die Kinder kommen fast ausschließlich aus bildungsfernen Elternhäusern und kriegen von daheim keine Regeln oder Vorbildrollen vermittelt. Manche Mutter liegt schon am frühen Nachmittag betrunken auf dem Wohnzimmersofa. Eine andere verkauft die Obdachlosenzeitung "Motz" in der U-Bahn. In deutschen Familien haben sich die Väter oft verdünnisiert, in Migrantenfamilien sind sie der strenge Patriarch. Eine Mehrheit der Kinder spricht kaum Deutsch. Die meisten Eltern beziehen ihr Geld vom Amt. Kurzum: Die familiären Verhältnisse sind desaströs, und die Klasse spiegelt diesen Hintergrund wider. Oder wie es ein ehemaliger Kollege von Möller nannte: "Das ist hier Hartz IV pur!"

Dazu sei gesagt, dass Möller zum Schutz der betroffenen Personen seine Protagonisten und die schulischen Einrichtungen literarisch verfremdet hat. Im Buch spielen alle Ereignisse an der fiktiven Ludwig-Feuerbach-Grundschule. In Wirklichkeit allerdings war Möller nicht an einer einzigen Schule Vertretungslehrer, sondern an mehreren. Kollegen und Schüler wurden dramaturgisch so gemorpht und verschmolzen, dass sie nicht erkannt werden können. Aber alles sei wirklich so passiert, sagt Möller.

Einmal benimmt sich ein Sechstklässler so daneben, dass Möller ihn aus der Klasse schleift, um ihn zurechtzuweisen. "Der stand wutschnaubend vor mir und fragt mich allen Ernstes, ob ich ihm jetzt auf die Fresse hauen will. Erst dachte ich, der zittert vor Wut. Aber dann merke ich, dass der vor Angst zittert. Weil das vermutlich sein Umgang mit Erwachsenen ist", sagt Möller und holt Luft. "Der dachte wirklich, ich wollte ihn schlagen."

Möller war so baff, dass er die Anekdote anonymisiert einer anderen Klasse erzählt. Doch die zeigten nicht die geringste Regung. "Mein Vater schlägt uns jeden Tag zu Hause mit dem Gürtel", entgegnet ein Schüler. Aufgrund der Blicke weiß Möller, dass das trauriger Alltag ist und kein Einzelfall. Wenn er darüber spricht, bekommt er noch heute glasige Augen.

Als ihn sein Vater eines Tages mit dem Auto von der Schule abholt, bricht es aus ihm heraus. Minutenlang sitzt Möller neben seinem Vater und weint, lässt alles raus, den ganzen Frust, der sich in diesem unmöglichen Schulsystem auf ihn übertragen hat. "Wenn ein Kind ankommt und sagt 'Herr Mülla, du Ficker!', dann bist du platt", sagt er heute. Manche Kollegin tröstete ihn mit den Worten, dass das völlig normal sei am Anfang. Normal, dachte Möller, ist was anderes.

Suche nach Alternativen

Wenn Philipp Möller vom heutigen Schulsystem spricht, macht sich große Ernüchterung bei ihm breit. "Wir leben in einer hoch technologisierten Gesellschaft und befinden uns pädagogisch in der Steinzeit", sagt er. "Unsere heutige Bildungskultur baut auf einem falschen Menschenbild auf. Nämlich auf dem, wir seien alle von Natur aus gleich. Deswegen fangen alle um acht Uhr an, deswegen haben alle dieselben Schulbücher, deswegen gilt für alle dasselbe Notensystem und deswegen müssen alle zur gleichen Zeit die Prüfung schreiben."

Man dürfe Kindern nicht mehr den Nürnberger Trichter aufsetzen, so Möller. "Die sind kein Glas, das es zu befüllen gilt. Kinder wollen sich die Welt selbst erschließen." Das wird nur klappen, so Möller, wenn Schule endlich im 21. Jahrhundert ankommt. Ein Lösungsansatz wäre etwa, das Notensystem zu reformieren, ein anderer, die Pausenklingel abzuschaffen. "Der Rhythmus kommt aus den Klosterschulen. 45 Minuten arbeiten, 15 Minuten beten, hieß es da. Das ist vorvorvorletztes Jahrhundert – mindestens!", sagt Möller.

Er ist sich bewusst, dass mit vielen Kindern ein lernoffener Unterricht nach modernen pädagogischen Erkenntnissen gar nicht möglich ist, und will mit seinen Vorschlägen auch nicht in die Reformschulecke à la Waldorf gerückt werden, gegen die sich Möller verwehrt. "Wir haben es da meines Erachtens mit einer Art esoterischem Rassismus zu tun, der brandgefährlich sein kann." Ein erster Schritt wäre, geeigneteres Lehrpersonal an die Schulen zu bringen. "Für jeden Job gibt es extrem aufwendige Assessmentcenter. Lehrer werden kann dagegen jeder, der den richtigen Numerus Clausus hat. Das sagt allerdings überhaupt nichts darüber aus, ob der auch qualifiziert ist, eine Klasse zu leiten."

Für Philipp Möller ist es ein erster Schritt, über seine Erfahrungen im Bildungschaos zu schreiben, um etwas zum Positiven zu ändern. Er überlegt, wie eine bessere Schule gelingen kann, und was es braucht, das umzusetzen.

Und da könne schon jeder Einzelne seinen eigenen kleinen Beitrag leisten, so seine idealistische Vorstellung. "Vielleicht müssen wir auf der Straße einfach öfter auf Jugendliche zugehen, wenn sie sich daneben benehmen, anstatt wegzusehen." Den Mund aufmachen und Missstände ansprechen. Im Kleinen wie im Großen. Das wäre schon ein erster Schritt, um etwas zu bewegen. Wie heißt es noch mal äußerst weise in dem Klassiker der Weltliteratur: Am Anfang war das Wort.

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