08.10.12

Datenschutz-Streit

Berlins Bildungssenatorin will Lern-Tagebuch für Schulen

Seit 2005 wird mit dem Tagebuch die Sprachentwicklung in Berlins Kitas kontrolliert. Rechtsexperten sind gegen die Ausweitung auf Schüler.

Foto: picture-alliance/ dpa

Die Berliner Bildungssenatorin will das Sprachlern-Tagebuch auch in den Grundschulen
Die Berliner Bildungssenatorin will das Sprachlern-Tagebuch auch in den Grundschulen

Gerade erst haben Berlins Grundschüler in einem länderübergreifenden Leistungsvergleich besonders in Deutsch schlecht abgeschnitten, nun möchte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine neue, verbindliche Fördermaßnahme für die Sprachentwicklung der Grundschulkinder einführen. Doch dabei bahnt sich ein Konflikt mit dem Datenschutz an. Berlins Beauftragter für Datenschutz, Alexander Dix, hat erhebliche Einwände gegen den Vorstoß der Bildungssenatorin.

Es geht um das sogenannte Sprachlern-Tagebuch, das bereits 2005 an Kitas in Berlin eingeführt worden ist. Darin erfasst wird die sprachliche Entwicklung des Vorschulkindes, aber auch Informationen über die familiären Hintergründe, über mögliche Probleme in der Familie und über die Art und Weise der Kommunikation im Elternhaus. Mithilfe des Tagebuchs sollen laut Bildungsverwaltung erforderliche Fördermaßnahmen rechtzeitig erkannt und umgesetzt werden.

Sprachdokumentation soll weitergegeben werden

Eine solche Sprachdokumentation über die Kinder zu führen, ist den Eltern freigestellt. Bei der Einschulung dürfen die Tagebücher nicht verpflichtend von den Kita-Erziehern an die Grundschullehrer weitergegeben werden – die Weitergabe darf ebenfalls nur auf freiwilliger Basis von den Eltern erfolgen. Das hat der Datenschutzbeauftragte bereits 2007 verfügt. Doch das möchte Scheeres nun ändern.

"Die Regelung ist aus pädagogischer Sicht zweifelhaft", sagte Scheeres Morgenpost Online. Sprachkompetenz sei der Schlüssel zu allen Bildungsbereichen. "Wir wollen den Kindern einen guten Übergang von der Kita an die Grundschule ermöglichen." Das Sprachlern-Tagebuch könne hierzu einen wertvollen Beitrag leisten und den Grundschullehrern eine Basis liefern. Deshalb wünscht sich Scheeres hier Verbindlichkeit.

Datenschützer pocht auf Freiwilligkeit

"Mit dem Inhalt, den die Sprachlern-Tagebücher im Moment haben, können sie nur auf Basis der Freiwilligkeit geführt werden", sagte dagegen der Datenschutzbeauftragte Alexander Dix Morgenpost Online. Die erhobenen Daten würden sehr weit ins Familienleben der Kinder eindringen, so Dix. Eine verpflichtende Ausweitung auf die Grundschule lehne er deshalb ab. Auch müsse es für die Kinder die Möglichkeit eines Neustarts an der Schule geben. "Vielleicht möchten ja manche Eltern nicht, dass die Grundschullehrer gleich wissen, ob ein Kind mal Bettnässer war", sagte Dix. "Wieso muss ein Kind das in seiner Schulkarriere huckepack mit sich herumschleppen?"

Er wolle auch darauf hinweisen, sagte Alexander Dix weiter, dass es bereits eine verpflichtende Sprachstandserfassung vor der Einschulung gebe. "Ich höre, dass diese Erfassungen zum Teil nicht ihren Zweck erfüllen, aber dann muss man dieses Instrument verbessern und nicht die Tagebücher zur Pflicht machen stattdessen", sagte der Datenschutzbeauftragte.

Kritik auch von der Gewerkschaft

Dix legt jedoch Wert darauf, dass er nicht die Sprachlern-Tagebücher als pädagogisches Instrument abschaffen will oder ganz verhindern möchte, dass sie an die Grundschule weitergegeben werden. Auch die Arbeit, die sich die Erzieher an den Kitas mit den Büchern machten, wolle er nicht bewerten. "Das steht mir überhaupt nicht zu", sagte Dix. Ihm gehe es nur darum, die Pflicht dazu zu verhindern. "Wenn die Tagebücher auch an den Grundschulen zur Beurteilung der Kinder herangezogen werden sollen, dann kann das auch dort nur mit Einwilligung der Eltern passieren."

Auch vonseiten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es Kritik an Scheeres' Vorstoß. "Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, noch mehr Papierkram an den Schulen einzuführen", sagte Berlins GEW-Vorsitzender Hartmut Schurig. "Es macht sich ein Formalismus breit, der uns nicht hilft." Für die dringend nötige bessere individuelle Förderung der Kinder brauche es mehr Personal und kleinere Klassen, so Schurig.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Die Norwegerin Margaret Berger gilt als Favorit
17.05.13ESC 2013
Eurovision Song Contest - Die Teilnehmer im Check

Am Sonnabend tritt Cascada mit ihrem Dance-Song "Glorious" für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Malmö an. Bei den Buchmachern stehen aber Dänemark und Norwegen ganz vorn. mehr...


Madleen Borngräber leidet an einer seltenen Krankheit
14:45Krebs-Gen wie Angelina Jolie
Warum sich eine Berliner Studentin die Brüste amputieren ließ

Madleen Borngräber (25) trägt das Krebs-Gen in sich. Deshalb ließ sie sich vorsorglich die Brüste entfernen. Genau wie Schauspielerin Angelina Jolie, die vor kurzem damit an die Öffentlichkeit ging. mehr...


Hoch hinaus: Breakdancer am Blücherplatz stimmen auf das Multi-Kulti-Fest ein
14:48Karneval der Kulturen
Bis Pfingstmontag ist Kreuzberg die Bühne der Welt

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Dazwischen machen viele Events Kreuzberg schön bunt. mehr...


Monumental: Anish Kapoor steht in seiner Installation aus Wachs „1st Body“
07:34Ausstellung
Starkünstler Kapoor zeigt sein Universum im Gropius-Bau

Tonnenschwere Installationen: Starkünstler Anish Kapoor aus London bespielt den Martin-Gropius-Bau mit spektakulären Großskulpturen aus Wachs, Pigmenten und PVC - seine erste große Schau in Berlin. mehr...

Leser-Kommentare 1 Kommentar
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote