Datenschutz-Streit
Berlins Bildungssenatorin will Lern-Tagebuch für Schulen
Seit 2005 wird mit dem Tagebuch die Sprachentwicklung in Berlins Kitas kontrolliert. Rechtsexperten sind gegen die Ausweitung auf Schüler.
Gerade erst haben Berlins Grundschüler in einem länderübergreifenden Leistungsvergleich besonders in Deutsch schlecht abgeschnitten, nun möchte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine neue, verbindliche Fördermaßnahme für die Sprachentwicklung der Grundschulkinder einführen. Doch dabei bahnt sich ein Konflikt mit dem Datenschutz an. Berlins Beauftragter für Datenschutz, Alexander Dix, hat erhebliche Einwände gegen den Vorstoß der Bildungssenatorin.
Es geht um das sogenannte Sprachlern-Tagebuch, das bereits 2005 an Kitas in Berlin eingeführt worden ist. Darin erfasst wird die sprachliche Entwicklung des Vorschulkindes, aber auch Informationen über die familiären Hintergründe, über mögliche Probleme in der Familie und über die Art und Weise der Kommunikation im Elternhaus. Mithilfe des Tagebuchs sollen laut Bildungsverwaltung erforderliche Fördermaßnahmen rechtzeitig erkannt und umgesetzt werden.
Sprachdokumentation soll weitergegeben werden
Eine solche Sprachdokumentation über die Kinder zu führen, ist den Eltern freigestellt. Bei der Einschulung dürfen die Tagebücher nicht verpflichtend von den Kita-Erziehern an die Grundschullehrer weitergegeben werden – die Weitergabe darf ebenfalls nur auf freiwilliger Basis von den Eltern erfolgen. Das hat der Datenschutzbeauftragte bereits 2007 verfügt. Doch das möchte Scheeres nun ändern.
"Die Regelung ist aus pädagogischer Sicht zweifelhaft", sagte Scheeres Morgenpost Online. Sprachkompetenz sei der Schlüssel zu allen Bildungsbereichen. "Wir wollen den Kindern einen guten Übergang von der Kita an die Grundschule ermöglichen." Das Sprachlern-Tagebuch könne hierzu einen wertvollen Beitrag leisten und den Grundschullehrern eine Basis liefern. Deshalb wünscht sich Scheeres hier Verbindlichkeit.
Datenschützer pocht auf Freiwilligkeit
"Mit dem Inhalt, den die Sprachlern-Tagebücher im Moment haben, können sie nur auf Basis der Freiwilligkeit geführt werden", sagte dagegen der Datenschutzbeauftragte Alexander Dix Morgenpost Online. Die erhobenen Daten würden sehr weit ins Familienleben der Kinder eindringen, so Dix. Eine verpflichtende Ausweitung auf die Grundschule lehne er deshalb ab. Auch müsse es für die Kinder die Möglichkeit eines Neustarts an der Schule geben. "Vielleicht möchten ja manche Eltern nicht, dass die Grundschullehrer gleich wissen, ob ein Kind mal Bettnässer war", sagte Dix. "Wieso muss ein Kind das in seiner Schulkarriere huckepack mit sich herumschleppen?"
Er wolle auch darauf hinweisen, sagte Alexander Dix weiter, dass es bereits eine verpflichtende Sprachstandserfassung vor der Einschulung gebe. "Ich höre, dass diese Erfassungen zum Teil nicht ihren Zweck erfüllen, aber dann muss man dieses Instrument verbessern und nicht die Tagebücher zur Pflicht machen stattdessen", sagte der Datenschutzbeauftragte.
Kritik auch von der Gewerkschaft
Dix legt jedoch Wert darauf, dass er nicht die Sprachlern-Tagebücher als pädagogisches Instrument abschaffen will oder ganz verhindern möchte, dass sie an die Grundschule weitergegeben werden. Auch die Arbeit, die sich die Erzieher an den Kitas mit den Büchern machten, wolle er nicht bewerten. "Das steht mir überhaupt nicht zu", sagte Dix. Ihm gehe es nur darum, die Pflicht dazu zu verhindern. "Wenn die Tagebücher auch an den Grundschulen zur Beurteilung der Kinder herangezogen werden sollen, dann kann das auch dort nur mit Einwilligung der Eltern passieren."
Auch vonseiten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es Kritik an Scheeres' Vorstoß. "Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, noch mehr Papierkram an den Schulen einzuführen", sagte Berlins GEW-Vorsitzender Hartmut Schurig. "Es macht sich ein Formalismus breit, der uns nicht hilft." Für die dringend nötige bessere individuelle Förderung der Kinder brauche es mehr Personal und kleinere Klassen, so Schurig.















