05.10.12

Umfrage

Berliner sind beim Denkmalschutz Spitze

Eine bundesweite Befragung hat überraschend positive Werte für den Umgang mit historischer Bausubstanz in der Hauptstadt ergeben.

Foto: Christian Kielmann

Industriedenkmal: Daniel Prusseit wohnt in einer der 140 Wohnungen, die in der Alten Mälzerei in Berlin-Pankow entstanden sind
Industriedenkmal: Daniel Prusseit wohnt in einer der 140 Wohnungen, die in der Alten Mälzerei in Berlin-Pankow entstanden sind

Seit Jahren wird in Berlin erbittert um die Gestaltung der historischen Mitte zwischen Museumsinsel und Alexanderplatz gerungen. Denn auch 23 Jahre nach dem Fall der Mauer ist noch völlig offen, wie es auf dem von der DDR-Regierung für das damalige Staatsforum frei geräumten Arealen der ehemaligen Altstadt planerisch weitergehen soll.

Während in zahlreichen Initiativen organisierte Bürger das mangelnde Geschichtsbewusstsein der Berliner Stadtplaner beklagen, kommt eine bundesweite Bevölkerungsumfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zu einer ganz anderen Bewertung. Dresden und Berlin, so das Ergebnis der Befragung, sei es unter den großen deutschen Städten am besten gelungen, die historische Bausubstanz zu erhalten.

Für die repräsentative Studie im Auftrag des Immobilienunternehmens Pantera hat das Institut Allensbach 1669 Einzelinterviews geführt. Demnach stellen 68 Prozent aller Bundesbürger der sächsischen Metropole in dieser Frage das beste Zeugnis aus.

Großer Sprung von Berlin

Dresden verteidigt damit seinen Spitzenrang gegenüber 2006, als eine gleichlautende Studie erstmals durchgeführt wurde. Einen großen Sprung vorwärts macht bei der neuen Studie aber Berlin: Um rund ein Viertel, von 34 auf 42 Prozent Nennung unter allen Deutschen, steigert die Bundeshauptstadt die Zustimmungsquote für guten Umgang mit historischen Bauten. Sie klettert bundesweit nun auf Platz zwei. Mit deutlichem Abstand folgen Leipzig (36 Prozent), München (34 Prozent), Nürnberg (30 Prozent), Hamburg (21 Prozent), Köln (20 Prozent), Frankfurt/M. (9 Prozent), Stuttgart (8 Prozent) und Düsseldorf (5 Prozent).

"In Berlin hat sich in den vergangenen Jahren beim Erhalt historischer Bausubstanz tatsächlich viel getan. Das wird bundesweit registriert", sagt Michael Ries, Vorstand der Pantera AG. Immobilien-Projekte, bevorzugt in denkmalgeschützten Gebäuden, sind ein Schwerpunkt des Unternehmens. Die große Nachfrage nach hochwertigem Wohnraum in guter Zentrumslage habe unter anderem dafür gesorgt, dass viele Altbau-Perlen hochwertig restauriert wurden, so Ries.

Berlins oberster Landeskonservator Jörg Haspel teilt diese Auffassung. "Im Augenblick ist die Bereitschaft, in die Nachnutzung und Sanierung historischer Gebäude zu investieren, sehr ausgeprägt", so Berlins oberster Denkmalpfleger. Vorbildlich etwa sei der denkmalgerechte Umbau des Krankenhausareals in Buch zu einer Wohnanlage durchgeführt worden.

Auch Gefängnisse vor Verfall gerettet

Selbst Gefängnisse, wie etwa das an der Rummelsburger Bucht, oder die 130 Jahre alte Mälzerei in Pankow konnten durch das Interesse privater Investoren vor dem Verfall gerettet werden. "Natürlich sind die Steuererleichterungen, die für die denkmalgerechte Sanierung gewährt werden, eine starke Triebfeder", nennt Haspel einen Grund. Doch viel mehr falle ins Gewicht, dass die Wertschätzung der hohen Qualität sowie der individuellen Gestaltung alter Gebäude zugenommen haben.

Die Allensbach-Studie bestätigt diesen Trend. Laut Umfrage fordern 84 Prozent der Deutschen bei Innenstadt-Sanierungen die Restaurierung der alten Gebäude statt Neubauten. Dabei ist das Wohnen im Denkmal für junge Menschen sogar attraktiver als für die ältere Generation. Unter den Deutschen von 16 bis 44 Jahren ist demnach fast jeder zweite interessiert am Wohnen in historischen Gebäuden. Bei Menschen über 60 sind es nur 34 Prozent.

Vier von zehn Deutschen (40 Prozent) sind zudem grundsätzlich bereit, für das Wohnen im denkmalgeschützten Gebäude eine höhere Miete gegenüber anderen gleichwertigen Wohnungen zu bezahlen. Bei der Befragung 2006 lag der Anteil noch bei 36 Prozent. Fast jeder dritte Deutsche (31 Prozent) würde schließlich auch beim Kauf einer denkmalgeschützten Immobilie für die besondere Atmosphäre einen höheren Preis akzeptieren. Von den Befragten in Berlin gaben sogar 39 Prozent an, dass sie für eine Denkmal-Immobilie mehr Geld ausgeben würden.

Auffällig aus Sicht der Meinungsforscher ist auch, dass die Bewertung Berlins beim Städte-Ranking kaum einen Unterschied zwischen Hauptstädtern und dem Rest der Republik ergibt. Während also 42 Prozent der Befragten bundesweit der Meinung sind, Berlin sei beim Erhalt der historischen Bausubstanz führend, sind es bei den befragten Berlinern 41 Prozent. Köln etwa bekommt bundesweit lediglich 20 Prozent Zustimmung, in Nordrhein-Westfalen jedoch finden 34 Prozent den Umgang mit historischen Gebäuden in der Rheinmetropole besonders gelungen. Ähnlich weit klafft die Lücke zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung auch in den anderen Bundesländern.

Beachtliches Bürgerengagement

In Berlin beschäftigen sich indes nicht nur private Investoren mit dem Erhalt der historischen Bausubstanz: Ein breites Bündnis bürgerlicher Initiativen schaut zudem genau hin, wenn Stadtplaner oder Architekten Eingriffe in das Stadtbild vornehmen wollen.

Die Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) etwa setzt sich für die Erhaltung historischer Gebäude ein, der Verein Denk-mal-an-Berlin und der Berliner Unternehmer Hans Wall unterstützen die Wiederherstellung des Kirchturms der Parochialkirche.

Die private Schadowgesellschaft hat dafür gesorgt, dass beim Wiederaufbau des Zietenplatzes wieder die Figuren preußischer Generäle Spalier stehen. Und eine Bürgerinitiative macht sich dafür stark, dass das Jagdschloss Glienicke seine neobarocke Gartenfassade zurück erhält – obwohl das Landesdenkmalamt für den Wiederaufbau eines Glaserkers aus den 1960er-Jahren plädiert.

Nicht immer verläuft das Bürgerengagement dabei in den von den Baubehörden gewünschten Bahnen: So kämpft die erst in dieser Woche gegründete Schinkelplatz-Initiative dagegen, dass ein gesichts- und geschichtsloses Bürogebäude das Baudenkmal der Friedrichwerderschen Kirche in den Schatten stellt.

In Berlin haben solche Initiativen schon etliche Bausünden verhindert: So gab der Stahlkonzern Thyssen-Krupp im Sommer bekannt, auf den Neubau seines Glaskubus vor dem Staatsratsgebäude am Schloßplatz zu verzichten. Damit zog der Konzern die Konsequenz aus der scharfen Kritik an dem Projekt. Mit Unterstützung des Denkmalrates der Stadt hatten viele Bürger gefordert, das sehr umstrittene Neubauvorhaben abzublasen.

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