30.09.12

Kranke Kinder

Krankheitswelle - Berliner Senat weist Vorwürfe zurück

Mehr als 2200 Berliner Kinder zeigen Symptome von Brechdurchfall. Morgenpost Online mit den wichtigsten Antworten zur Epidemie.

Foto: dapd

Noch ist unklar, ob das Schul- und Kita-Essen tatsächlich für die vielen Krankheitsfälle verantwortlich ist
Noch ist unklar, ob das Schul- und Kita-Essen tatsächlich für die vielen Krankheitsfälle verantwortlich ist

Die Senatsverwaltung für Bildung hat Vorwürfe zurückgewiesen, nach Bekanntwerden der Epidemie nicht rechtzeitig informiert zu haben.

Nach Angaben von Sprecher Thorsten Metter wurden die Schulen und Kitas am Freitag darüber informiert, dass möglicherweise Erreger über das Schulessen verbreitet wurden. Obwohl die Ursache noch nicht geklärt sei, habe man den Kitas und Schulen, die das Essen von dem in Verdacht geratenen Caterer Sodexo beziehen, empfohlen keine Essen auszugeben.

Zudem habe es am Freitag eine Abstimmung mit den Bezirken gegeben. Weitere Informationen sollen die Schulen am Montag erhalten. Denn in einigen Einrichtungen gibt es eine Ferienbetreuung.

Nach Bekanntwerden der Brech- und Durchfallepidemie hatten sich viele Eltern, Schüler und Lehrer darüber beklagt, dass sie von den Behörden und Einrichtungen nicht ausreichend informiert wurden. Bisher ist auch unklar, ob die Schulen, in denen die Krankheitsfälle auftraten, desinfiziert werden müssen. In einigen Bezirken, wie in Charlottenburg-Wilmersdorf, wurde damit begonnen.

Die Ursache der derzeitigen Krankheitswelle konnte noch nicht ermittelt werden. Derzeit werden Lebensmittel- und Stuhlproben im Landeslabor Berlin-Brandenburg auf Erreger und Toxine untersucht. Morgenpost Online hat wichtige Fragen und Antworten zusammengestellt.

Wie zeigt sich eine Erkrankung?

Die Symptome gleichen den üblichen Erscheinungen bei Magen-Darm-Infektionen: Übelkeit mit Erbrechen, Durchfall, Gliederschmerzen, Fieber sowie allgemeines Schwächegefühl. Spezifisch ist ein sehr plötzliches, dafür heftiges Auftreten.

Was ist, wenn mein Kind Symptome zeigt?

Wichtig bei Magen-Darm-Infekten ist grundsätzlich, dass die Patienten genügend trinken. Denn bei Durchfall und Erbrechen – an sich wertvolle Reaktionen des Organismus', die der Reinigung des Körpers dienen – geht viel Flüssigkeit verloren. Starke Gewichtsverluste sind vor allem bei kleinen Kindern ein Warnzeichen. Babys sollten deshalb im Falle der Erkrankung täglich gewogen werden.

Wann ist ein Arzt oder das Krankenhaus aufzusuchen?

Zur Notversorgung im Krankenhaus rät Dr. Nicoletta Wischnewski, Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin im Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf, wenn etwa bei hohem Fieber und Durchfall die Flüssigkeitsverluste durch Trinken nicht mehr ausgeglichen werden können. Solange der Erkrankte viel trinkt und ansprechbar ist, sei dies nicht nötig. Im Großen und Ganzen seien die Krankheitsverläufe relativ schnell vorbei und nicht ganz so dramatisch.

Handelt es sich beim Brech-Durchfall um eine bakterielle oder virale Erkrankung?

Noch steht der Erreger nicht fest, der zu der Epidemie geführt hat. Dr. Karl Schenkel vom Gesundheitsamt in Mitte hält einen bakteriellen Erreger für wahrscheinlicher: "Nur Bakterien können sich in Lebensmitteln vermehren, beispielsweise, wenn die Kühlkette nicht eingehalten wird. Die große Mehrheit der lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüche ist deswegen bakteriell bedingt." Diese Erreger bilden teilweise Gifte. Das Norovirus vermehre sich in Lebensmitteln nicht. Sollte es sich dennoch um Noroviren handeln, was Labore noch untersuchen, müsse die Verunreinigung von jemandem ausgegangen sein, der mit den Lebensmitteln zu tun hatte und die Viren übertrug. In Sachsen und Thüringen wurden inzwischen Noroviren identifiziert. In Berlin wird Anfang der Woche mit Ergebnissen gerechnet.

Kann der Arzt sofort sagen, um welche Art der Infektion es sich handelt?

Grundsätzlich treten Margen-Darm-Infekte im Herbst und Winter häufiger auf. Eine Infektion mit dem Norovirus lässt sich nur durch Laboruntersuchungen einer Stuhlprobe sicher diagnostizieren. Diese aber werden selten durchgeführt – bis das Ergebnis vorliegt, ist die Erkrankung in der Regel längst abgeklungen.

Wie ansteckend sind die Erreger?

Da die Behörden noch nicht wissen, um welchen Erreger es sich handelt, wollen sie keine spezifischen Verhaltensmaßregeln geben. Generell gilt laut Allgemeinmediziner Schenkel: Solange der Stuhl noch flüssig ist, besteht die größte Ansteckungsgefahr. Entsprechend wichtig sei die Handhygiene. Bei Noroviren ist auch das Erbrochene hoch ansteckend. Wenn vorhanden, sollen Kranke eine eigene Toilette benutzen.

Werden Schulen und Kitas, in denen Krankheitsfälle auftraten, extra gesäubert?

In ersten Bezirken: In Charlottenburg-Wilmersdorf beispielsweise werden seit Freitag die Wald-Grundschule, die Katharina- Heinroth-Grundschule, auch die British School am Dickensweg und Am Postfenn sowie die Carl-Orff-Schule desinfiziert. Außerdem werden die Kita Blissestraße und Aachener Straße sowie der Kitabereich der British School an der Havelchaussee mit antiviralen Mitteln gesäubert. Eine Empfehlung, Horte ab Montag zu schließen, gibt es laut Gesundheitsstadtrat Carsten Engelmann (CDU) noch nicht.

Wie ist die Ferienbetreuung in den Schulen organisiert?

Eltern sollten mit der Kita- und Hortleitung sprechen, ob sie ihren Kindern etwas zu essen mitgeben oder ob sie in der Einrichtung etwas erhalten. Die Senatsverwaltung rät, bei einer Versorgung durch den Caterer Sodexo auf eigenes Essen zurückzugreifen, "sofern vor Ort keine alternative Lösung gefunden ist".

Wohin können sich Eltern wenden?

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft hat sowohl die Schulen als auch die Hortträger über die Sachlage informiert. Am Montag wird erneut der aktuelle Stand durchgegeben. Eltern sollten sich bei Fragen an den Träger wenden.

Wie sollte die Reiseapotheke aussehen, wenn Eltern mit ihren Kindern jetzt in die Ferien starten?

Wenn es sich um eine bakterielle oder virale Erkrankung handelt, sollen die Erreger ausgeschieden werden. "Deshalb empfehlen wir schon lange keine Tabletten mehr, die den Durchfall nur bremsen würden", sagt Dr. Nicoletta Wischnewski vom Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Auf alle Fälle sollte genügend Flüssigkeit getrunken werden, bei leichten Erkrankungsverläufen sollten die Kinder möglichst sogar zuckerhaltige Getränke zu sich nehmen, damit die Darmflora sich wieder aufbauen kann. Salziges, auch Gebäck oder Salzstangen, helfen dabei, den Elektrolythaushalt ins Lot zu bringen.

Gibt es eine Meldepflicht?

"Nein", heißt es aus der Gesundheitsverwaltung. Die Krankheitswelle war durch eine gehäufte Meldung von den Schulen und Kitas bekannt geworden. Diese müssen auffällige Erkrankungszahlen an die zuständigen Behörden weiterleiten.

Wie lauten die Rufnummern der Behörden?

Die Berliner Gesundheitsämter sind am Wochenende erreichbar und geben Betroffenen Auskunft:

Charlottenburg-Wilmersdorf: 0172/3630380 und 902916020

Friedrichshain-Kreuzberg: 902988368

Lichtenberg: 0175/2674353

Marzahn-Hellersdorf: 902933631

Mitte: 901833208

Neukölln: 902391280

Pankow: 902952862

Reinickendorf: 902945056

Spandau: 902794031

Steglitz-Zehlendorf: 902993624

Tempelhof-Schöneberg: 0170/5655142

Treptow-Köpenick: 902974754.

Feuerwehr: Wegen des vermehrten Auftretens von Magen-Darm-Erkrankungen sind alle Wachen von der medizinischen Leitung angewiesen worden, neue Verdachtsfälle sowie Einlieferungen in Kliniken durch die Rettungsdienste zu melden. Der Feuerwehr zufolge wurden aber bis zum Sonnabendnachmittag keine weiteren Notfälle in der Hauptstadt bekannt.

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Norovirus
  • Brechdurchfall

    Noroviren sind sehr leicht übertragbar und weltweit verbreitet. Sie gehören zu den häufigsten Erregern für plötzlich auftretenden Brechdurchfall. Typische Symptome sind neben Übelkeit, Durchfällen und Erbrechen auch Bauchschmerzen und Mattigkeit.

  • Ansteckungsgefahr

    Verstärkte Ansteckungsgefahr besteht nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin in Gemeinschaftseinrichtungen wie Krankenhäusern, Kindergärten und Altenheimen. Der Nachweis der Viren ist meldepflichtig. Besonders häufig erkranken demnach Kinder unter 5 Jahren und ältere Menschen über 70.

  • Infektionsquellen

    Die Erreger werden über den Stuhl des Menschen oder über Erbrochenes ausgeschieden. Sie können über Schmierinfektionen direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden. Aber auch Speisen und Getränke – etwa verunreinigtes Wasser – sind eine mögliche Infektionsquelle.

  • Keine Impfung

    Bei einem schweren Verlauf ist ärztliche Hilfe wichtig. Vor allem Säuglinge und alte Menschen müssen viel Flüssigkeit zu sich nehmen. Eine vorbeugende Impfung gibt es nicht.

  • Resistenz

    Noroviren wurden 1972 entdeckt, laut RKI werden immer wieder auch neue Formen der Erreger gefunden. Sie sind sehr resistent gegen Umwelteinflüsse wie Temperaturschwankungen und können länger als zwölf Tage auf verunreinigten Flächen ansteckend bleiben.

  • Risiko Kreuzfahrt

    In den vergangenen Jahren war es häufiger zu Ausbrüchen auf Kreuzfahrtschiffen gekommen. Ursache könnte nicht nur der enge Raum sein, auf dem die Reisenden leben, sondern auch die Kost: Auf solchen Schiffen werden oft Speisen wie Salate und Meeresfrüchte angeboten.

    Quelle: dpa

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