17.09.12

Technik

Halb Kamera, halb Handy

Mit Android wird Fotografieren komfortabler.

Von Thomas Jüngling
Foto: dpa-tmn

Die Galaxy Camera ist Fotoapparat und Smartphone in einem
Die Galaxy Camera ist Fotoapparat und Smartphone in einem

Satte 41 Megapixel stehen für Schnappschüsse bereits zur Verfügung. Ein Knopfdruck genügt, und auch andere Nutzer können die Aufnahmen innerhalb weniger Sekunden sehen – auf Facebook oder als E-Mail-Anhang. Diese Flexibilität bieten eigentlich nur Smartphones. Und tatsächlich steckt das kraftvolle Optik-System in einem Mobiltelefon, dem Nokia 808 PureView. Doch die Kamerahersteller holen zum Gegenschlag aus und integrieren Smartphone-Funktionen in ihre Modelle, wie auf der weltgrößten Foto-Messe Photokina nächste Woche zu sehen sein wird. Mit der weiteren Computerisierung der Knips-Apparate dürfte Fotografieren zu einem ganz neuen Erlebnis werden.

Mehr als nur ein paar weitere Features bieten Nikon und Samsung: Sie haben gleich die Mobil-Variante des Betriebssystems Android auf ihren Kameras installiert. Erster am Markt war Nikon mit seiner Coolpix S800c. Das etwa 400 Euro teure Modell ist in erster Linie schon noch eine Kamera, die auf 16 Megapixel kommt und Videos in Full-HD aufnimmt. Doch über WLAN-Funk zu Hause oder in öffentlichen Hotspots ist sie mit dem Internet verbunden. Darüber lassen sich dann zum Beispiel die gerade gemachten Aufnahmen verschicken.

Plötzlich ein Navigationsgerät

Oder die Nutzer laden sich Anwendungen von der Google-Plattform "Play" herunter. Dafür muss sich der Besitzer nur über sein Google-Konto anmelden. In dem Portal sind zahlreiche Apps verfügbar. Mithilfe der Programme wird aus der Kamera schnell ein Navigationsgerät oder eine mobile Spielekonsole. Auf dem großen Display an der Kamera ist es durchaus möglich, zum Beispiel "Angry Birds" zu spielen. Oder der Nutzer lädt sich seine Lieblings-Software zur Bildbearbeitung auf die Kamera.

Samsung hat mit seiner Galaxy Camera, die ab Oktober zu einem noch unbekannten Preis im Handel erhältlich sein soll, gekontert – und Nikon in einigen Punkten deutlich übertroffen. Während Nikons Coolpix noch mit der angestaubten Android-Version 2.3 klarkommen muss, läuft Samsungs Modell mit dem neueren 4.1, auch "Jelly Bean" genannt.

Bilder-Versenden über Funk

Nicht nur die Typbezeichnung Galaxy ist eine Anlehnung an Samsungs gleichnamige Smartphone-Reihe: Ausstattung und Handling der Kamera erinnern stark an internetfähige Handys. Im Gehäuse arbeitet ein mit 1,4 Gigahertz recht schneller Prozessor mit vier Kernen. Zudem ist ein Touchscreen mit HD-Auflösung eingebaut, der zwölf Zentimeter im Durchmesser misst. Auch die Bedienoberfläche ähnelt mit ihrer Anordnung der App-Icons stark der auf einem Smartphone-Display. Ein weiteres Beispiel für Angleichung: Wie bei zahlreichen Smartphones ist es auch bei der Galaxy-Kamera möglich, sie per Sprache zu bedienen. Mit der Anweisung "zoom in" wird ein Ausschnitt vergrößert, mit "shoot" löst sie aus.

Wichtig für die kommenden Kameras ist die Vernetzbarkeit, wie auf der Photokina zu sehen sein wird. Zahlreiche Sony-Modelle zum Beispiel können per Funk eine Verbindung zum Netz herstellen. Bei anderen ist dies nur über SD-Speicherkarten möglich, mit denen sich Daten drahtlos verschicken lassen. Nikons neue Coolpix kann dies ebenfalls. Mehr aber auch nicht. Samsungs Galaxy-Kamera dagegen kann zusätzlich Daten direkt über Mobilfunk senden – wahlweise über UMTS oder die noch schnellere LTE-Technik. Damit sind Benutzer von jedem Ort aus in der Lage, gerade geschossene Fotos per E-Mail zu verschicken, fast in Echtzeit Blog-Einträge zu bebildern oder die Bilder auf Picasa oder Flickr zu laden, auch wenn kein WLAN-Funk in der Nähe verfügbar ist.

Größerer Prozessor

Über die Funktion "Share Shot" kommen die Aufnahmen direkt auf die vorher bestimmte Plattform oder auf andere Galaxy-Geräte, die am Netz angeschlossen sind. Oder sie landen in der Cloud. Bei Aktivierung der Funktion "Auto Cloud Backup" sendet die Kamera die gerade geschossenen Bilder automatisch an Samsungs zentralen Rechner. Samsung ist es jedoch nicht gelungen, die 16-Megapixel-Kamera und den acht Gigabyte großen, internen Speicher in einem schlanken Gehäuse unterzubringen. Dass die Kamera zwei Geräte in einem bietet, ist ihr durchaus anzusehen: Sie wirkt klobig und unförmig.

Neben zahlreichen handyähnlichen Gimmicks bietet der Galaxy-Apparat auch die Vorzüge einer richtigen Kamera, zum Beispiel einen größeren Bildprozessor als bei Smartphones sowie einen optischen, 21-fachen Zoom. Der Brennweitenbereich reicht von 23 bis 483 Millimeter, zusätzlich kann die Kamera Videos in HD-Qualität aufnehmen.

Interessant sind zudem einige der vorinstallierten Motivprogramme. Dazu gehören spezielle Einstellungen für Makro-Aufnahmen und natürliche Grünflächen. Mit "Waterfall Trace" sind die einzelnen Strahlen eines Wasserfalls zu sehen, bei "Action freeze" friert die Software zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein sich bewegendes Objekt in einem Foto ein und stellt es scharf. Damit ist der Funktionsumfang noch nicht ausgeschöpft. Mit über Funk auf die Kamera geladenen Apps ist fast alles möglich: Manche Fotos sehen nach Anwendung einer App aus wie eine technische Zeichnung, eine Briefmarke oder ein abgenutztes LP-Cover. Andere produzieren Bilder, wie sie aus einem Fotoautomaten am Bahnhof kommen, oder sie lassen die Nutzer mit Fingern Farbflächen auf die Schwarz-Weiß-Aufnahme klecksen. Die App "A World of Photo" vernetzt gleich die ganze Welt: Wer die App auf der Kamera installiert hat, kann einen anderen angemeldeten Nutzer auffordern, von seinem Standort ein Foto zu schießen und es ihm zu schicken. Im Gegenzug sendet er eine Aufnahme seiner Umgebung.

Flexibler und leistungsfähiger

Je mehr Computertechnik auf Kameras kommt, desto flexibler und leistungsfähiger werden sie. Besser als die ab Werk installierte Software der Hersteller können zusätzliche Programme zum Beispiel Gesichter auf Bildern erkennen. Sie vergleichen sie mit älteren Aufnahmen auf der per Funk verbundenen Festplatte. Gibt es eine Übereinstimmung, landen die neuen Bilder im entsprechenden Ordner.

"Computational Photography", so der Fachbegriff, hat großes Potenzial. Spezielle Software kann zum Beispiel erfassen, ob der Nutzer exakt an dem Platz steht, von dem aus er den Baum schon einmal fotografiert hat – drei Monate früher. Algorithmen analysieren sehr präzise Lichteinfall, Silhouette und Größe des Baums sowie weitere Objekte in der Umgebung. Anhand dieser Angaben können sie sehr genau die Position bestimmen, um den Baum zu verschiedenen Jahreszeiten aus derselben Perspektive ablichten zu können.

Je mehr Kameras den Smartphones gleichen, desto größer dürften allerdings auch die Nachteile werden: Zum einen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Viren und Trojaner in großer Zahl die Mobiltelefone befallen – und dann auch die mit ähnlicher Technik ausgestatteten Kameras. Außerdem braucht die Arbeit von Apps und leistungsfähigen Prozessoren sehr viel Strom. Smartphones müssen oft schon nach einem Tag im Dauerbetrieb wieder an die Steckdose. Das gilt auch für Kameras, die ständig Bilder über das Mobilfunknetz verschicken und mit umfangreicher Software umgehen. Für eine Foto-Safari ist das denkbar ungünstig.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Doppelgänger Wie 130 Männer Ernest Hemingway nacheifern
Sky Ferreira Großer Wirbel um nackte Brust auf Albumcover
Doppelgänger Wie 130 Männer Ernest Hemingway nacheifern
Flugzeugabsturz Aufräumarbeiten ähneln einem "Ausmisten im…
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Wetter

So schön schwitzt Deutschland!

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote