Verhaltensforschung

Was Hunde wirklich denken

Seit 100 Jahren machen wir uns ein falsches Bild vom Hund.

Foto: Brand X Getty Images

Was erkennt der Hund, was sieht er in seinem Halter oder Besitzer? Seit über hundert Jahren gab es darauf eine eindeutige Antwort: den Chef, den Leitwolf, jedenfalls eine Art autoritären Oberhund, der Unterordnung und absoluten Gehorsam erwartet. Der britische Zoologe und Verhaltensforscher John Bradshaw hält das für falsch – und er kann es beweisen. Bradshaw ist Professor an der Universität von Bristol. Er hat die Herkunft und Entwicklungsgeschichte und damit gleichsam die Soziogenese des Hundes rekonstruiert. Sein neues Buch hält Platz eins der Bestsellerlisten in Amerika und Großbritannien. Im Oktober erscheint es in Deutschland.

Morgenpost Online: Herr Bradshaw, Sie behaupten, ein Hund könne in seinem Herrn nicht den Leitwolf sehen. Was denn dann?

John Bradshaw: Auch Wölfe orientieren sich nicht am Leitwolf. Das ist ein Missverständnis. Wölfe wachsen in Familien auf. Junge Wölfe orientieren sich an den Eltern, an den älteren Geschwistern, die sie erziehen und ihnen aus Schwierigkeiten helfen. Dieses Erbe hat sich auch in unseren Hunden erhalten. Sie bilden zwar keine Hunderudel, das haben sie verlernt. Aber sie suchen sich ihre Familie beim Menschen. Hunde wollen am liebsten permanent mit ihm zusammen sein. Dass der Mensch meint, er müsse sich dabei als Leitwolf oder Oberhund aufführen, ist ein altmodischer Irrtum. Dass sich dieser Unfug schon mehr als 100 Jahre hält, kann weder für den Hund noch den Herrn ein Gewinn gewesen sein.

Morgenpost Online: Immerhin hat sich diese Auffassung in der Hundedressur bewährt.

John Bradshaw: Ein Deutscher hat diese Idee der "Dominanz" in die Welt gesetzt, Oberst Konrad Most, ein preußischer Polizeibeamter. Bis heute gilt er als Pionier des Hundetrainings. Sein Buch über das Diensthundewesen erschien 1910, es war eines der ersten Fachbücher überhaupt, das sich mit Hundetraining befasste. Es gilt bis heute. Konrad Most stellte die Behauptung auf, dass ein Mensch einen Hund nur dann kontrollieren könne, wenn der Hund von der körperlichen Überlegenheit des Menschen überzeugt sei. Diese Vorstellung klingt heute absurd. Dennoch kann niemand Most einen Vorwurf machen. Er gründete damals seine Theorie auf wissenschaftliche Belege. Damals war es eine der aufregendsten und spektakulärsten Forschungsaufgaben unter Zoologen, wilde Wolfsrudel zu beobachten. Die Biologen glaubten zu erkennen, dass jedes Rudel von einem einzigen Wolf dominiert werde, der die anderen Wölfe despotisch streng durch Furcht beherrscht. Diese Vorstellung hat die moderne Verhaltensforschung in den letzten zehn Jahren zwar korrigiert. Aber für unser Verständnis von Hunden gilt sie nach wie vor. Für alle anderen ergibt sich jetzt die Frage: Wenn Wölfe keine Despoten sind, warum sollten dann Hunde ihre Besitzer dominieren wollen? Oder wir sie?

Morgenpost Online: Was schlagen Sie vor? Antiautoritäre Erziehung? Diplomatie und sanfte Überzeugungskraft, die Kunst der Motivation?

John Bradshaw: Viele Hundetrainer, vor allem die der alten Schule, vertreten den Standpunkt, dass Hunde Respekt vor dem Menschen haben müssen. Sie sagen "Respekt", tatsächlich meinen sie aber "Angst". Diese Trainer legen die Idee von Herr und Hund so aus, dass Hunde ihren Besitzer fürchten sollen, andernfalls würden die Hunde unkontrollierbar und tanzten dem Menschen auf der Nase herum. Wissenschaftliche Studien besagen aber, dass Hunde ihren Besitzern gefallen wollen. Deshalb ergibt es keinen Sinn, Hunden Furcht einzuflößen, es ist auch nicht nötig. Schließlich versuchen wir auch nicht, unsere Kompagnons zu verängstigen. Natürlich sollte jeder seinen Hund erziehen. Er muss Verantwortung für ihn übernehmen und ihm Grenzen setzen. Es gibt moderne Trainer, die nur mit Belohnung und positiver Verstärkung arbeiten. Aber leider hält sich trotzdem bei fast allen die Angst, dass der Hund permanent versuchen könnte, die Führung zu übernehmen, wie es uns die altmodische Theorie vom Wolfsrudel weismachen will.

Morgenpost Online: Und der Hund, der nicht vom Sofa runterwill? Der sich breitmacht und jeden Respekt verloren hat?

John Bradshaw: Das klingt für mich nach einem charmanten Kerl, der es gern bequem hat, aber leider etwas unerzogen ist. Viele Trainer sehen in diesem Hund nichts als das Tier, das sich zum Chef aufschwingen will, weil nur Rädelsführer ihren Anspruch auf den gemütlichsten Platz durchsetzen können. Es gibt ganze Listen mit Regeln wie dem Sofaverbot, die den Hund vom Größenwahn kurieren und verhindern sollen, dass sich das Verhältnis zwischen Herr und Hund umkehrt. Punkt eins dieser Liste: Geben Sie Ihrem Hund sein Futter erst, wenn Sie selbst mit dem Essen fertig sind. Punkt zwei: Lassen Sie Ihren Hund niemals vor Ihnen durch die Tür gehen. Punkt drei: Verbieten Sie Ihrem Hund, vor Ihnen die Treppe hinaufzulaufen oder von einer höheren Position auf der Treppe auf Sie herabzublicken. Oder auch das steht in solchen Listen: Vermeiden Sie, dass Ihr Hund Ihnen direkt in die Augen sieht. Begrüßen Sie nicht morgens als Erstes Ihren Hund. Ihr Hund sollte Sie begrüßen. Erlauben Sie Ihrem Hund nicht, am Ende das Spielzeug zu behalten, er wird das als Sieg interpretieren. Das alles ist nicht schlüssig, so denken, so reagieren Hunde nicht. Solche Regeln hätten einen Sinn, wenn Hunde eine Vorstellung von "Status" hätten. Haben sie aber nicht.

Morgenpost Online: Wie können Sie sich da so sicher sein?

John Bradshaw: Forscher haben einige dieser Gebote untersucht, keines von ihnen hielt unter wissenschaftlichen Bedingungen stand. In einer Studie erlaubte man Hunden, in einem Zerrspiel mit einem Menschen immer und immer wieder zu gewinnen. Die Hunde liebten dieses Spiel – und zogen diese Variante natürlich klar jener vor, in der sie gezwungen waren, jedes Mal zu verlieren. Aber nichts deutete darauf hin, dass ihnen ihre Siegesserie zu Kopf gestiegen wäre und sie "dominant" gemacht hätte. Hunde wollen niemanden dominieren, weder Menschen noch andere Hunde. Wenn Hunde raufen, dann nicht um Macht oder eine höhere Position in der Hackordnung, sondern um Futter, um Spielzeug oder um eine Hündin.

Morgenpost Online: Die meisten Hunde sind zur Arbeit gezüchtet, aber jetzt sollen sie einfach nur Freunde sein. Wie passt das zusammen?

John Bradshaw: Im 16. Jahrhundert kam in England der kurzbeinige "Bratenwender" in Mode, eine Hunderasse, deren einzige Aufgabe darin bestand, in einer Hamsterrad-Vorrichtung zu laufen, die ein Stück Fleisch über dem Feuer drehte. Sie sehen, Hunde sind schon für viele Aufgaben missbraucht worden, eine der schwierigsten ist für sie allerdings heute das Leben in der Stadt. Man erwartet von ihnen, dass sie wohlerzogener sind als Kinder, aber gleichzeitig so eigenverantwortlich wie Erwachsene. Ein Collie, der Schafe hütet, ist natürlich der beste Freund des Schäfers. Der Collie, der versucht, die Kinder zu hüten und der Fahrrädern nachjagt, ist der Albtraum seines Besitzers. Doch abgesehen von den Hütehunden und einigen Jagdrassen sind die meisten Hunde zufrieden, wenn sie einfach nur Familienmitglieder sein dürfen. Die meisten Rassen sind darauf gezüchtet, anhänglich zu sein, weil anhängliche Hunde leichter trainierbar sind. Hunde achten auf uns und versuchen zu verstehen, was wir ihnen mitteilen wollen. Das ist ihr Schicksal. Kein anderes Tier würde das tun, schon gar nicht der Wolf. Lässt man einen kleinen Welpen wählen, ob er sich lieber einem Menschen zuwenden soll oder einem Artgenossen, dann entscheidet er sich für den Menschen. Das ist das Ergebnis von Zehntausenden Jahren der Zucht.

Morgenpost Online: Viele Hunde werden geliebt wie Kinder. Können sie genauso lieben?

John Bradshaw: Wir wissen, dass Teile ihres Gehirns von Gefühlen wie Nähe und Wärme angeregt werden. Einigen Kollegen ist der Begriff "Liebe" nicht wissenschaftlich genug. Sie sprechen lieber von Bindungen und Verbundenheit. Ich wüsste nicht, warum man das nicht Liebe nennen sollte.

"Hundeverstand", John Bradshaw. Kynos-Verlag. 315 Seiten, 19,95 Euro

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