13.09.12

Armutsrisiko

In Berlin ist die Gefahr der Verarmung besonders hoch

In der Hauptstadt steigt die Armutsgefährdung erneut deutlich. Das gab das Statisitsche Bundesamt am Donnerstag bekannt.

Foto: dpa/DPA
Ilse Aigner besucht "Münchner Tafel"
Menschen warten in einer Schlange auf Essen der Tafel. In Berlin ist die Armutsgefährdung erneut gestiegen

Armer Osten, reicher Westen – dieses Klischee stimmt nicht mehr. Auch in manchen alten Bundesländern steigt das Armutsrisiko, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden berichtete. Inzwischen liegt sogar ein Westland auf Platz eins: Bremen. 22,3 Prozent der Bevölkerung galten 2011 in dem Stadtstaat als armutsgefährdet – mehr als in Mecklenburg-Vorpommern.

Laut EU-Definition gelten Menschen als armutsgefährdet, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen müssen. Das waren 2011 laut Mikrozensus in Deutschland Einpersonen-Haushalte mit weniger als 848 Euro. An diesem bundesweiten Vergleichswert werden die Länder gemessen – auch wenn die Mieten in München teuerer sind als in Stralsund.

In Berlin stieg die Armutsgefährdungsquote um 1,9 Prozentpunkte auf 21,1 Prozent, in Nordrhein-Westfalen um 1,2 Prozentpunkte auf 16,6 Prozent. In beiden Ländern nimmt laut Destatis die Armutsgefährdung seit Jahren kontinuierlich zu.

Deutliche Unterschiede im Ost-West-Verlgeich

"Die Armutsgefährdung der Menschen lag im Jahr 2011 in den meisten Bundesländern über dem Niveau des Jahres 2010", berichtete Destatis-Mitarbeiter Johannes Proksch. "Auch im Ost- und Westvergleich gibt es weiterhin deutliche Unterschiede bei den Armutsgefährdungsquoten." Hatten im Jahr 2011 im früheren Bundesgebiet ohne Berlin 14 Prozent der Bevölkerung ein erhöhtes Armutsrisiko, waren in den neuen Ländern und in Berlin 19,5 Prozent der Menschen armutsgefährdet.

So richtig erklären können sich Wirtschaftswissenschaftler das nicht. "Seit 2005 hat sich die Arbeitslosigkeit fast halbiert. Es ist überraschend, dass die Armutsgefährdungsquote bislang nicht darauf reagiert", wundert sich Markus Grabka, Verteilungsforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Einen möglichen Grund sieht er in der Zunahme "prekärer" Beschäftigung.

"Deutschland ist zu einem Flickenteppich geworden, was die Armut anbelangt", sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Anstelle der Zweiteilung in Ost und West sieht er inzwischen eine Dreiteilung: ein wohlhabender Süden, ein armer Osten – plus Länder im Westen, in denen immer mehr Menschen arm sind, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen.

Mecklenburg-Vorpommern legt zu

In einigen Ost-Ländern wendet sich das Blatt zum Besseren: In Mecklenburg-Vorpommern ging die Quote immerhin um 0,2 Prozentpunkte zurück, in Thüringen sogar um 0,9 Prozentpunkte. "Beide Länder haben damit den kontinuierlichen Rückgang der letzten Jahre fortgesetzt", heißt es im Statistik-Bericht.

Woran liegt es, dass die einen sich verbessern und die anderen weiter abrutschen? Nicht immer gibt es darauf einfache Antworten. Klar ist für Schneider und Grabka der Fall in NRW: Im Ruhrgebiet sei es nicht gelungen, nach dem Ende des Bergbaus neue Industrien anzusiedeln. Bremen wiederum habe "das typische Problem eines Stadtstaates".

Eine bundesweite Angleichung werde nie ganz gelingen, wissen beide Experten – dazu sind die Ausgangsvoraussetzungen in den Ländern zu unterschiedlich. Immerhin sollte man aber zu "gleichwertigen Lebensbedingungen" kommen, wie es das Grundgesetz vorschreibt, findet der Mann vom Wohlfahrtsverband. Sein Vorschlag: Harth-IV-Sätze erhöhen und damit den Konsum ankurbeln.

Grabka hält nichts von regionalen Hilfen. Besser wäre es, generell etwas gegen Armut zu tun. "Alleinerziehende weisen ein weit überdurchschnittliches Armutsrisiko auf", sagte Grabka. "Wenn man die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorantreibt, könnte das Armutsrisiko relativ zügig gesenkt werden."

Quelle: dpa/bee
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