Schulalltag
Frau Freitags Kolumne
Zwischenzeugnis: Von Katzen und Kugelschreibern.
"Darf ich nehmen, was mir gehört?", frage ich zu Beginn der Stunde. Es soll um Recht gehen. Recht haben, recht erhalten, was ist gerecht, was ist ungerecht, und am Ende möchte ich bei Gesetzen ankommen. "Klar darf man nehmen, was einem gehört. Gehört mir doch", antwortet Taifun, ohne sich gemeldet zu haben. "Bitte erst melden, Taifun!" –."Wir lesen jetzt eine kurze Geschichte zu dem Thema."
Der Text ist ein Auszug aus "Emil und die Detektive". Eine gute Stelle, zu der die Schüler viel sagen können. Allerdings hat die Geschichte einen Haken. Es kommt ein Traugott vor. Während ich beim Lesen nur mal kurz über diesen altmodischen Namen schmunzele, brechen die Schüler in lautes Gegröle aus: "TRAUGOTT, hahahaha!" "Was ist das für ein behinderter Name?" Ich lasse sie kurz lachen. Die meisten beruhigen sich wieder und erhalten von mir die Information, dass die Geschichte schon älter und der Name auch nicht mehr "in" ist. Ibo und Dragan kriegen sich allerdings trotz dieser Erklärung nicht mehr ein.
Irgendwann sage ich: "Ibo, Traugott hätte deinen Namen auch lustig gefunden." Ibo verstummt sofort: "Nein, hätte er nicht!" Ibo heißt eigentlich Ibrahim, und das heißt Abraham, und so richtig modern ist dieser Vorname ja nun auch nicht.
Schließlich verlieren auch die letzten Schüler das Interesse an Traugott, und wir können endlich in das Thema einsteigen. "Der Mann hat doch das Geld gestohlen, also gehört es ihm doch nicht. Also können die Kinder das doch wieder zurücknehmen", schlägt Ufuk vor.
Ömer meldet sich: "Nein, das ist dann auch Diebstahl. Ein Richter würde sagen, dass das auch Diebstahl ist." Wir definieren Diebstahl und sind uns einig, dass es einen Unterschied zwischen recht haben und recht bekommen gibt.
Gamze erzählt, dass ihre Tante ihr gestohlenes Fahrrad in einem Laden gesehen hat. "Und was hat deine Tante dann gemacht?", frage ich sie. "Sie hat gesagt, das ist mein Fahrrad. Und der Mann meinte zu ihr, dass sie es kaufen kann, und dann hat sie die Polizei geholt." Ich erkläre Hehlerei. Und wir sprechen über Fahrradregistrierungen und Seriennummern und Kaufverträge.
Barin meldet sich: "Also, wenn ich jetzt den Kaufvertrag habe und das Fahrrad nicht dazu, was dann?" Ich verstehe seine Frage nicht: "Na, auf dem Kaufvertrag kannst du jedenfalls nicht fahren. Was meinst du denn, Barin?" "Also, ich treffe jemand mit einem Fahrrad, und er hat zufällig auch den Kaufvertrag dabei, und ich klaue ihm den Kaufvertrag und ..." Herausgefordert von Barins verwirrenden Spekulationen meldet sich Umut: "Bei CSI war so eine alte Frau und ein kleines Mädchen, und die Frau hatte eine Katze, und das Mädchen wollte die Katze kaufen, und dann hat sie sie mit ein Kugelschreiber umgebracht."
"Wen?", fragt Ufuk. "Das Mädchen", antwortet Umut. Ufuk ist immer noch nicht schlauer: "Das Mädchen hat die Katze umgebracht?" "Nein, das Mädchen hat die alte Frau ermordet mit dem Kugelschreiber." Die Geschichte wird zu bizarr und bringt uns nicht weiter. Mir rennt die Zeit davon. Wir diskutieren schon fast die ganze Stunde. Ohne, dass ich es merke, sind wir bei der Todesstrafe.
"Frau Freitag, warum bekommt man keine Strafe, wenn man jemanden umbringt, nur weil man besoffen war", möchte Ibo wissen. Ich sage, dass ich das nicht glaube, und spreche kurz Mord, Totschlag, Affekt und strafmildernde Umstände an. Sandra findet es gemein, dass Kinderschänder kürzer ins Gefängnis müssen als Leute, die illegal downloaden. Das finde ich auch gemein, kann es allerdings nicht so ganz glauben. Ethik ist irgendwie viel komplizierter als Englisch, Deutsch oder Mathe. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Allerdings hört man in Englisch auch selten so schöne Geschichten wie die mit der Katze und dem Kugelschreiber.
>>> Die Kolumne von Frau Freitag auf Morgenpost Online
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