22.08.12

Fall Gatow

Berliner Vater tötete "aus fürsorglicher Liebe"

Kristian B. schrieb vier Abschiedsbriefe, drei verschickte er mit der Post. Darin begründete er auch, warum er seine Tochter nicht tötete.

Von Michael Behrendt, Ulla Reinhard, Steffen Pletl
Foto: Steffen Pletl

Drama im Westen Berlins: Ein 69 Jahre alter Familienvater hat seine drei und sechs Jahre alten Kinder ...

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Kristian B. galt bei Nachbarn als akkurat. Er achtete darauf, dass das gepflegte Grundstück am See, das er mit seiner Familie und anderen Mietern bewohnte, nicht von fremden Menschen betreten wurde. Es war ihm wichtig, dass die Tiefgarage sauber war. Beim Trampolin, auf dem seine Söhne spielten, schaute er lieber zweimal nach, ob es auch ordentlich gesichert war. Auf diese sorgfältige Weise hat Kristian B. auch den Tod seiner Familie geplant: Der 69-Jährige erstickte nacheinander seine Frau (28) und seine beiden kleinen Söhne (drei und sechs Jahre), dann schrieb er vier Abschiedsbriefe. Nur die einjährige Tochter verschonte Kristian B. und gab sie in der Babyklappe ab.

Das Familiendrama von Berlin-Gatow erschüttert die Menschen weit über die Grenzen des Spandauer Ortsteils hinaus. Die Meldungen über tödliche Familiendramen reißen nicht ab, der August scheint geradezu ein schwarzer Monat zu sein. Erst vor wenigen Tagen fanden Polizisten in einer Wohnung in Neuss die Leichen einer 26-Jährigen, ihrer achtjährigen Tochter und ihres vierjährigen Sohnes. Am 17. August erstickte eine 38 Jahre alte Mutter in Emmering in Oberbayern ihre vier und sechs Jahre alten Söhne und erhängte sich. Im Allgäu tötete ein Vater (44) eine Woche zuvor seine vier und zehn Jahre alten Söhne und erhängte sich ebenfalls. Die traurige Liste ließe sich fortsetzen. Mit dem jüngsten Fall in Berlin starben allein im August bundesweit 19 Menschen bei Familiendramen.

Neben ihm lag ein Abschiedsbrief

Im Fall von Gatow hatten sich Nachbarn gewundert, dass der sechsjährige Julien und sein drei Jahre jüngerer Bruder Florian nicht wie sonst im Garten spielten. Dass die kleine Leonie nicht mehr zu hören war, und auch Mutter Katrin und ihr Mann Kristian nicht zu sehen waren – trotz des schönen Wetters. Sie alarmierten am Dienstagabend die Feuerwehr, gegen 20.15 Uhr drangen die Einsatzkräfte gewaltsam in die zweigeschossige Wohnung an der Straße Alt-Gatow ein. Dort lag Katrin B. tot im Ehebett, die beiden Jungs lagen in ihren Kinderbetten. Kristian B. saß tot im Wohnzimmer, er hatte sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen und selbst gerichtet. Nur die Wiege der einjährigen Leonie war leer.

Die Polizei konnte den Ablauf der Tat schnell rekonstruieren. So hatte Kristian B. offenbar am vergangen Wochenende zunächst seine Frau im Schlaf mit einem Kopfkissen erstickt und danach seine beiden Söhne. Am Sonntagabend fuhr er dann mit seiner Tochter zum Evangelischen Waldkrankenhaus in Spandau, legte sie in die Babyklappe. Kurz darauf wandte er sich noch an einen Mitarbeiter am Empfang, ob man denn registriert habe, dass ein Säugling abgelegt wurde. Der Krankenhaus-Angestellte nickte, Kristian B. fuhr nach Hause und nahm sich das Leben. Den genauen Zeitpunkt dafür sollen Obduktionen ergeben.

Neben Kristian B. lag ein Abschiedsbrief. Drei weitere Briefe soll er vor seinem Tod verschickt haben, die Empfänger wollte die Polizei nicht nennen. Eines der Schreiben erhielt jedoch die "Bild"-Zeitung. Der 69-Jährige habe "allein aus ganz großer Liebe und Verzweiflung" getötet, wird aus dem Brief zitiert. "Ich tat dies alles in voller Verantwortung und bei vollkommen klarem Bewusstsein aus fürsorglicher Liebe, denn unsere Gesellschaft hat für Versager nur 'den Platz unter der Brücke'." Seine Tochter habe er verschont, weil er ihr die Chance geben wollte, "unter liebevollen Ersatzeltern vielleicht doch eine unbelastete Zukunft haben zu können". Für die Jungen wäre jedoch ein Weiterleben ohne die Mutter "eine unkalkulierbare Zukunftsbelastung" gewesen. Seine Frau habe sich nach eigenen Worten mit den drei Kindern überfordert gefühlt, heißt es weiter.

Das Motiv für die Tat waren offenbar finanzielle Probleme. Kristian B. soll Schulden gehabt haben. Der akkurate, gewissenhafte Mann sorgte sich scheinbar, das Leben seiner Familie in Zukunft nicht mehr finanzieren zu können.

Sorgen um die Wohnung

Vor zehn Jahren kam der Architekt Kristian B. aus dem Schwabenland nach Berlin. Nachdem er in Rente gegangen war, eröffnete er eine Wirtschaftsberatung. Zwei Zimmer hatte Kristian B. dafür in dem Haus angemietet, in dem er auch mit seiner Familie lebte. Erst kürzlich wurde die Miete für das Büro von 150 auf 300 Euro angehoben. Für die 127 Quadratmeter große Wohnung bezahlte die Familie 1400 Euro warm. In den vergangenen Jahren soll Kristian B. nach Informationen von Morgenpost Online regelmäßig die Miete gemindert und den Nebenkostenrechnungen widersprochen haben. Insgesamt soll er Mietschulden in Höhe von 9000 Euro gehabt haben. Im vergangenen Jahr dann gab es einen Zivilprozess, in dem eine Ratenzahlung für die Begleichung vereinbart wurde. Tatsächlich zahlte der Unternehmer regelmäßig die monatliche Rate – bis sie im vergangenen Monat erstmals ausblieb.

Möglicherweise waren die finanziellen Sorgen von Kristian B. zumindest zum Teil jedoch unbegründet. Die Eigentümergesellschaft, der das Grundstück in Gatow gehört, hatte den Mietern vor einiger Zeit die Wohnungen zum Kauf angeboten. Kristian B. sollte 380.000 Euro bezahlen und lehnte wie die anderen Mieter ab. Nun soll das gesamte Objekt verkauft werden. Vielleicht sorgte sich Kristian B., aus der Wohnung ausziehen zu müssen. Doch soll das Grundstück nach Informationen von Morgenpost Online an einen Investor verkauft werden. Der für eine Kündigung erforderliche Eigenbedarf des neuen Eigentümers hätte demnach gar nicht gedroht.

Einschulung des Sohnes gefeiert

Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin, sieht in dem Fall eine "klassische Verzweiflungstat". Und Stefan Redlich von der Berliner Polizei spricht von einer "absolut geplanten Tat". Doch wie langfristig Kristian B. tatsächlich geplant hatte, seine Familie zu töten, wird wohl nie geklärt werden. Noch in der vergangenen Woche hatte die Familie die Einschulung des sechsjährigen Julien gefeiert. Im Garten hatten die Eltern ein Partyzelt aufgebaut, eine Hüpfburg stand daneben, auch Kristian B. hatte mit den Gästen zusammen gesessen. Am Mittwoch sicherten Kriminalbeamte den Mercedes der Familie. Darin wurden noch das Partybesteck und die Gläser entdeckt, die Kristian B. für die Einschulungsfeier ausgeliehen hatte. Sie lagen auf den Kindersitzen von Julien und Florian. In der Wohnung wurde Yorkshire-Terrier Maja entdeckt, er kam ins Tierheim.

Wie es mit der kleinen Leonie weiter geht, ist noch unklar. Nachdem sie in der Babyklappe des Waldkrankenhauses abgegeben worden war, war ein Alarm ausgelöst worden, die Ärzte und Krankenschwestern auf der Neugeborenenstation wurden informiert. Dort wurde sie untersucht und betreut. "Das kleine Mädchen war ganz gesund und in gutem Zustand", sagte Erika Neumeyer vom Waldkrankenhaus am Mittwoch. Das Krankenhauspersonal habe die Kriminalpolizei und den Krisendienst des Jugendamtes informiert. Bereits im Verlauf des Montags wurde Leonie an ein Kinderheim übergeben.

Ein Gericht hat inzwischen das Jugendamt als Vormund bestellt. Nach Angaben vom Spandauer Bezirksstadtrat Gerhard Hanke soll es Familienangehörige in Westdeutschland geben, zu denen nun Kontakt aufgenommen werde. Möglicherweise wird die kleine Leonie auf Dauer dort ein neues Zuhause finden. Die Großeltern des Kindes waren nach Angaben des Jugendamts am Mittwoch auf dem Weg nach Berlin. Kristian B. glaubte, dass es Leonie bei einer anderen Familie besser haben würde. So hatte er es zumindest geplant.

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