21.08.12

Internet-Festival

Die Campus Party ist das Woodstock der digitalen Jugend

Bis Sonntag gehört der Flughafen Tempelhof rund 10.000 Computerfreaks aus aller Welt. Ein Besuch in einer Zeltstadt voller Geeks.

Foto: Amin Akhtar
Campus Party_Flughafen Tempelhof
Zin Chiang vor dem Zeltlager der Campus Party im Hangar des Flughafens Tempelhof

Adolfo Carmona Rodriguez ist ganz unverkennbar ein Geek. Also jemand, der bis vor kurzem Nerd oder Computerfreak genannt wurde. Adolfo steckt in einem schwarzen T-Shirt, mit Logo, das ihn verklausuliert als Fan der TV-Fantasy-Serie "Lost" ausweist. Er hat ein paar Kilogramm zuviel auf den Rippen und sehr viel Ahnung von Computertechnik.

Network Technology – Netwerk-Technologie, sagt Adolfo, das sei sein Ding. Der Mann aus dem andalusischen Granada ist zwar erst 23 Jahre alt und trotzdem schon ein Veteran jener Veranstaltung, wegen der seit Dienstag Tausende junge Menschen in die Hangarhallen des ehemaligen Flughafen Tempelhofs reisen. Adolfo ist ein Campusero seit er 18 ist. "Das hier in Berlin ist mein siebtes Mal."

Campuseros nennen sie sich hier auf der Campus Party. Was sich anhört wie ein Trinkgelage leichtbekleideter Studenten, ist Europas größtes Treffen jugendlicher Technologiefans.

Alkohol wird in den Hangars bis zum Sonnabend nicht ausgeschenkt. Dafür wird viel über Technologie geredet, über das Internet, Robotertechnik, Software – ganz allgemein über eine Welt, in der Menschen und Dinge per Internet stets vernetzt sind. Man könnte sagen: Unter all den Bloggerkonferenzen, Hackerkongressen und Computerspiel-Zusammenkünften sind Campus Partys so etwas wie das Woodstock einer digitalen Jugendbewegung.

10.000 Menschen - eine Rekord-Campus-Party

Zum ersten Mal startet von Mittwoch an eine Campus Party in Berlin. 10.000 Menschen haben ihr Kommen angekündigt. So viele wie noch nie. "Ausverkauft" vermelden die Veranstalter auf der Internetseite. Es wird eine Rekord-Campus-Party. Und das passt gut in jene Stadt, wo die Partei der Geeks, die Piraten, einen spektakulären Erfolg bei der letzten Abgeordnetenhauswahl hinlegten und wo junge Menschen aus aller Welt im Wochenrhythmus Internetunternehmen gründen.

Erfunden wurde das Spektakel aber in Spanien von einem kleinen agilen Mann, der an diesem Tag in einem T-Shirt mit gigantisch großem Abbild eines Plattencovers von U2 steckt. Paco Ragageles hat 1997 die erste Campus Party für 250 Geeks ins Leben gerufen.

Längst kann er für die Campus Partys auf kräftige finanzielle Hilfe des spanischen Telekomriesen Telefónica und der EU zählen. "Jeder kennt doch Geeks. Es werden immer mehr und sie werden immer wichtiger", sagt Ragageles. "Geeks", sagt Ragageles, "verändern die Welt."

Das Interview mit Campus-Party-Mitbegründer Paco Ragageles - hier

Stolz auf Spaniens Erfindung

Aus Ragageles spricht der Stolz. Stolz darüber, dass aus seinem Land, das derzeit mit der Euro-Krise schlechte Nachrichten verbreitet, so eine wirkmächtige Veranstaltung hervorgegangen ist. Spanisch ist bis Sonnabend, wenn die Campus Party endet, inoffizielle Amtssprache in dem Berliner Luftfahrtdenkmal. Spanier haben die Campus Party erfunden, Spanier organisieren die Campus Party auch, wenn sie auf Reisen geht.

"Das merkt man", ätzt ein Verkäufer am Getränkestand, der seit einem Tag auf Strom für seine Kaffeemaschine wartet. Der Einlass läuft schleppend und produziert Ärger. Viele Geeks twittern Spott- und Frustferse ins weltweite Netz. Bei den 144 Stahlcontainern, die als Schattenspender nach Süden gegen das ehemalige Flugfeld ausgerichtet sind, trafen die spanischen Organisatoren auf deutsche Beamtengründlichkeit. Ursprünglich waren sie nur bis Windstärke acht gesichert, zwölf ist aber Vorschrift. Paco Ragageles ist ein wenig verschnupft, weil er in Berlin zum ersten Mal für eine Campus Party Miete entrichten muss.

Angelockt von den Markennamen Berlin

José Ramón, Carlos, Alvaro und Beatriz sind aber entspannt bei der Anreise und wissen von all dem nichts. Sie sind schon am Montag aus ihrer Heimatstadt nahe Madrid nach Berlin gekommen. Angelockt von den Markennamen Berlin und Campus Party. Die drei Jungs studieren Luft- und Raumfahrttechnik, Beatriz Bio- und Chemietechnologie. Beste Voraussetzungen also, um hier mitzumachen.

Die vier wollen Neues über Roboter, Computerspiele und Biotechnologie erfahren. Natürlich wollen sie auch in Erfahrung bringen, ob Berlin seinen legendären Ruf als Partymetropole zu recht trägt. Überrascht sind sie lediglich von der Hitze. "Wir haben extra viele Decken, Pullover und Hosen mitgenommen", sagt Beatriz. Schließlich schlafen sie in Zelten. 5000 blaue Schlafstätten stehen in den gigantischen Hangarhallen. Sie tragen das Logo des Handyanbieters O2, einem Tochterunternehmen von Telefónica.

Bestseller-Autor Coelho und Internet-Erfinder Berners-Lee

Eng beieinander, fast eine ganze Woche lang: Das ist ein Wesensmerkmal der Campus Party. Ein anderer ist die lange Liste der prominenten Redner und die großzügige Zuwendung durch Technologieunternehmen. Brasiliens Bestseller-Autor Paulo Coelho tritt an diesem Mittwoch auf. Der englische Physiker Tim Berners-Lee, der vielen als "Erfinder des Internets" gilt, wird ebenso auf der Hauptbühne seinen Auftritt haben.

EU-Kommissarin Neelie Kroes möchte vorbeischauen. Es wird auf Nebenbühnen und in Workshops über Astronomie, Roboter, Bio- und Nanotechnologie geredet. Über Computerspiele, freie Software und unternehmerische Ideen im Internet. Netzwerkkabel für 10.000 Teilnehmer wurden verlegt, 63 Kilometer insgesamt.

Ziemlich genau in der Mitte des gigantischen Gebäudes wacht Polkan Garcia darüber, dass mit der Technik nichts schief geht. Garcia ist 32 Jahre alt, Kolumbianer, und hat am Massachusetts Institute for Technology (MIT) in Bosten Künstliche Intelligenz studiert. Garcias jettet für diverse Campus Partys um den Globus. Vor zwei Wochen war er in Brasilien und hat dort die Technik überwacht. "Meine beiden Kinder staunen mich immer über Skype an", erzählt Garcia.

Wenig Zeit hat er für sie, denn jetzt ist er für die Geeks in Berlin da – und die mögen es nicht, wenn es plötzlich keine Internetverbindung mehr gibt. Garcia hat vorgesorgt. Alle Technik ist in zweifacher Ausführung vorhanden. Und mit dem Großrechner in der Glasbox müsste es schon klappen. Der kann 200.000 Haushalte mit dem schnellen Internet-Standard VDSL versorgen.

Eine Generation, die mit dem Internet aufwuchs

Geeks, das zeigt diese Umgebung, werden ernst genommen. Natürlich könnte man – und Puristen der Computerszene tun das – die Campus Party als kommerziell schmähen. Allerdings zeigt das große Interesse von Wirtschaftsseite auch etwas anderes. Rund um die Welt wird nun jene Generation erwachsen, die von Kindesbeinen an mit dem Internet aufwuchs. Die rasanten Technologiesprünge schrecken sie nicht. Es ist für sie unhinterfragter Alltag wie für ihre Eltern das Farbfernsehen. Und sie leben in dem Bewusstsein, dass die digitale Umwälzung ein globales Lebensgefühl über Ländergrenzen hinweg definiert.

Für Zin Chinang gilt das alle Mal. Sie ist Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln. Sie kommt aus Los Angeles. Lebt aber, wie sie sagt, zu 60 Prozent in Berlin. Sie widerlegt nebenbei das Vorurteil, dass Geeks männlichen Geschlechts sind. Zin ist 30 Jahre alt und kümmert sich im Auftrag von Werbeagenturen und Internetunternehmen um Grafik Design.

Ihre Auftraggeber kommen mal aus den USA, mal aus China und aus Deutschland. "Ich will mir anschauen, was andere Leute auf anderen Feldern so machen", sagt Zin. Lernen und Neues aufschnappen, sagt sie, das ginge nur auf solchen Veranstaltungen. "Bis ein Buch herauskommt, ist möglicherweise einiges schon wieder veraltet." Und Berlin, sagt sie, das sei ohnehin ein guter Ort.

Adolfo Carmona Rodriguez, der 23-jährige Campus-Veteran, ist zum ersten Mal in Berlin. "Mein Englisch will ich hier auch verbessern, vielleicht sogar ein wenig Deutsch lernen", sagt er. Adolfo hat den digitalen Lebensstil verinnerlicht. Technologie, Internet machen dem jungen Spanier keine Angst. Doch die Krise seines Heimatlandes überstrahlt derzeit die Begeisterung für den digitalen Lebensstil. Adolfo sagt, er suche "Job Opportunities" in Deutschland, eine Arbeit. Die hat er derzeit in Spanien nicht. Auch Geeks leben in einer realen Welt.

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