21.08.12

Entgleist in Tegel

Blitzeinschlag könnte S-Bahn-Unglück verursacht haben

Die genaue Ursache ist noch offen. Doch am Vortag war ein Blitz in ein Stellwerk eingeschlagen - und Anwohner hatten ein Rattern bemerkt.

Foto: DPA

Bei einem S-Bahnunglück in Berlin ist ein kompletter Zug entgleist.

10 Bilder

Bei einem S-Bahn-Unglück in Tegel sind am Dienstag mindestens sechs Menschen verletzt worden. Ein Zug der Linie S25 (Teltow Stadt-Hennigsdorf) war nahe dem Bahnübergang an der Gorkistraße an einer Weiche entgleist.

Mehrere Wagen sprangen aus dem Gleis. Feuerwehr und Polizei waren mit einem Großaufgebot im Einsatz. Obwohl offizielle Stellen von einem schweren Unfall sprechen, sei dieser glimpflich ausgegangen, hieß es am Dienstagnachmittag.

Die sechs Leichtverletzten, darunter der Triebfahrzeugführer des Unglückszuges, wurden vorsorglich ins Krankenhaus gebracht. Etwa 50 Fahrgäste konnten den Zug unverletzt verlassen.

Die S-Bahnstrecke zwischen Tegel und Hennigsdorf bleibt für die Bergungs- und Reparaturarbeiten bis auf Weiteres gesperrt. Experten der Polizei und des Eisenbahn-Bundesamtes sollen nun den genauen Ablauf des Unglücks rekonstruieren. Die Ursache war zunächst noch völlig unklar. "Wir haben noch keine Ahnung, was da passiert ist", sagte ein Sprecher der Bundespolizei.

Auch Schranke war defekt

Anwohner berichteten, dass am Vortag ein Blitz im Bereich der Unglücksstelle eingeschlagen sei. In der Folge habe die Schranke am Bahnübergang zeitweise nicht mehr richtig funktioniert. Ein Bahnsprecher bestätigte Morgenpost Online diesen Unwetterschaden. Der Blitz sei in das Stellwerk Tegel eingeschlagen, das in der Nähe der Unglücksstelle liegt.

Deshalb war der Bahnverkehr bereits von Montagabend bis Dienstagmorgen unterbrochen. Einen Zusammenhang mit dem schweren Unfall am Dienstagmittag wollte die S-Bahn aber nicht bestätigen. "Die Untersuchungen laufen noch", sagte ein Sprecher.

Um 11.43 Uhr hatte der S-Bahnzug den Bahnhof Tegel stadtauswärts in Richtung Hennigsdorf verlassen. Kurz darauf passierten nach ersten Erkenntnissen zwei der insgesamt sechs Wagen eine Weiche. Während der Rest des Zuges über die Weiche rollte, wurde diese offenbar aus noch ungeklärter Ursache umgestellt. Die hinteren Wagen fuhren auf ein anderes Gleis, der Zug geriet in Schieflage, zwei Wagen sprangen aus dem Gleis.

Nach Angaben eines Rettungssanitäters erlitt der Zugführer bei dem Unfall einen Schock, konnte die Fahrgäste dennoch über die Sprechanlage durch eine Durchsage beruhigen und auffordern, auf das S-Bahnpersonal zu warten. Die Notfall-Experten des Tochterunternehmens der Deutschen Bahn erschienen wenig später an der Unglücksstelle und befreiten die Passagiere.

Folgen hätten deutlich schlimmer sein können

Die Folgen hätten nach Einschätzung der Rettungskräfte deutlich schlimmer sein können. Unter den Fahrgästen befand sich auch eine Rollstuhlfahrerin. "Hätte sich die Frau auf der anderen Seite des Zuges befunden, hätte sie schwer verletzt werden können", sagte ein Sanitäter vor Ort.

Die Feuerwehr rückte mit 150 Beamten an. Außer dem Zugführer wurden drei Männer und zwei Frauen verletzt, sie wurden zur Behandlung zahlreicher Prellungen in umliegende Krankenhäuser transportiert. Zeitgleich stieg ein Hubschrauber der Bundespolizei auf und vermaß die Unglücksstelle aus der Luft.

Beamte am Boden notierten in der Zwischenzeit die Namen aller Fahrgäste, da der Straftatbestand des "gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr" nicht ausgeschlossen werden kann. In den kommenden Tagen werden diese Passagiere angeschrieben und zur Zeugenaussage aufgefordert werden.

S-Bahn könnte von Defekt gewusst haben

Anwohnern zufolge könnten S-Bahnmitarbeiter davon gewusst haben, dass die Weiche möglicherweise defekt gewesen sein könnte. So soll seit dem Blitzeinschlag am Montag gegen 16.30 Uhr lautes Rattern zu vernehmen gewesen sein, wenn Züge über die Stelle fuhren.

In der Folge seien in den Morgenstunden des Montags zwei Männer mit Warnschutzwesten im Gleisbett unterwegs gewesen – möglicherweise, um der Sache auf den Grund zu gehen, berichteten Anwohner.

Die S-Bahn wollte Meldungen über eine defekte Weiche als Ursache des Unglücks nicht bestätigen. Das Eisenbahn-Bundesamt schickte am Dienstag die Experten der Unfalluntersuchungsstelle an den Unglücksort. Konkrete Erkenntnisse gab es zunächst noch nicht, wie Behördensprecherin Heike Schmidt mitteilte.

Im Fokus der Ermittler stehen nach ihren Angaben gleichermaßen die Fahrzeuge, die Infrastruktur und die betrieblichen Abläufe in Tegel. Einen Sabotageakt schloss ein Polizeisprecher als Ursache aus. "Es ist unwahrscheinlich, dass ein Dritter die Weiche manipuliert hat", sagte er.

Fahrgäste der Linie S25 müssen sich auch in den kommenden Tagen auf Einschränkungen einstellen, wie der S-Bahnsprecher bestätigte. Zunächst müssen die entgleisten Wagen geborgen werden. Anschließend beginnen die Reparaturarbeiten am Gleis und an der Weiche. Wann wieder Züge rollen können, ist noch offen.

Verbindungen fallen aus

Die Wiederaufnahme des Verkehrs wird zusätzlich erschwert, weil an der Unfallstelle ein eingleisiger Abschnitt beginnt. Bis auf Weiteres enden und beginnen die Züge der S25 im Norden am Bahnhof Gesundbrunnen.

Zwischen Gesundbrunnen und Hennigsdorf fahren Ersatzbusse. Fahrgäste können bis zum Bahnhof Wittenau auch auf die S1 (Nikolassee-Oranienburg) ausweichen. Ab Wittenau fährt die Buslinie 124 nach Tegel. Alternativ empfiehlt die S-Bahn auch die U-Bahnlinie U6 (Alt Mariendorf-Alt Tegel).

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Im Olympiastadion steht ein weiteres Sporthighlight bevor: das Champions-League-Finale 2015
15:44Fußball
Finale 2015 der Champions League im Olympiastadion

Dieses Jahr bekommt Berlin die Fanmeile zum Champions-League-Finale – in zwei Jahren wird das Spiel hier im Olympiastadion stattfinden. Berlins Fußball-Präsident verspricht: "Wir können Fußball". mehr...

Ein saniertes und ein unsaniertes Wohnhaus in der Neuen Bahnhofstraße am 09.04.2013 in Berlin in Friedrichshain. Foto: Jens Kalaene/dpa
16:41Mietspiegel
Berliner Durchschnittsmiete steigt um mehr als sechs Prozent

Der Berliner Mietspiegel ist erneut gestiegen, wenn auch weniger stark als zuvor. Wer möglichst stabile Mieten möchte, sollte aktuell in Wohnungen ziehen, die zwischen 1950 und 1990 errichtet wurden. mehr...


Die Aufbauarbeiten laufen, der Veranstalter erwartet 100.000 Fußballfans zum Champions-League-Finale auf der Fanmeile in Berlin
16:04Champions League
Fanmeile zum Finale soll Party mit Videoüberwachung werden

Auf der Berliner Fanmeile zur Champions League erwartet der Veranstalter trotz Regen 100.000 Menschen. Ein umfassendes Sicherheitskonzept soll mit dazu beitragen, dass das Party-Konzept aufgeht. mehr...


Zweiter Proszesstag: Tina K., die Schwester des Gewaltopfers Jonny K., wurde vom Verteidiger eines Angeklagten kritisiert
17:23Tod am Alexanderplatz
Prozess um Jonny K. - Polizist als erster Zeuge befragt

Bereits zu Prozessbeginn hatten alle Angeklagten zugegeben, dabei gewesen zu sein. Doch für die Verantwortung für die Todestritte lehnen alle ab. Der zweite Prozesstag begann mit Kritik an Tina K.. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
S-Bahn-Unfälle in Deutschland
  • Chronologie

    Im S-Bahn-Verkehr haben sich deutschlandweit wegen technischen oder menschlichen Versagens schon mehrere schwere Unfälle ereignet. Eine Auswahl:

  • 1. Mai 2009

    Nach dem Bruch einer Radscheibe entgleist in Berlin-Kaulsdorf eine S-Bahn. Menschen werden nicht verletzt. Die Verkehrsgesellschaft verpflichtet sich, alle Züge der Baureihe 481 zu überprüfen. Über anderthalb Jahre fährt die S-Bahn nur nach Notfallfahrplan. Die komplette Unternehmensleitung wird ausgetauscht. 

  • 8. Juni 2008

    Es gibt zehn Verletzte, als in der Nähe der Hamburger Haltestelle Neuwiedenthal eine S-Bahn mit einem auf den Gleisen stehenden Bagger zusammenstößt.

  • 20. November 2006

    Auf einem gesperrten Gleis am Berliner Bahnhof Südkreuz kollidiert eine S-Bahn mit einem stehenden Messwagen der Deutschen Bahn. 33 Menschen werden verletzt, zwei davon schwer.

  • 17. Mai 2006

    Über eine falsch gestellte Weiche rast eine S-Bahn im Bochumer Hauptbahnhof auf den Prellbock eines Abstellgleises. Zehn Menschen werden verletzt.

  •  8. Mai 2004

    Als eine S-Bahn kurz vor dem Münchner Bahnhof Leuchtenbergring mit einem entgegenkommenden Gleisbauzug zusammenstößt, kommen 54 Menschen zu Schaden.

  • 17. August 2003

    Wegen einer falsch gestellten Weiche stoßen nördlich von München in dichtem Nebel zwei S-Bahnen zusammen. 26 Menschen werden verletzt.

  • 10. Mai 2002

    Am Berliner Bahnhof Hackescher Markt werden mindestens acht Menschen verletzt, als zwei S-Bahnen aufeinanderprallen.

  • 21. Oktober 2001

    Zwölf Menschen kommen am Berliner Ostkreuz zu Schaden, als ein S-Bahn-Fahrer Haltesignale übersieht und auf einen anderen Zug auffährt.

  • 2. Februar 1990

    Im hessischen Rüsselsheim sterben 17 Menschen, als zwei S-Bahnen frontal aufeinanderprallen. Einer der Zugführer hatte ein Signal nicht beachtet.

    Quelle: dpa

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
USA Bär spaziert durch Vorort von Los Angeles
London Islamisten töten britischen Soldaten
Deutsche Welle In Norditalien kommt die Erde nicht zur Ruhe
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote