Unfall in Tegel
Vermutlich defekte Weiche lässt Berliner S-Bahn entgleisen
In Berlin-Tegel ist ein Zug der S-Bahn-Linie 25 komplett aus dem Gleis gesprungen. Eisenbahnbundesamt und die Bundespolizei ermitteln.
Bei einem S-Bahnunglück in Berlin ist am Dienstagmittag ein Zug fast komplett entgleist. Mindestens sechs Menschen wurden verletzt. Zwei Frauen und drei Männer seien mit Prellungen und ähnlichen Verletzungen in umliegende Krankenhäuser gebracht worden. Der Fahrer habe einen Schock erlitten und musste ebenfalls ärztlich behandelt werden. 49 Passagiere wurden unverletzt in Sicherheit gebracht.
Anwohner sprachen von einem Blitzeinschlag am Gleisbett am Vorabend. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Feuerwehr und Bundespolizei waren mit einem Großaufgebot im Einsatz. Auch Rettungshubschrauber waren vor Ort. Am Ort herrschte großes Durcheinander.
Der Zug der Linie S25 war gegen 11.45 Uhr stadtauswärts in Richtung Schulzendorf unterwegs, als er kurz hinter dem S-Bahnhof Tegel aus den Schienen sprang, sagte ein Feuerwehrsprecher. Die Ursache für das Unglück war zunächst noch völlig unklar. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte ein Sprecher der Bundespolizei.
Augenzeugen berichteten von einem Blitzeinschlag an der Bahntrasse am Vorabend. Wohl deshalb habe die Schranke des nahe gelegenen Bahnübergangs nicht mehr richtig funktioniert. Inzwischen wird aber vermutet, dass das Unglück durch eine defekte Weiche ausgelöst worden ist. Die Deutsche Bahn wollte dies entgegen ersten Berichten nicht bestätigen. Die Untersuchungen laufen, sagte ein Sprecher.
Das Eisenbahnbundesamt und die Bundespolizei nahmen die Ermittlungen zur genauen Unfallursache auf. Diese könnte unter anderem ein Stellfehler bei der Weiche sein oder ein technischer Defekt an der Weiche, sagte ein Sprecher.
Großaufgebot vor Ort
Feuerwehrsprecher Rolf Erbe zeigte sich erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert sei. Die Einsatzkräfte seien auf noch mehr Verletzte eingestellt gewesen. Feuerwehr und Bundespolizei waren mit einem Großaufgebot vor Ort.
Nach Angaben der Bahn waren bei der Weiche nahe dem S-Bahnhof Tegel zwei Wagen des Zuges auf das richtige Gleis geschoben worden, ein Teil landete auf einem Gleis für den Gütertransport, dazwischen hingen zwei weitere Wagen.
Von den sechs Waggons seien zwei Wagen fast vollständig zur Seite gekippt, hieß es. Am Gleisbett nahe der Gorkistraße entstand ein erheblicher Sachschaden. Die Feuerwehr rückte mit schwerem Gerät an. Nach dem Unglück wurde der Strom sofort abgeschaltet. Die Passagiere wurden über die gesperrten Gleise auf den Parkplatz eines nahe gelegenen Supermarktes gebracht. Dort wurden sie von Einsatzkräften betreut.
Einen Sabotageakt schloss ein Polizeisprecher als Ursache aus. "Es ist unwahrscheinlich, dass ein Dritter die Weiche manipuliert hat", sagte er. Ende des vergangenen Jahres hatte es mehrere Anschläge auf Bahnanlagen in Berlin und Brandenburg gegeben.
Der Zugverkehr auf der Linie S25 ist unterbrochen. Wie die S-Bahn auf ihrer Internetseite mitteilte, fahren ersatzweise Busse zwischen Tegel und Hennigsdorf in Brandenburg. Demnach fährt die S25 nur zwischen Teltow Stadt und Gesundbrunnen. Ab Gesundbrunnen sollen Fahrgäste die S1 bis Wittenau und ab dort den Bus 124 nach Tegel nutzen. Alternativ kann auch die U-Bahn, Linie 6, ab S+U Wedding genutzt werden.
Aufräumarbeiten mindestens bis Mittwochmittag
Die Bundespolizei wollte noch am Abend den Unfallort freigeben. Danach könne die Bahn mit den Aufräumarbeiten beginnen, sagte der Sprecher. Wann die Strecke der S 25 wieder befahrbar ist, blieb zunächst offen.
Ein Bahnsprecher sagte dem rbb-Inforadio, die aus den Schienen gesprungenen Wagen sollten mit einem Hilfszug wieder aufs Gleis gesetzt werden. Vermutlich würden die Aufräumarbeiten mindestens bis Mittwochmittag dauern.
S-Bahn mit massiven technischen Problemen
In den Geschäften in der Umgebung bekamen die Menschen nach ersten Berichten nicht viel von dem Bahnunglück mit. Ein lauter Knall sei nicht zu hören gewesen, sagte Veronika Bruselt vom Gardinengeschäft "Gardinen Tegel". Sie habe erst durch Kunden von dem Unglück gehört. "Wegen der nicht funktionierenden Schranke dachten wir, eine Person sei über die Gleise gegangen und verunglückt." Erst später hätten Kunden ihr erzählt, dass die S-Bahn rund 30 Meter hinter dem Bahnübergang entgleist sei
Die Berliner S-Bahn kämpft seit Jahren mit massiven technischen Problemen ihrer Flotte. Seit Mai 2009 erfolgt der Betrieb nur eingeschränkt. Seither ist die Krise des zur Deutschen Bahn gehörenden Unternehmens ein Dauerthema in Berlin. Dennoch sind die rot-gelben Züge der S-Bahn ein wichtiges Verkehrsmittel in der Hauptstadt. Befördert werden nach Unternehmensangaben an Werktagen bis zu 1,3 Millionen Fahrgäste.
Vor diesem Hintergrund forderte die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sabine Leidig, eine gründliche Aufarbeitung des Unglücks. Das Management der Deutschen Bahn AG habe noch nicht ausreichend Konsequenzen aus der S-Bahn-Krise gezogen, sagte die verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. Eine defekte Weiche als mögliche Unfallursache deute daraufhin, dass nunmehr auch eine "mangelhafte Infrastruktur unfallgefährdend wirkt".
















