22.08.12

Tag Drei

Campus Berlin - Frauen sind die schöneren Computerfreaks

Tag drei der großen Campus Party: Warum Männer weniger auf ihr Äußeres achten – und was man für 2000 Euro erfinden muss.

Foto: BMO

Impressionen von der Campus Party 2012 in Berlin. Twitter und Facebook zu Gast in Tempelhof.

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Ob es die Auswirkungen des strikten Alkoholverbots sind? Am Morgen finden sich auf dem Platz des Luftbrückendenkmals die Reste einer feucht-fröhlichen Nacht. Leere Schnapsflaschen liegen herum. Ob es Campuseros waren, die in den vergangenen Tagen auf Alkoholgenuss im Flughafen verzichten mussten oder doch Berliner Jugendliche – man weiß es nicht. Über das Rollfeld weht eine frische Brise in den Hangar. Nach den sommerlichen ersten Tagen herrscht herbstliche Stimmung. Einige trotzen den Temperaturen mit kurzen Hosen und T-Shirts, andere tragen Winterjacken.

Ein Protoll des dritten Tages:

+++ 17.50 Uhr +++

In der Gründergarage ist kein Platz mehr frei. Das "Online-Labor für Entrepreneurship" auf der Campus Party ist voller junger, hipper, gutaussehender Menschen mit Hut und Hoodie, Männer tragen grüne Jeans und Vollbart, Frauen tragen grüne Jeans und Lederjacken. Aus den Boxen kommt elektronische Musik, ein alter Opel steht am Rand und in der Ecke spielen vier Jungs Basketball.

Dann geht es los, der "Final Pitch" des "Startup Weekend Airport 12" startet. 17 Ideen von 17 Teams sollen vorgestellt werden, die in den letzten 54 Stunden in den Hangars von Tempelhof entwickelt wurden. Sieben Juroren (ehemalige Gründer, Forscher und Google-Produktentwickler) beurteilen die Präsentationen und geben Ratschläge. Bewertet werden Ideenkonzept, Innovationsfaktor, Business Model und Entwicklungsverlauf.

Team 1 möchte Herrenhemden wiedererkennbar machen und hat eine Zickzack-Knopfleiste entworfen, die sich von der Masse abheben will.

Urteil der Jury: offene Fragen beim Vertriebsweg, bei der Massentauglichkeit und beim Unique Selling Point. Das Zickzackhemd wird es wohl nicht in die Serienproduktion schaffen.

Team 2 arbeitet an einer App, mit der man Langzeitbelichtungen (Lichtmalerei) mit dem Smartphone erstellen und als 3D-Modell bearbeiten kann. Urteil der Jury: Wieso soll ich diesen Service nutzen? Was ist der Unterschied der verschiedenen Preismodelle?

+++ 16.10 Uhr +++

Liquid.Ret gegen Mill.fOrGG - das sind keine Rechtschreibfehler, sondern die Kontrahenten einer live ausgetragenen Schlacht des mit 25.000 Euro dotierten Wettkampfs um die Krone des Strategiespiels Starcraft 2. Im hintersten Ende des Hangars sitzen auf einer langgestreckten Bühne zwei Spieler an ihren Computern und hacken im Millisekundentakt mit der linken Hand auf die Tastatur und schieben mit der rechten Hand auf der Maus ihre Einheiten von A nach B. Menschen gegen Aliens, erklärt ein Hobbyspieler, der direkt hinter Mill.fOrGG steht und dem Chinesen über die Schulter blickt. Die Schlacht wird live auf eine riesige Leinwand projiziert und von knapp 30 Zuschauern aufmerksam verfolgt. Den Ton liefert ein Live-Kommentator (Kaelaris, der Caster), der das Geschehen wie ein Fußballspiel mit aufgeregter Stimme begleitet.

Und das Ziel des Spiels? "To kill each other?!", sagt ein anderer Hobbyspieler am Rand und zieht ob der doofen Frage verächtlich eine Augenbraue nach oben.

+++ 15.35 Uhr +++

Aufgeregt tänzelt der Spieler im weißen Trikot an der Seitenauslinie entlang. Sein Gegenspieler ist schon schachmatt gesetzt, ohne Fremdeinwirkung plötzlich umgeknickt. Die Augen leuchten rot und grün und manchmal blau, und nachdem er einige Sekunden Anlauf genommen hat, schießt er den Ball gekonnt über die Linie, ins Aus.

Roboterfußball steckt noch in den Kinderschuhen, das wird beim Kick auf der Campus Party deutlich. Die Bewegungen der weiß-grauen Sportskanonen erinnern noch eher an mechanischen Stepptanz als an filigranes Ballgefühl. Für die vier Roboter-Kicker stehen gleichzeitig auch vier echte Menschen auf dem Platz, die den kniehohen Maschinen den rechten Weg weisen oder den Ball wieder ins Spiel bringen. "Das ist den Robotern hier zu dunkel", heißt es, und dass sie deswegen nicht unterscheiden könnten, wo genau der Ball gerade und wo der Gegenspieler ist. Das hat lustige Roboter-Kuschelpartys im Mittelkreis zur Folge, und so ist das Fußballspiel, wenn auch nicht torreich, so doch wenigstens sehr amüsant. Und am heutigen Freitagabend startet dann ja auch wieder die echte Fußball-Bundesliga.

+++ 14.55 Uhr +++

Im "Cross-Space 2" am Rand der großen Bühnen geht es gerade um mobile Fotografie. Drei erfahrene Handyfotografen aus Frankreich und der Türkei stellen Apps vor, die sie für ihre Leidenschaft benutzen.

Zum Fotografieren ist natürlich auch Hipstamatic dabei - das kleine Programm für Apples iPhone wird mittlerweile auch von mehr und mehr Fotojournalisten bei Reportagen eingesetzt. Zum Bearbeiten empfehlen die Experten die App "Snapseed": "Intuitiv, einfach, wirkungsvoll." Nach dem fotografieren und bearbeiten kommt in der mobilen Fotografie natürlich das Teilen - der im Frühjahr von Facebook übernommene Anbieter Instagram ist hier der Platzhirsch.

Die gut 25 Zuhörer sind bunt gemischt - aber nicht älter als 30. Die meisten haben ihre Smartphones in der Hand und laden sich die vorgestellten Apps gleich herunter.

+++ 14.30 Uhr +++

Die Campus Party - eine reine Männerveranstaltung? Nicht ganz. In der Mittagspause ist Zeit für eine kleine, natürlich nicht repräsentative, dafür umso interessantere Umfrage.

Michelle arbeitet an der Bar und hat gefühlt jeden einzelnen der 10.000 Campuseros schon an ihrem Stand gehabt. "Natürlich sind hier viel mehr Männer, ich würde schätzen das Verhältnis steht bei 80 zu 20", sagt die junge Frau. Für sie liegt das schlicht am Typus der Veranstaltung. Das Überraschende aber: "Das sind alles schnittige Frauen, modisch, attraktiv, sehr schick!" Die Männer, so Michelles steile These, seien wohl in der Masse nicht so hip, weil sie sich im Internet eine schickere Identität angelegt hätten und deswegen im echten Leben nicht so viel Wert auf ihr Äußeres legen würden.

Philipp arbeitet am Kaffeestand nebenan und bringt eine neue Zahl ins Spiel: "Hier am Stand ist das Verhältnis 50/50. Frauen lieben Kaffee-Kultur, und sie freuen sich, wenn sie hier einen Latte Macchiato mit Blütenmuster bekommen." Im Hangar insgesamt sieht auch Philipp deutlich mehr Männer, bei den "durchweg hübschen Mädels" stimmt er seiner Kollegin aber zu.

Maria Angelica muss wohl kurz zuvor einen Kaffee oder einen Saft bestellt haben: Die Kolumbianerin erfüllt das von den deutschen Servicekräften gemalte Bild zu 100 Prozent. "I'm a full-time geek", sagt die 24-Jährige, und dass man ihr das nicht ansieht, erklärt sie schon im nächsten Satz: "Der Prototyp des Geek-Mädchens verändert sich gerade. Früher haben sie sich auf ihren PC konzentriert, heute schauen sie mehr auf sich. Und auf den PC."

Die Welt braucht mehr Geek-Girls.

+++ 14 Uhr +++

Vor dem enormen Glaskasten mit der kompletten Technik, die die Campus Party so benötigt (vor allem natürlich die Internet-Verbindung), sitzt schon seit Beginn des Festivals am Mittwochmorgen der einsame Wachmann eines Sicherheitsdienstes und überwacht, dass niemand das pochende Herz der Veranstaltung betritt. Es versucht aber auch niemand, außer dem Fachpersonal natürlich, und so hat der Wachmann den wohl ruhigsten Job im Hangar. Ein kleines Interview, wie er sich da die Zeit vertreibt und was er von all den Technik-Begeisterten hält, die jeden Tag um ihn herumschwirren, darf er leider nicht geben. Das müsste erst bei seinem Vorgesetzten, der Sicherheitszentrale in der Schalterhalle und dann auch noch beim Veranstalter angefragt und genehmigt werden. Wie schade.

+++ 13.35 Uhr +++

Der Tempelhofer Hangar kommt wieder zur Ruhe. Wie jeden Tag zwischen 13 und 14.30 Uhr sinkt der Geräuschpegel in der riesigen, halboffenen Flughafenhalle wieder ein wenig. Auf den Bühnen ist Pause, der Imbissstand mit dem enormen Zeltdach als Sonnenschutz ist weniger gut besucht als in den Tagen zuvor. Vielleicht auch, weil man draußen auf dem Rollfeld heute eher eine wasserdichte Allwetterjacke benötigt als eine Wasserspritzpistole wie am Donnerstagmittag.

Die Campuseros und Campuseras sitzen "drinnen" an ihren Laptops, sehen sich kurze Videos bei YouTube an oder twittern über die Erkenntnisse des Vormittags. Skype läuft auf vielen Rechnern und überträgt per Video Grüße in die Heimat. In einer knappen Stunde geht es weiter - bis dahin ist auch das Telefon des Reporters wieder aufgeladen.

+++ 13.00 Uhr +++

Auf der Hauptbühne kommt es zum Showdown des Tages. Don Tapscott wird angekündigt, "einer der führenden Denker auf dem Gebiet der Auswirkungen der digitalen Revolution auf die Gesellschaft". "Grown up digital" heißt eines der 14 Bücher Tapscotts, und beschäftigt sich mit der Generation der "Digital Natives", die mit Computern und dem Internet aufgewachsen ist. Die Campuseros gehören natürlich dazu.

Dann kommt Tapscott auf die Bühne. Der charismatische 65-Jährige fesselt seine Zuhörer - freie Plätze gibt es nicht, die Teilnehmer sitzen zwischen den Stühlen auch auf dem Boden und stehen an den Seiten. Tapscott unternimmt eine Gedankenreise von der Agrargesellschaft über Gutenbergs Buchdruck und die industrielle Revolution bis zum Kapitalismus. Heute herrsche das Zeitalter der Netzwerk-Intelligenz - und die etablierten Organisationen wie UNO, G8 oder WTO seien unfähig, mit den heutigen Problemen umzugehen. Das sei leicht zu sehen, denn "the world is broken". Armut, Eurokrise, Jugendarbeitslosigkeit, Klimawandel. Der Widerspruch könnte nicht größer sein, aber just als Tapscott dieses düstere Bild der Welt an die Hangarwände malt, kommt zum ersten Mal an diesem Freitag die Sonne zum Vorschein.

Dann geht die Reise weiter, der kanadische Unternehmer und Professor spricht über netzwerkbasierte Problemlösungsmodelle und deren Antriebe - vier Revolutionen: die technologische (Tapscotts Hotelzimmertür in Berlin hat eine eigene IP-Adresse, erzählt er stolz), die demografische (die Digital Natives seien die erste "globale Generation"), die soziale wie in der arabischen Welt (die aus den ersten beiden Revolutionen entstanden sei) und schließlich die wirtschaftliche Revolution der Globalisierung.

Am Ende klingt Tapscott ein wenig nebulös: Die Campuseros sollen das Internet nutzen, um die Demokratie zu erneuern, die Teilhabe an der globalen Entscheidungsfindung zu verbessern.

Und weil der findige Denker weiß, dass die Aufmerksamkeit rund um die Mittagszeit gerne etwas nachlassen kann, hat er vor seiner Rede einen Preis ausgelotet: Wer aus seinem Vortrag (das Video dazu stellt er zur Verfügung) die beste "Problemlösungs-App" programmiert und entwickelt, bekommt von ihm 2000 Euro.

+++ 11.55 Uhr +++

Plötzlich laufen Twitter und Facebook durch die Hangars in Tempelhof. Facebook ist ein blassblaues Haus mit einem kleinen Gucklock und zwei muskulösen, silbern glänzenden Beinen, die aus dem Keller ragen. Twitter ist ein etwas verwirrt dreinschauender, blauer Vogel, der noch stärkere Beine hat. Die Strumpfhosen stehen den beiden Komparsen ausgezeichnet, wirklich glücklich sehen sie in ihren wuchtigen Kostümen trotzdem nicht aus.

Begleitet werden sie aber immerhin von Taise, einer reizenden Brasilianerin, die fleißig Anstecker verteilt, auf denen "Freies Internet für alle!" steht. Genaueres kann sie zu diesem Anliegen nicht sagen, aber wirklich wichtig scheint das für das lustige Trio auch nicht zu sein. Aufmerksamkeit erregen: Check.

+++ 11.30 Uhr +++

Auf der anderen Seite der Bühne geht es um Hochgeschwindigkeitskameras. Um zu demonstrieren, zu was die Kamera fähig ist, laufen beeindruckende Bilder über die Monitore an den beiden Seiten der Michaelangelo-Bühne. Sektkorken knallen in maximaler Zeitlupe aus ihrer Flasche, saftige Tomaten klatschen gegeneinander und explodieren in kleine, rote Fetzen, ein letzter Tropfen Espresso tropft in ein schaumiges Latte Macchiato-Glas.

Das Frühstück ist plötzlich ganz weit weg und der Magen knurrt. Dann ist die Präsentation aber auch schon wieder zu Ende und es geht um die Technik dahinter. Extrem bewegliche Roboterarme führen die Kamera in jeder gewünschten Geschwindigkeit über die Objekte, Software-Entwickler zeigen in 3D-Modellen die Programmierung der Roboter. Leider passiert das alles nur in kurzen Einspielfilmen und nicht live auf der Bühne.

+++ 11.15 Uhr +++

"Tactic matters" - auf die richtige Taktik kommt es an, heißt es jetzt auf der Gutenberg-Bühne. Die Frage, wie man im Bereich Social Media erfolgreich sein kann, interessiert die Teilnehmer der Campus Party, die Stühle vor der Bühne sind alle besetzt.

Auf der Bühne steht Nicole Simon. Sie ist Social Media-Beraterin, kommt aus Lübeck und schart bei Twitter (@NicoleSimon) mehr als 16.000 Follower um sich - die Frau muss wissen, wovon sie spricht. Dann sagt sie: "Journalisten hassen Twitter und Facebook, sie mögen Mails und lange Texte." Stimmt nicht ganz, Journalisten schreiben sogar Live-Ticker.

Will man erfolgreich sein, muss man präsent sein, meint Simon. Man braucht einen eigenen Blog, Twitter- und Facebook-Account, Google+, YouTube... Und um zu prüfen, ob der gewünschte Nutzername noch verfügbar ist, empfiehlt die Beraterin namechk.com - die Seite überprüft zig verschiedene Dienste und sieht nach, ob der Name schon vergeben ist.

Dann geht es um den Empfehlungsdienst Qype, das Netzwerk Pinterest und um den Umgang von Bloggern und Social Media-Experten mit Print- und Fernseh-Journalisten:

"Journalisten haben Deadlines!", sagt Simon. Recht hat sie. Der Ticker-Eintrag muss abgeschickt werden.


+++ 10.30 Uhr +++

Marcelino Coll Rovira ist auf der Campus Party "der schräge Typ mit dem Hut". Der Spanier hat auch die letzte Nacht wieder in der Nähe seiner Ausrüstung verbracht, ein Gaming-Laptop mit antiquiertem Ventilator dahinter, der den Rechner und den Spanier kühlen soll.

Die erste Nacht verbrachte Marcelino auf einer Isomatte unter seinem Tisch, die zweite auf einer Couch, die er sich vor seinen Platz geschoben hatte. Donnerstagnacht hat er einfach gar nicht geschlafen, und sitzt jetzt mit um die Beine geschlungenem Schlafsack auf seinem Stuhl. "Ich war nicht müde und dachte mir, dann muss ich auch nicht schlafen. Ich bin jetzt 24 Stunden wach, und werde mich wohl erst heute Nacht wieder ein, zwei Stunden hinlegen. Ich bin das gewohnt, es geht mir gut", sagt der 20-Jährige. In der Nacht hat er übrigens League of Legends gespielt. Jetzt surft er bei Facebook. 10:30 Uhr - der Hut sitzt.

+++ 10.10 Uhr +++

Auf der Sokrates-Bühne für "Freie Software und Betriebssysteme" startet der Tag mit einer Vorschau auf Windows 8. Über das Rollfeld weht zwischen den Containerwänden eine frische Brise in den Hangar, der Regen hat zwar aufgehört, aber nach den sommerlichen ersten Tagen herrscht heute Morgen herbstliche Stimmung auf der Campus Party.

Einige trotzen den Temperaturen mit kurzen Hosen und T-Shirts, andere haben wohlwissend ihre Winterjacken mitgebracht.

Dann startet die Präsentation. "Microsoft stellt gerade ein, also wenn Sie einen Job suchen, bewerben Sie sich", sagt der Softwareentwickler auf der Bühne. Auf die Frage, wer der Zuhörer das neue Betriebssystem schon gesehen habe, heben gefühlt alle der etwa 70 Zuhörer die Hand. Wird für sie dann wohl eher uninteressant...

+++ 9.30 Uhr +++

Ob es die Auswirkungen des strikten Alkoholverbots auf der Campus Party sind? Im morgendlichen Regen finden sich auf dem Platz des Luftbrückendenkmals vor dem Flughafenkomplex die Reste einer feucht-fröhlichen Nacht. Mehrere Flaschen Hochprozentiges liegen herum, dazu leer gefuttertes Knabberzeug. Ob es trockengelegte Campuseros waren, die in den letzten Tagen auf jeden Alkoholgenuss im Flughafen verzichten mussten (einschließlich Taschenkontrollen bei der Anreise) oder doch nur Berliner Jugendliche - man weiß es nicht.

+++ Freitag, 24. August, es berichtet Christian Mutter +++

+++ 17.00 Uhr +++

"Früher habe ich meine Kleidung nach ihrem Aussehen gewählt. Heute suche ich sie nach ihrem Klang aus", sagt der Cyborg. Gelächter im Publikum. Heute zum Beispiel habe er sich ein Outfit in C-Dur ausgesucht: graublaues Sakko, rotes T-Shirt, gelbe Hose.

+++ 16.49 Uhr +++

"Wie kann Technologie unsere Sinne erweitern?" - mit dieser Frage beschäftigt sich Harbisson in seinem Vortrag. Auf einem Bildschirm verwandelt sich ein grünes Quadrat in ein blaues Quadrat. Dazu ertönt ein pulsierendes Piepen, das immer höher wird. Auf diese Weise nimmt Harbisson Farbe wahr. Und weil diese Software mit seinem Gehirn einen völlig neuen Sinn erzeugt habe, versteht sich der Brite als ein Cyborg.

+++ 16.35 Uhr +++

Ein Cyborg steht jetzt auf der Bühne - zumindest hat sich der Künstler Neil Harbisson vor acht Jahren diesen Status anerkennen lassen. Er leidet an einer Krankheit, die ihn nur in Schwarz-Weiß sehen lässt. Vor der Pony-bedeckten Stirn trägt er ein elektronisches Auge, das ihm erlaubt "Farben zu hören". Er setzt sich ein für die "Rechte von Cyborgs" ein - Sachen gibt's.

+++ 16.22 Uhr +++

Wie wird man Astronaut? Der Nasa-Experte erklärt, wie die Raumfahrt-Agentur Nachwuchs rekrutiert. Er sagt: "Man braucht kein Harvard-Zertifikat, kein MIT-Zeugnis, um zur Nasa zu kommen." Dann ist er zu Tränen gerührt, als er über seine eigene Nasa-Karriere spricht. Er wischt sich durchs Gesicht, sagt "Sorry" und redet weiter über den Raketen-Wissenschaftler Wernher von Braun.

+++ 16.11 Uhr +++

Jetzt geht's um den Mars. Nasa-Experte Donald G. James spricht über die Zukunft der Raumfahrt. Die jüngste Nasa-Mission, die erfolgreiche Curiosity-Landung auf dem Mars, begeistert offenbar noch immer. Die Sitzreihen sind vollgepackt, viele Campuseros verfolgen seine Präsentation stehend. Der Nasa-Experte zeigt Werbefilmchen der US-amerikanischen Raumfahrt-Agentur, vorher ruft er: "Don't believe CNN" - glaubt nicht dem US-TV-Sender. Junge Leute, die sich mit der Raumfahrt beschäftigen - und eines Tages selbst das All bevölkern wollen - sollten vor allen ihre kritische Neugier behalten - und den Dingen auf den Grund gehen.

+++ 15.41 Uhr +++

Eine von fünf Frauen leidet unter Cyber-Stalking. Durchschnittlich 100 Mal wird eine Frau im Internet belästigt, bevor sie Anzeige erstattet. Und 70 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt werden zuvor gestalked. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie, die von Rednerin Jennifer auf der Archimedes-Bühne vorgestellt wird. Sie sagt: "Ich kann hier die nächste Generation von Software-Entwicklern und Netzwerk-Architekten für dieses riesige Problem sensibilisieren."

+++ 15.24 Uhr +++

"No, no, no. It's not working", ruft der Redner auf der Pythagoras-Bühne, wo es um Software-Entwicklung geht. Seine Internet-Verbindung ist gerade abgeschmiert. Er nästelt an dem Kabelgewirr seines Laptops herum, aber der Bildschirm bleibt schwarz. Er fährt fort im Programm und preist ein neues Produkt des Software-Riesens Adobe an. Dann kommt der obligatorische Hinweis: "If you want to know more, just follow me on Twitter."

+++ 15.04 Uhr +++

Rüber zur Michelangelo-Bühne, wo es um Design, Musik, Fotografie und Video geht. Der Redner hantiert mit seinem Handy, auf einem Fernseher ist der rote Vogel des beliebten Handy-Games "Angry Birds" zu sehen. Es geht um das Erstellen von 3D-Modellen. Einige Zuhörer machen sich Notizen auf Papier. Jetzt wirft der Redner mit Fachchinesisch um sich: OpenGL, Javascript, Augmented Reality. Wissendes Nicken beim Publikum.

+++ 14.44 Uhr +++

Rednerin Simone stellt die internationale Roboter-Community vor. Bislang aber noch keine kämpfenden Roboter auf der Bühne - schade. Dafür erläutert sie, was eigentlich hinter diesem Phänomen steckt: Es gehe darum, die Öffentlichkeit für Technik zu begeistern, neue technische Möglichkeiten spielerisch auszuloten. Oder Kinder für Algebra zu interessieren. Sie stellt ein paar Sportarten vor: Roboter-Kung-Fu, Roboter-Sumo, Roboter-Fußball, Roboter-Hockey. Das sei alles "totally amazing", sagt Simone.

+++ 14.29 Uhr +++

Weiter geht's auf der Galileo-Bühne mit dem vielversprechenden Programmpunkt "Robogames: The largest robotics competition in the world". Aus den Boxen puckert Kraftwerks "Ich bin ein Roboter", etwa 40 Zuhörer warten auf den Beginn. Die Robogames verstehen sich als die Olympischen Spiele für Roboter.

+++ 13.58 Uhr +++

Mittagspause auf der Campus Party: Die vielen Bühnen sind verwaist, keine Workshops, keine Rund-Um-Beschallung. Viele Campuseros fletzen sich in bereitgestellte Sofas oder suchen ein wenig Entspannung in ihren Zelten. Andere sitzen vor ihren Laptops und schauen sich einen Film an. Draußen bei den Imbissständen scheint der Burger für vier Euro äußerst beliebt. Wer nicht isst, schläft oder chilt, traut sich heraus aus dem Flughafen und erkundet die Hauptstadt. Kleine unrepräsentative Umfrage unter den vielen spanischen Campuseros: Was schaut Ihr Euch an in Berlin? Häufigste Antwort: "el muro", die Berliner Mauer.

+++ 13.35 Uhr+++

In der Vorhalle des Flughafens Tempelhof testet Jani (37) aus Finnland sein Fluggerät. Gerade waren Security-Mitarbeiter da, er dürfe nicht höher als fünf Meter damit fliegen, weil sonst die Sprinkleranlage anspringen könnte. Also steuert er seinen Flieger auf Kopfhöhe. Etwas unbefriedigend für ihn: Normalerweise bringt er es in eine Höhe von etwa 300 Meter, theoretisch wären sogar mehrere Kilometer möglich. Jani ist Software-Entwickler, das dritte Mal auf der Campus Party dabei und spricht später auf einer Bühne über Computer-Modding. Hat sein Flieger einen Namen? "Noch nicht, aber es ist definitv ein Mädchen!"



+++ 13. 14 Uhr +++

Diskussionen über Geschäftsmodelle, Programmiercodes, Dauer-Gaming - da raucht auch dem ambitioniertesten Internet-Aficionado irgendwann der Kopf - vor allem bei dem strahlenden Sonnenschein vor der Tür des Flughafens Tempelhof. Beste Zeit also für eine Wasserschlacht. Etwa 30 Campuseros laufen mit Wasserpistolen über den Vorplatz des Flughafens. Es wird gejohlt und gegrölt. Fotografen stürzen sich auf die ausgelassenen Nerds. Aber schon nach wenigen Minuten ist der Spuk wieder vorbei.

+++ 12.23 Uhr +++

Volles Haus bei der Keynote des israelischen Internet-Pioniers Yossi Vardi auf der Hauptbühne. Der 69-Jährige hat Dutzende Start-ups gegründet, eine seiner Firmen entwickelte den Instant Messager ICQ. Er spricht über die Voraussetzungen des Erfolgs - und ist dabei humorvoll, launig, auffordernd. Gelächter und Applaus bei den Campuseros. Sein Rat an das Publikum: "Hört auf die User! Die Nutzer von Programmen sind klüger als die Entwickler." Und wie hat man nun Erfolg: Vardi ganz trocken: "Man braucht Glück."

Morgenpost Online ist live vor Ort. Unser Twitterfeed von der "Campus Party":

+++ 12.10 Uhr +++

In einer kleinen Ecke des Hangars haben es sich Pieter, 23, aus Belgien und sein Grüppchen gemütlich gemacht. Hinter ihnen dampft es gewaltig. Es ist ein 120 Liter fassendes Behältnis mit Flüssigstickstoff. Pieter füllt es in Thermoskannen - und kippt kleine Tropfen auf den Prozessor seines Computers. Warum er das macht? Der Flüssigstickstoff soll den heißen Rechner herunterkühlen. "Das geht bis zu minus 200 Grad", sagt Pieter. Und wozu die Kälte? "Je höher die Leistung eines Rechners, desto höher seine Temperatur. Deshalb die Kühlung." Flüssigstickstoff als legales Doping für den Computer.

+++ 11.34 Uhr +++

"Wir müssen Frauen ermutigen, Start-ups zu gründen" - die erste These bei den "Berlin Geekettes". Aber warum haben es Frauen in der Szene so schwer? Eine Antwort auf der Bühne: Frauen sind weniger risikobereit, sie sind weniger gierig als Männer". Noch viel wichtiger: "Zu viele Vorurteile gegenüber Frauen." Dann kommt die Aufforderung: "Frauen müssen mutiger werden!"

+++ 11.09 Uhr +++

Thema auf der Gutenberg-Bühne um 11 Uhr: "Women in Tech". Dabei sind vier Frauen, die es an die Spitze von Internet-Unternehmen und Start-ups geschafft haben. Fast alle Sitzplätze sind belegt – vor allem durch weibliche Campuseros.

+++ 10.43 Uhr +++

Jetzt geht es um Gesetze – wie zum Beispiel um das umstrittene und vorerst gescheiterte Copyright-Gesetz ACTA. These: Derlei Gesetze seien nicht in einem demokratischen Prozess entwickelt worden. Forderung: "Wir sollten gemeinsam neue Regeln für eine neue Ära aufstellen. Und den Einfluss von Lobbyisten begrenzen." Reaktion im Publikum: erneut stummes Nicken. Die Schlange vor der Kaffeebude zehn Meter weiter wird derweil immer länger.

+++ Donnerstag, 23. August, es berichtet Michel Bee +++

+++ 10.00 Uhr +++

Guten Morgen von der Campus Party! Morgens um 10 Uhr sind längst nicht alle Arbeitsplätze besetzt. Aber es wird voller. Vor den Bühnen sitzen einige Dutzend Campuseros mit müden Gesichtern. Die Nacht war wohl kurz. Auf der Hauptbühne wird über Copyright, Piraterie und geistigen Besitz diskutiert. Eine These: "Das erste Mal in der Geschichte hat jedermann freien Zugang zu Kultur und Bildung. Das ist eine riesige Chance." Die Reaktion des Publikums: stummes Nicken. Die meisten Zuhörer blicken in ihre Laptops.

+++ 17.18 Uhr +++

Auf einer Leinwand im hinteren Teil der Halle explodieren grelle Farben und Formen. Etwa zwei Dutzend Zuschauer starren recht emotionslos auf die Leinwand und verfolgen die Live-Übertragung von "League of Legends", einem Strategiespiel. Was genau dort passiert, ist nur für Kenner ersichtlich. Kreaturen gehen aufeinander los, starten Attacken, versuchen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Gesteuert werden die Kreaturen von Spielern hinter der Leinwand. Zwei Kommentatoren beschreiben auf Englisch, wer gerade wie und vor allem wen angreift.
Michel, 16, aus Berlin-Neukölln, selbst "League of Legends"-Spieler, sitzt vor der Leinwand und erklärt: "Das Spiel erfordert eine perfekte Kommunikation im Team. Selbst wenn man kurz vor dem Sieg ist, kann immer noch was passieren. Wie beim Fußball, wenn man sich in der letzten Minute ein Tor fängt."
Hier auf der Campus Party seien ausschließlich hochkarätige Teams dabei, sagt Michel, die absolute Elite. Ein solches Niveau könne man nur erreichen, wenn man fünf Stunden am Tag trainiert. Dafür habe er selbst keine Zeit, er mache gerade sei Abi. Vielleicht aber, sagt er, gelingt ihm trotzdem irgendwann der Sprung an die Spitze und er könne dann mit dem Gaming sein Geld verdienen. Man sollte sich also seinen Spieler-Namen merken: Kroque.

+++ 16.22 Uhr +++

Eric, Eduardo und Davide aus Turin treten aus der dunklen Halle heraus in die gleißende Sonne. Hinterher zuckelt ein seltsames Gefährt, ein rollendes Etwas, mit Kameraaugen und einer Stange, die entfernt an eine menschliche Hand erinnern soll. "Wir basteln hier an einem Pflegeroboter", sagt Elektronik-Student Eric (25) und fährt mit dem Finger über seinen Laptop. Der Roboter dreht sich und rumpelt etwas umständlich um die eigene Achse. Später soll ihre Erfindung bei der Pflege von alten oder behinderten Menschen eingesetzt werden. Eric und seine Truppe sind per Flieger nach Berlin gekommen, jetzt kampieren sie wie viele andere Campuseros in den blauen Zelten. "Definitiv kein 5-Sterne-Komfort, aber es ist Ok", sagt Eric. Über Berlin sagen sie: "Würde mir hier ein guter Job angeboten, würde ich sofort hierhinziehen."



+++ 15.23 Uhr +++

Auch Wall-E ist da. Stefan, 36, aus Köln hat den Held aus dem gleichnnamigen Pixar-Animationsfilm nachgebastelt. Der kastenförmige Roboter mit den großen hängenden Augen kann alles, was sein Vorbild auch kann. Nur gerade verharrt er stumm. "Wir brauchen dringend einen Lötkolben, da läuft irgendwas nicht richtig", sagt Stefan. Er sei kein Elektronik-Genie und erst recht kein Robotiker – eher eine Art Künstler. Ein Jahr, bevor der Pixar-Film in die Kinos kam, fand er ein Bild von Wall-E im Internet. "Wir fanden den einfach knuffig. Die Mädels stehen drauf, und die Kerle interessieren sich für die Technik", sagt er. Stefan ist ein Campus-Party-Veteran, war schon mehrmals in Spanien. Er sagt: "Das ist hier eine einmalige Stimmung. Man feiert gemeinsam und tauscht Wissen aus – etwas ganz besonderes." Ist er ein Nerd, ein Geek, ein Freak? "Wir sind alle Freaks irgendwie, aber im positiven Sinne. Wir haben alle eine Macke."

+++ 14.44 Uhr +++

Ganz hinten in der Haupthalle sitzen Sergio, 21, und Alberto, 22, zwei Informatikstudenten aus Valencia. Von den Veranstaltungen der Campus Party haben sie noch nicht viel mitgekriegt, sagen sie. Sie sind hier, um Computerspiele zu zocken – und um Filme und Musik herunterzuladen. "Klar, das ist illegal. Aber wir machen's trotzdem. Copyright ist eine Sache des 20. Jahrhunderts", sagt Sergio. Beide stehen kurz vor dem Abschuss ihres Studiums. Wie es im nächsten Jahr weitergehen wird, wissen sie nicht. Die Krise, die Arbeitslosigkeit in Spanien machen beiden zu schaffen. Wäre ein Job in Deutschland eine Option? "Meine Familie, meine Freunde leben in Spanien. Das wäre ein großer Schritt."

+++ 14.28 Uhr +++

Ideen für digitale Innovationen als Rezept gegen die Krise – dieses Programm prägt das "größte Geek-Festival der Welt". Die Teilnehmer aus aller Welt diskutieren in Berlin über Geschäftsmodelle für Start-ups wie über den Traum einer Mars-Besiedlung.

+++ 14.00 Uhr +++

Aus der Zeit gefallen: Sven Möller, 36, Produktmanager aus Dortmund, sorgt mit seinem Outfit für einen kleinen Menschenauflauf. Er präsentiert auf der Campus Party seinen "Steampunk-Laptop", einen auf alt getrimmten Computer, liebevoll designt. Er sagt: "Wenn mich die Leute sehen, zeigen sie mir ein breites Grinsen." Seine Kunst verursache einen Aha-Effekt. "Das sind alltägliche Geräte, aber in einem viktorianischen Design", sagt er. Dann kommt auch schon der nächste Campusero und bittet freundlich um ein Foto.



+++ 13.30 Uhr +++

Jana, 26, Biologin aus der Slowakei, hat nicht alles verstanden, was Coelho gesagt hat. Ein Satz aber sei ihr in Erinnerung geblieben: "Everything in the universe is the consequence of chance or necessity". Das, sagt Jana, sei eine simple und wichtige Wahrheit - und deshalb war Coelho für sie der erste Höhepunkt auf der Campus Party.

+++ 13.25 Uhr +++

Kaum beendet Coelho (ganz in Schwarz, Ziegenbärtchen, grauer kleiner Zopf) seine Rede, schon springen die Campuseros auf und hetzen zur nächsten Veranstaltung. Andreas, 30, Doktorand der Wirtschaftsinformatik aus Saarbrücken, bleibt etwas länger sitzen und sagt: "Schon überraschend, dass so ein Nicht-ITler wie Coelho auf der Campus Party spricht." Seine Aussagen zur Kultur des Teilens im Internet findet Andreas interessant, aber auch ein wenig "blauäugig". "Ich weiß nicht, ob dieses Konzept tatsächlich aufgeht." Dennoch sei es gut, dass die Szene auch mal Input von der literarischen Seite bekommt.

+++ 13.07 Uhr +++

Das im Juli 2011 gegründete niederländische Unternehmen Mars One stellte auf der Campus Party das ehrgeizige Projekt vor, bis zum Jahr 2023 den Mars zu besiedeln. "Wenn das genügend Leute wollen, wird auch das passieren", sagte Firmengründer Bas Lansdorp. Alle technischen Voraussetzungen dafür stünden zur Verfügung.

Bereits 2016 soll es nach den Plänen des Unternehmers einen Satelliten über dem Mars geben, der den Ort für eine Siedlung erkunden soll. Auf seiner Webseite hätten sich schon mehrere hundert Interessenten gemeldet. "Die Menschen sind immer an dem Unbekannten interessiert, an dem, was hinter dem Horizont liegt." Bisher finanziert Lansdorp sein Unternehmen mit eigenem Kapital, jetzt sucht er finanzstarke Investoren.

+++ 12.50 Uhr +++

Der alte Mann und das Netz - Bestseller-Autor Paulo Coelho ist einer der prominentesten Redner auf der Campus Party. Um 12 Uhr besteigt er die Bühne - und wird als Social-Media-Wunder angepriesen. Über neun Millionen Facebook-Freunde hat er, bei Twitter folgen ihm über fünf Millionen Nutzer. Auf der Bühne ruft er seinen Hunderten Zuhörern zu: "Ihr seid die Avantgarde". Dann preist er die Kultur des "Teilens", des "Sharings". Er sagt: "Als ich meine Bücher gratis im Internet angeboten habe, sind gleichzeitig meine Buchverkäufe gestiegen." Dann sagt er: "The more you share the more you receive - je mehr Du teilst, desto mehr bekommst du zurück." Unterbrochen werden seine Gedanken über Literatur, Copyright und Religion durch gröhlende Gamer, die 200 Meter weiter sitzen. Coelho stachelt sein Publikum an - und seine Zuhörer gröhlen zurück. Punkt für Coelho.

+++ 12.30 Uhr +++

"Nicht jeder ist außergewöhnlich, und auf einen Mark Zuckerberg kommen 99, die nicht erfolgreich sind", sagte Florian Heinemann, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Froject A Ventures, in einer Diskussionsrunde über die Chancen einer Start-up-Gründung. Mark Zuckerberg ist Gründer des Sozialen Netzwerks Facebook. Sehr viel besser seien die Chancen, wenn man die Möglichkeiten eines sogenannten Inkubators (Brutkasten) für Start-ups nutze, sagte Heinemann, dessen Unternehmen eine solche Plattform für die Förderung von Start-ups eingerichtet hat.

+++ 12.02 Uhr +++

"Einige Leute werden mit Unternehmergeist geboren", sagte der Europachef des Start-up-Programms Wayra, Simon Devonshire. "Es ist aber auch möglich, das zu lernen." Die Chancen für eigene Geschäftsmodelle gebe es nicht nur im Silicon Valley in Kalifornien, sondern in jedem Land. Kulturelle Besonderheiten könnten auch als Vorteil genutzt werden.

+++ 11.30 Uhr +++

Alex (20), Coby (19), Cojo (20) und Jessy (20) aus London sind gerade am Frühstücken - natürlich standesgemäß vor ihren Laptops. Die vier Informatikstudenten hatten eine kurze Nacht. "Too hot, man", sagt Alex. Weil es im Zelt zu warm war, hat er sich kurzerhand ein paar Sofas im Haupthangar zusammengeschoben - und dort geschlafen. Jetzt haben sich die vier Briten gerade in einem Supermarkt vor den Toren des Flughafens mit einer riesigen Salami, ein paar Cornflakes und Milch eingedeckt. Sie sind zum Hacken da, stehen auf Roboter - und "girls". Die vier Briten sind überrascht, wie viele weibliche Teilnehmer durch die Hangars laufen. Sie haben recht: Natürlich stellen junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren - oft blass und verstrubbelt - die Mehrheit. Aber es gibt sie natürlich doch - die vielen "Campuseras".

+++ 10.43 Uhr +++

Den "Campuseros", wie sich die Teilnehmer nennen, geht es darum, "Europas Quellcode neu zu formulieren, um Europa zu einem besseren Ort zu machen" – so ein Motto der diesjährigen Campus Party, die 1997 in Spanien begründet wurde und nun zum ersten Mal in Deutschland stattfindet. Vorträge, Workshops und Wettbewerbe widmen sich 24 unterschiedlichen Themen, von Astronomie über Apps, Biotechnik und freie Software bis zu Sicherheit, Social Media und Robotertechnik.

+++ 10.20 Uhr +++

Es geht um Urban Development, Education - und ein Veranstalter stellt Nähmaschinen aus. Eine seltsame Mischung. Die Campuseros hocken auf Plastikstühlen, mit ihren Laptops auf dem Schoß. Aus dem Zelt-Hangar stolpern Dominik (23, Physikstudent) und Marlene (18, gerade mit dem Abi fertig). Sie sind nur zufällig hier, haben die Tickets gewonnen. Ihr Eindruck: "Extrem", "krass". Ihre Nacht sei kurz gewesen, aber ruhig und komfortabel. Die beiden fühlen sich unter den Internet-Enthusiasten wie Aliens. "Wir sind wahrscheinlich die einzigen, die kein Laptop dabei haben. Ihr Plan: mal gucken, was passiert. Ansonsten könnten sie ja immer noch Party machen, irgendwo im Berliner Nachtleben.

+++ 10.00 Uhr +++

Die ersten Workshops und Diskussionsrunden auf der Campus Party sind gestartet. Erster Eindruck: ein Haufen junger Menschen, sehr konzentriert, sehr motiviert. Wie zum Beispiel Vincent, 23 Jahre aus Valencia. Er und seine Gruppe sind Dienstag in Berlin angekommen, nach einer 30-Stunden-Busfahrt. Sein Hobby: Roboter. Er sagt: "Eine tolle Veranstaltung. Aber in der Stadt merkt man nichts davon. Bei den Campus Partys in Spanien gibt es überall Werbung für das Festival, an den Flughäfen, im Fernsehen, im Radio. Hier in Berlin habe ich nichts davon gesehen."

Mit einem Plädoyer für die Gründung von neuen Internetunternehmen hat Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler das Technik-Festival Campus Party eröffnet. "Geht raus aus der Uni und rein in die Startup-Szene", rief Rösler am späten Dienstagabend in Berlin den Teilnehmern zu. Die Veranstalter bezeichnen das Treffen als "größtes Geek-Festival der Welt". Rund 10.000 Technik-Fans, Blogger, Computerspieler und Jungunternehmer aus 77 Ländern wollen sich auf dem alten Flughafen Tempelhof bis Samstag über Technik, Forschung und eine politische Erneuerung Europas auszutauschen.

Auf der "Campus Party" wird dann programmiert, diskutiert und gelötet. Kampiert wird im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein Teil der Besucher übernachtet auf dem Gelände. Das Internetfestival findet zum ersten Mal in Deutschland statt.

Die Veranstaltung wurde 1997 von drei Freunden in Spanien gegründet. Seitdem hat sich das Event außerhalb ihres Heimatlands vor allem in Lateinamerika einen Namen gemacht. Für die bisher größte Runde kamen vergangenes Jahr 7500 "Campuseros", wie die Teilnehmer genannt werden, nach São Paulo.

Diese Zahl wird in Berlin übertroffen. 10.000 Tickets wurden verkauft oder über Universitäten vergeben, sagte Pressesprecher Klaus Purkart. Die Millionenkosten übernehmen Sponsoren wie der Telekommunikationskonzern Telefónica. Auch Berlin unterstützt die Veranstaltung mit verbilligten Mieten für das Gelände.

Roboter und Literaten haben sich angesagt

Die Teilnehmer erwartet ein unübersichtliches Programm an Veranstaltungen, die fast alles abdecken, was man mit dem Internet so anstellen kann. "Es ist ein bisschen überwältigend, wie ein Musikfestival, bei dem ganz viel gleichzeitig passiert", beschreibt Organisator Deniz Gültekin ihre Erfahrungen von vergangenen "Campus Partys".

Es geht um Wikipedia und Roboter, um digitale Fotos und 3D- Drucker. In Workshops sollen Gründer für die Markteinführung ihrer Projekte fit gemacht werden. Wer noch kein Produkt, aber eine Idee hat, soll auf der "Campus Party" Mitstreiter finden.

Zudem will EU-Kommissarin Neelie Kroes mit den jungen Menschen über Internetregulierung diskutieren. Dazu konnten im Netz Ideen eingereicht werden, die der Politikerin vorgestellt werden sollen. Auch der Autor Paulo Coelho hat sich angekündigt. Die Internetparty geht bis zum 26. August.

Quelle: BMO
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