08.08.12

Prozess in Berlin

NDR-Moderator liebt wegen Raubmordes angeklagten Callboy

Jokubas S. soll mit einem Komplizen seinen Zuhälter in Berlin getötet haben. Vor Gericht steht dem 19-Jährigen ein TV-Moderator bei.

Foto: DAPD
Prozess gegen zwei homosexuelle Maenner wegen Mordes an ihrem Zuhaelter
Der Journalist Frank Breuner lernte seinen Verlobten über dessen Zuhälter kennen

Zeugenaussagen vor Gericht sollten objektiv und möglichst wenig emotional sein. Frank Breuner, Moderator beim NDR, hat sich das so vermutlich auch vorgenommen. Doch es kann nicht gelingen. Der 41-Jährige, in Norddeutschland bekannt durch die Sendung "Mecklenburg-Vorpommern – Land und Leute", ist einem der Angeklagten viel zu sehr verbunden. "Ich liebe Johnny", sagt er. "Wir sind verlobt. Er ist ein intelligenter, begabter Mensch".

Der 19-jährige Jokubas S. alias Johnny und der ein Jahr ältere Sergejus A. sind vor dem Berliner Landgericht angeklagt wegen Raubmordes. In der Nacht zum 1. November 2011 erstickten sie den 37-jährigen Renaldas D. und plünderten seine in Tempelhof gelegene Wohnung. Das haben beide so auch vor Gericht gestanden. "Der Tod von Renaldas war für mich der einzig erkennbare und mögliche Ausweg, diesem Tyrannen zu entkommen und auch in der Zukunft keine Angst vor ihm haben zu müssen", heißt es in einer Erklärung von Jokubas S.

Renaldas D. lebte seit den 90er-Jahren in Berlin. Er war bei Insidern bekannt als Zuhälter in der Homosexuellenszene. Wobei er sich vorrangig für junge Männer aus seiner Heimat Litauen interessierte. Verteidiger Mirko Röder vergleicht es mit Zwangsprostitution junger Frauen aus Osteuropa: "Sie mussten in der Ein-Zimmer-Wohnung von Renaldas D. hausen. Er hatte ihnen die Pässe abgenommen, kassierte das Geld und gab ihnen nur wenig, manchmal auch gar nichts ab. Er erniedrigte sie sie und reagierte mit Drohungen und Schlägen, wenn sie sexuell nicht gefügig waren."

Er war betrunken und besonders eklig

Angeboten wurden die jungen Männer über einen von Renaldas D. geführten Escort-Service, deren "Models" er auf einschlägigen Internetseiten anbot. So waren auch Breuner und Jokubas S. zum ersten Mal in Kontakt gekommen. Breuner hatte das Foto von Jokubas S. gesehen und ihn bestellt. Doch es kam nicht nur der von ihm begehrte junge Mann, sondern auch Renaldas D., der sofort kassierte: 300 Euro für drei Stunden.

"Ich war total geschockt, dass da auch ein Zuhälter mitkam", sagt Breuner vor Gericht. Er habe, nachdem Renaldas D. mit dem Geld verschwunden war, auch sofort auf Jokubas S. beruhigend eingewirkt: "Ich habe ihm gesagt, du musst hier nichts tun, was du nicht möchtest." Es sei in dieser Nacht dann auch nur zu Küssen gekommen und zu Gesprächen über Musik und Literatur. Breuner war begeistert von dem jungen Mann, der Klavier spielt, komponiert, Texte schreibt und als "großes Vorbild Lady Gaga" hat. Beide hätten sich dann auch wieder treffen wollen. Rein privat. Aber der Moderator musste wegen einer TV-Sendung verreisen. Er ärgert sich noch heute darüber. "Wenn ich am nächsten Tag Zeit für Johnny gehabt hätte, säße er heute vielleicht nicht vor Gericht."

In der Nacht zum 1. November soll Renaldas D. wieder mal betrunken und besonders eklig gewesen sein. Er habe von ihnen Sex gewollt, so die Angeklagten, habe sie beleidigt und bedroht. Sergejus A. kam schließlich auf die Idee, die Qual zu beenden und den Peiniger umzubringen. Sie umwickelten Beine und Arme des Betrunkenen mit Klebeband. Sergejus A. drückte ihm ein Kissen aufs Gesicht. Minutenlang, bis beide sicher waren, dass er nicht mehr lebte.

Davon besessen, dem Geliebten zu helfen

Bevor sie die Wohnung verließen, packten Jokubas S. und Sergejus A. Wertgegenstände ein: einen Flachbildschirm, mehrere Computer, Fotokameras, Objektive, Armbanduhren. Wenige Stunden später stiegen sie in einen Bus nach Vilnius. Jokubas S. flog anschließend von der litauischen Hauptstadt nach New York. Dort hoffte er, als Künstler unterkommen zu können. Verbindung hielt er aber weiterhin zu Breuner. Der wurde – als Kunde in der Kartei des Zuhälters vermerkt – von der Kripo aufgesucht. Er erzählte von seinen Kontakten zu Jokubas S. und ließ sich überreden, ihm nichts von den Ermittlungen zu erzählen. Breuner gelang es schließlich sogar, Jokubas S. zur Rückkehr zu bewegen. Er hoffte, ihn bei der Ankunft am Flughafen Tegel noch einmal sehen zu können. Die Polizei war schneller.

Hernach, so scheint es, wurde es für den Journalisten zu einer regelrechten Obsession, dem geliebten Jüngling zu helfen. Als die Untersuchungshaft wegen nicht erstellter Gutachten länger als sechs Monate dauerte und Jokubas S. von einem Mithäftling verprügelt wurde, schrieb er Briefe – das reichte vom Regierenden Bürgermeister Berlins bis hin zum Bundespräsidenten. Zum ersten Prozesstag stellte er sich Kamerateams und verteilte eine Pressemitteilung, in der er Zweifel "an der moralischen Grundlage für dieses Verfahren" äußert und sich an "Zustände in einer Bananenrepublik" erinnert fühlt.

Beim NDR gab es danach Anfragen von Journalisten. Aber der Sender hält sich heraus: "Seine persönlichen Angelegenheiten sind seine Sache", erklärt Sprecherin Iris Bents, "wie haben keine Veranlassung, uns dazu zu äußern." Im Internet, sagt Breuner, gebe es inzwischen verbale Angriffe aus der rechtsextremen Ecke. Es werde gedroht, Veranstaltungen zu stören, die er moderiert. Es gibt für ihn dennoch kein zurück. Im Gegenteil. Als Anwalt Röder vor Gericht fragt, wie sich Breuner die Zukunft mit Jokubas S. vorstelle, immerhin werde er einige Jahre in Haft bleiben müssen, antwortet der Moderator: "Ich habe die Verantwortung übernommen für jemanden, den ich liebe. Ich bin fest überzeugt, dass wir zusammen bleiben."

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