05.08.2012, 07:45

Nach BER-Debakel Klaus Wowereit - der Abstieg vom Gipfel

Pressekonferenz der Berliner Flughaefen und Air Berlin zu "Perspektiven und Chancen der Air Berlin am BER"

Foto: dapd

Von Judith Luig

Er war ganz oben: Berlins Regierungschef galt als möglicher Kanzlerkandidat der SPD. Doch mit dem BER-Debakel ist alles anders geworden.

Und dann kommt er, der Angriff. Schon auf halber Höhe. Es ist Mittwoch, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ist auf Wanderschaft in Bayern, zu Besuch bei SPD-Parteifreunden im Wettersteingebirge. Gerade hat er sich für die Fotografen an einem Aussichtspunkt aufgebaut: Im Rücken den Abgrund, den Gipfel voraus. Von einer Bank aus beobachtet eine Frau das Shooting. "Schön hier, wa?", ruft Wowereit ihr zu. "Wo sind Sie her?" – "Aus dem Saarland", antwortet sie. Und nach einem kleinen Zögern: "Sind Sie der Herr aus Berlin?" Wowereit lacht. "Ja, ich bin der Herr aus Berlin", bestätigt er. "Ich werde hier gecastet." Dann lachen sie beide. Die Genossen lachen mit und schauen sich beglückt an. Genau auf so einen Moment hatten sie gehofft, einen, in dem ihnen der Klaus zeigt, wie er das macht, wofür er so berühmt ist. Wie er die Menschen für sich gewinnt.

Klaus Wowereit ist 58 Jahre alt, seit elf Jahren regiert er Berlin, erst mit den Linken, jetzt mit der CDU, aber immer mit ihm und seiner SPD. Wowereit hat die Stadt nicht erfunden, aber er hat sie zumindest eine Zeit lang auf den Punkt gebracht. Er verkörperte das Berlin-Gefühl, das Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Das Unfertige, Rotzige, Selbstbewusste, die Lust am Spiel und an der Provokation.

In seinen ersten Jahren als Bürgermeister hat er Berlin damit vorangetrieben. Touristen strömten in die Partyhauptstadt, jedes Jahr wurde der Rekord vom Vorjahr übertroffen, internationale Künstler kamen und die Kreativbranche.

Dann aber wollte Klaus Wowereit ernst genommen werden. Wirtschaft braucht Infrastruktur. Ein Großprojekt musste her: Der Superflughafen, benannt nach Willy Brandt, Wowereits Idol, erdacht kurz nach der Wende, immer wieder beschworener Grundstein für die Weltstadt Berlin. Am 3. Juni 2012 hätte er eröffnet werden sollen. Berlin braucht diesen Flughafen.

Arm, aber sexy, das reicht nicht für eine Hauptstadt. Schon gar nicht für eine, die so hoch verschuldet ist wie Berlin. Eine Stadt, von der der Rest der Republik gerne denkt, um es mit Wowereits Worten zu sagen, sie sei zu "dusselig", um ein Milliardenprojekt auf die Beine zu stellen. Die Zeit des Berliner Aufbruchs, mit seinen Zwischennutzungen und Selbsterfindern ist vorbei. Im aktuellen Städteranking des in London erscheinenden Lifestyle-Magazins "Monocle" stürzte die deutsche Hauptstadt von Platz 8 auf Platz 18. "Wird Berlin es je schaffen, eine Weltstadt zu werden?", fragt der Begleittext. Der Flughafen ist ja längst nicht die einzige Panne, auch an der Großbaustelle Staatsoper, ein 242 Millionen-Euro-Projekt, gibt es Probleme, die S-Bahn steckt in der Dauerkrise, und mit dem Anlocken der Wirtschaft mag es auch so recht nicht klappen.

Anfang Mai 2012, nur wenige Wochen vor der großen Eröffnungssause, musste Flughafenchef Rainer Schwarz der Welt verkünden: Die Brandschutzanlage steht nicht. Der Eröffnungstermin ist nicht zu halten.

Erst sagten Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, dass spätestens nach den Sommerferien alle Mängel behoben sein sollten. Dann wurden ein paar Monate draus. Jetzt kann keiner mehr sagen, wann der Flughafen betriebsbereit sein wird. Immer mehr Ärger gibt es: Einzelhändler, die jetzt ohne Einnahmen sind, Baufirmen, die mehr Geld wollen. Der Schallschutz muss verbessert werden.

Beim BER sind alle Fragen offen. Wann wusste wer was? Und vor allem: Was wusste der Aufsichtsratsvorsitzende der Flughafengesellschaft, Klaus Wowereit?

Kein neuer Eröffnungstermin

Am Mittwoch, als Wowereit wandert, tritt Horst Amann, der neue Technikchef, seinen Posten am Flughafen Berlin-Brandenburg an. Noch ist nicht klar, was alles an Klagen und Schäden und Zahlungen auf die Verantwortlichen zukommen wird. Aber dass noch was kommt, bezweifelt kaum jemand. Am 16. August ist die nächste Aufsichtsratssitzung.

Aus dem Höhepunkt ist ein Fall geworden. Für die Region, für die Unternehmer, die ihre Hoffnungen und ihr Kapital in den neuen Flughafen investiert haben. Und: für Klaus Wowereit.

Das Debakel macht sich an seiner Person fest. In seinen besten Tagen nannten Journalisten ihn den nächsten SPD-Kanzlerkandidaten. Es gab eine Zeit, in der war der unkontrollierbare Berliner eine Bedrohung für die Ambitionen von Steinmeier, Steinbrück und Gabriel. Große Truppen hatte er nie hinter sich, der Berliner Landesverband ist sehr klein. Doch bei Wowereit spielen diese Erwägungen keine große Rolle. Zugetraut hat man ihm einiges.

Und jetzt? Mit den Problemen am Flughafen sank Klaus Wowereit in den Umfragen tief, bis hinters Mittelfeld. Die Menschen rechnen Wowereit die Luftnummer persönlich an. Rainer Brüderle, Chef der FDP-Bundestagsfraktion, ließ vernehmen, mit Mainz als Hauptstadt wäre das nicht passiert. Eine Befragung von Forsa zeigt, dass Wowereits Sinkflug nun seine Partei erreicht hat. Die CDU liegt jetzt wieder knapp vor der SPD.

Am vergangenen Sonntag forderte der erste SPD-Genosse Wowereits Rücktritt, wenn auch nicht als Regierender Bürgermeister, so doch als Aufsichtsratsvorsitzender des BER. Aber letztendlich sind die beiden Posten miteinander verknüpft. "Das Maß ist voll", sagte der brandenburgische SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert. "Jeder kann ja mal Fehler machen, aber Klaus Wowereit hat nichts dazugelernt."

Im Berliner Senat weiß jeder, dass einer wie Wowereit nicht als Gescheiterter gehen wird. Trotzdem hat man zumindest jetzt Angst, dass er hinwirft. Müde, gelangweilt, uninspiriert sei er dieser Tage, sagt einer, der ihn lange kennt. Entsetzt darüber, wie man ihn beim BER "hintergangen" habe. Wütend, dass er vertraut habe, dass er nicht noch genauer nachgefragt habe, ob auch wirklich alles glattgeht bei Bau und Planung des Flughafens, sagt einer, der ihn schätzt. Der hat beide Augen zugemacht, sagt einer, der ihn kritisch sieht.

Im Herbst 2016 ist voraussichtlich die nächste Wahl in Berlin. Kaum jemand rechnet damit, dass der SPD-Spitzenkandidat dann wieder Klaus Wowereit heißt.

Kritiker als Kleingeister

Szenenwechsel: Dienstagmorgen, Klaus Wowereit steht im Lichthof der Humboldt-Universität zu Berlin und freut sich über die jüngsten, sehr guten Ergebnisse der Berliner Universitäten bei der Exzellenzinitiative. Die Füße hüftbreit gestellt, das Becken leicht nach vorn gekippt, in einer Haltung irgendwo zwischen Staatsmann und Pistolero, tritt Wowereit vor das Mikrofon und verkündet allerbeste Nachrichten: Vier Exzellenzcluster und neun Graduiertenschulen hat Berlin jetzt. "Ein grandioser Erfolg." Und der Senat hat an diesem Morgen noch dazu beschlossen, den Hochschulen 78 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt zukommen zu lassen. Allerdings, auch das macht Wowereit klar, ist er nicht Sponsor der Wissenschaft. Er sagt dies elegant, ein Schwung aus der Hinterhand: "Wir sind stolz darauf, dass die Berliner Hochschulen viele Drittmittel erwerben." Will heißen: Glaubt nicht, dass wir euch alles zahlen.

"Von der Subventionsmentalität zur Weltstadt", sagt Klaus Wowereit gern, dieser Mentalitätswechsel gehe auf ihn zurück. Und er werde ihn auch weiter forcieren. Freie Bildung, bei dem Thema glänzt der Regierende, von der Kita bis zur Uni. Seit Juni hat Berlin zwei Eliteuniversitäten, und das liegt nicht zuletzt daran, dass große Wissenschaftler gerne nach Berlin kommen. Professor Michael Brecht, der an diesem Morgen in einem Uni-Hörsaal die Senatsmitglieder über den Stand seines Forschernetzwerks NeuroCure informiert, fasst seine Fortschritte beim Anwerben von Koryphäen so zusammen: "Wir sind nicht ganz arm, und wir sind sexy." Eine kleine Verbeugung vor dem Chef.

Die Presse ist zahlreich erschienen, auffallend zahlreich für das Thema. Kaum ist der offizielle Teil vorbei, stürzt ein Pulk in Richtung Wowereit und streckt die Mikrofone aus. "Hat er was gesagt?", fragt ein Reporter eine aus dem Rudel zurückkehrende Kollegin. "Nee, nur Hochschulpolitik", erwidert die. Es gibt nämlich noch einen Grund, warum Wowereit heute sein entspanntes Geht-doch-Gesicht aufgesetzt hat. Gerade hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Klage der BER-Flugroutengegner abgewiesen. Das Planfeststellungsverfahren muss nicht neu aufgerollt werden.

"Eine persönliche Frage: Denken Sie nicht auch manchmal, jetzt reicht es?", will ein Reporter wissen. Wowereit grinst: "Man wundert sich, dass manche Leute eine derartige Lust am Nichtgelingen haben", entgegnet er. "Das macht mich fassungslos." Kritiker sind für ihn Kleingeister. Ein klarer Zug. Was antwortet er denen, die seinen Rücktritt fordern? "Pech gehabt." Es wirkt fast so, als habe der Abwärtstrend ihm Aufwind gebracht. Braun gebrannt ist er auch.

Aus seiner Sicht zu kritische Journalisten belegt Wowereit schon mal mit einem Interviewboykott von mehreren Monaten. Heute aber geht er geduldig und freundlich alle Fragen durch. Sogar die, ob er sich über das erste deutsche Olympia-Gold freut, das die Reiter an diesem Vormittag gewonnen haben. Das tut er. Dann schaut er in die Runde. "So, ham wa alle?" Ja, ham wa. Na dann. "Tschüs."

Die deutsche Öffentlichkeit hatte in der Vergangenheit öfter die Gelegenheit zu erleben, wie ein Politiker unter zunehmendem Druck langsam in die Knie geht, wie Mächtige verkrampft um Haltung ringen, wie Gelfrisuren in sich zusammenfallen, Gesichtszüge verhärten, Stimmen schriller werden. Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg mit seiner Kopierarbeit war so einer, es folgte Bundespräsident Christian Wulff mit seinem voll verklinkerten Eigenheim. Jetzt drängen zwei SPD-Kandidaten mit ihren Großprojekten ins Rennen um den politischen Super-GAU. Der Pfälzer Kurt Beck, ihm könnte der unbesuchte Erlebnispark am Nürburgring zum Verhängnis werden, und eben Wowereit.

Der Hauptstadt-Erklärer

Vor dem Wahlkampf 2011 hatte Wowereit zwischenzeitlich lustlos gewirkt. Dann aber zog er richtig an. 30 Prozent plus hatte er sich für seinen dritten Wahlsieg vorgenommen, daraus geworden sind 28,3 Prozent. Wowereit hatte dem lässigen Typen, den das "Time Magazine 2005" auf sein Cover gehoben hatte, immer weniger ähnlich gesehen. Wenn man ihn heute nach der Flaute um die Wahl herum fragt, schaut er einen verständnislos an. "Ich habe da hart gearbeitet, ich habe sogar zwei Koalitionsverhandlungen geführt. Zuerst leider erfolglos mit den Grünen, dann mit der CDU", sagt er. Und dass er es liebt, gemocht zu werden, hat er ohnehin längst zugegeben.

Zurück in Bayern. Mittwoch. Die "Süddeutsche Zeitung" widmet dem Flughafen-Fiasko ihre prominenteste Seite. Tenor: "Berlin hält immer gerne die Hand auf, kriegt aber nix auf die Reihe." So viel zum Mentalitätswandel. Die bayerischen Gastgeber sammeln sich auf einem Parkplatz in München, viele haben die "Süddeutsche" dabei. Von da aus geht es mit dem Bus nach Mittenwald, wo die "Bayern-SPD-Bergauftour" featuring Klaus Wowereit starten soll. Die Wowereit-Bilanz der "SZ" stört keinen, man freut sich auf den Gast aus Berlin. Nur als zwischendurch das Gerücht geht, Wowereit komme nicht, werden ein paar nervös.

Aber Klaus Wowereit steht schon am Treffpunkt vor dem Sessellift am Kranzberg, als die Genossenschar eintrudelt. Das freut selbst den politischen Gegner, die elf Mitglieder der Jungen Union (JU), denn ohne Wowereit hätte ihre ohnehin etwas dürftige Aufstellung mit zwei Transparenten, Sprüchen wie "Betteln und Hausieren verboten", und einer zum "Schuldenberg" umfunktionierten Hüpfburg, noch verlorener ausgesehen. Doch auch mit dem Hauptstadtbesuch wird es nicht viel besser, denn Wowereit ignoriert das Fass ohne Boden, das ihm die JU überreichen will. Mittenwalds CSU-Bürgermeister, angetreten in vollem Ornat, distanziert sich vom eigenen politischen Nachwuchs: "Das ist eine Frage des Anstands", und der SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold nutzt die Gelegenheit, ein paar Witze über die anarchistischen Tendenzen der Staatspartei zu machen. Später heißt es auch noch, der JU-Chefin drohe ein Bußgeld von 3000 Euro, weil sie ihren kleinen Aufmarsch nicht angemeldet hatte. Demonstrieren ist halt keine Kernkompetenz der Konservativen.

Den Aufstieg auf den Berg gestaltet die SPD als kleinen Wettkampf. Der erste Trupp um den Berliner Bürgermeister stürmt mit so viel Elan in Richtung Gipfel, dass man sich zwischendurch sogar einmal verläuft – ausgerechnet nach rechts. Nach kurzer Zeit sieht das Feld so aus: vorne die SPD-Spitze aus Bayern und Berlin, gefolgt von den Rentnern, dann weniger trainierte SPDler, hinten ein Dutzend schnaufende Journalisten. Die Kameramänner vom Fernsehen allerdings sind im Dorf geblieben – vergangenes Jahr beim Gipfelsturm mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz ist einer von ihnen umgekippt.

Zwischendurch wird sich immer mal wieder gesammelt: "Getreu dem SPD-Motto: Jede Stimme zählt", frotzelt Pronold. Wowereit, angetreten im Outdoor-Hemd plus Wanderschuhe, kommt auf jeden Fall noch nicht mal ins Schwitzen. "Ich hab am Müggelberg geübt", erklärt er gewohnt großspurig. 30 Grad – die Frisur sitzt.

Mittenwald ist kein zufälliger Wanderort für den Besuch aus Berlin. Denn auch Wowereits Berliner Wahlvolk macht in dem Gebiet um Garmisch-Partenkirchen besonders gerne Urlaub. Zumindest momentan noch, denn hier liegt auch der Wahlkreis von CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, und wenn sich dessen Wahlkampfstrategie in der Hauptstadt erst mal herumspricht, dann haben die Berliner vielleicht nicht mehr ganz so viel Lust, sich am Hohen Kranzberg zu erholen. Dobrindt setzt auf die Neiddebatte. "Seine Lieblingsfeinde sind Wowereit und Berlin", erklärt eine Reporterin von der "Münchner Abendzeitung". Da hilft es auch nichts, wenn Wowereit noch einmal dran erinnert, Bayern habe seinerzeit "frohen Herzens" dem Länderfinanzausgleich zugestimmt. Und da heißt es gerade: Bayern gibt, Berlin nimmt.

Nach knapp anderthalb Stunden ist der Gipfel erstürmt, und Wowereit muss gleich eine Pressekonferenz geben. Die Themen: etwas Altes, etwas Neues und etwas Weiß-Blaues. Der Länderfinanzausgleich, der neue Flughafenchef und die Bayern-SPD. Und da hat Wowereit gleich noch eine Botschaft: "Die Republik muss sich immer noch daran gewöhnen, dass sie eine Hauptstadt hat." Auch darüber redet er gern, denn diesen Erfolg kann er für sich verbuchen: Zwei wichtige Finanzierungsverträge mit dem Bund hat er für Berlin mit vorangetrieben. Das kommt bei den Südländern nur bedingt an. "Berlin nimmt Aufgaben für die gesamte Republik wahr, das muss auch erst einmal überall gelernt werden", sagt Wowereit. Dass die CSU gegen ihn wettert, kümmert ihn wenig. "Wissen Se, wenn ich jetzt in Berlin was Negatives über Seehofer sage, dann kriege ich auch Beifall. So läuft das." Ein paar der Umstehenden schauen irritiert. Hauptstadt, das ist für die Bayern eben München.

Dann geht es runter, zur Hütte. "Es gibt sogar Currywurst, Klaus", sagt ein eifriger Genosse, aber der Angesprochene will lieber Leberkäs. Wowereit ist jetzt in Fahrt und beginnt, mit den Journalisten zu spielen. Es geht um die SPD-Kanzlerkandidatur. Um Hannelore Kraft und die Troika, und Wowereit lässt hier und da eine Andeutung fallen, doch sobald man ihn festnageln will, schlägt er einen Haken und freut sich über den Trubel, den er zurückgelassen hat. Es ist ein gefährliches Spiel, das er da spielt – so zu tun, als könne er jederzeit in der Champions League antreten. Lothar Matthäus lässt grüßen.

Zwischendurch kommen Besucher von den anderen Tischen herüber. Eine Frau trägt ihren Enkel herbei, der gebührend bewundert wird: "Ist in Pankow geboren", sagt sie. Und zu dem Kind: "Den kannst du mal wählen, wenn du groß bist." – "Na, ja", sagt Wowereit mit Blick auf das Baby. "Vielleicht ins Seniorenparlament." Das Kind fängt an zu weinen. "Sind Sie den ganzen Weg zu Fuß gelaufen?", fragt eine Frau staunend, die später dazu kam. "So ist es, aber das sollen ja auch andere vor mir geschafft haben", sagt Wowereit. Eine weitere Genossin erzählt von ihrem Berliner Schwiegersohn, und mehrere junge Blondinen lassen sich mit Wowereit fotografieren. Autogrammkarten und seine Biografie "… und das ist auch gut so" werden herbeigeschleppt, die soll er doch bitte unterschreiben.

Entwicklungsprojekt Berlin

Man fragt sich, ob er manchmal nachts aufwacht und alles bereut? Diese ganze Idee mit den Flughäfen – Tempelhof zu, Tegel bald auch und den einzigen Standort, den noch nie jemand leiden konnte, mal so richtig aufblasen? Und das in einer Stadt, in der der Großteil der Bewohner ohnehin vorwiegend damit beschäftigt ist, irgendwie an irgendwelchen Projekten rumzuschrauben. Vielleicht braucht Berlin auch deswegen ein derart großes Vorhaben wie den Flughafen. Damit man auch mal etwas zu Ende führt, etwas, das in die Zukunft weist. Einfach ist so was nicht in Berlin. Entwicklungsprojekte in der Größenordnung widersprechen dem, was viele gerne in ihrer Stadt sehen. Was für den einen Verbesserung der Lebensqualität ist, ist für den anderen verhasste Gentrifizierung.

Klaus Wowereit aber hat sich eine Strategie überlegt. Vielleicht hat er sich die bei dem Spruch seiner Hauptstadtkampagne abgeschaut. Be Berlin. Sei Berlin. Seine Gegner verbinden das Scheitern des Flughafens mit seiner politischen Karriere. Klaus Wowereit dreht die Geschichte um. Nur wenn der Flughafen gelingt, hat Berlin eine Zukunft, und soll er gelingen, dann geht es nur mit ihm. Er identifiziert sich mit der Stadt, im festen Vertrauen darauf, dass Berlin eine Weltstadt sein will. Scheitert Wowereit, dann scheitert auch Berlin. Der Trick ist nicht neu, aber manchmal funktioniert er.

Wenn es ihm gelingen soll, dann muss er der fachlichen Debatte zum Flughafen erst mal konsequent ausweichen. Dann muss er seine Rolle umschreiben. Er darf nicht mehr der Mann sein, der vorher etwas hätte wissen müssen. Er muss der Mann werden, der den Bau zu Ende gebracht hat. Ein bisschen schien diese Haltung schon bei der ersten Pressekonferenz zur Verschiebung durch. Schon da sprach Wowereit auffallend viel von dem, was geleistet wurde. "Es ist immer noch ein Riesending, das da gestemmt worden ist", sagt er. So zu tun, als sei die Arbeit bereits getan, dazu gab es allerdings keinen Grund.

Klaus Wowereit kann momentan keinen Satz sagen, ohne dass der nicht sofort über den Ticker einer Nachrichtenagentur läuft. Er hat das Image, sich einfach so in seine Karriere reingewowit zu haben, mit diesem Biss, den er gekonnt einsetzt, im fröhlichen Anrempeln von Wählerinnen genau so wie im Kampf gegen Gegner und Konkurrenten. In Interviews spricht er klar und präzise, wechselt von den typisch wowereitschen Wa-Sprüchen zu Ernsthaftigkeit und Genauigkeit. Natürlich stört gerade jemand wie ihn der Verlust der Beliebtheit. Aber er gibt sich gelassen. "Keiner hat gerne schlechte Umfragen", sagt er. "Mir war schon klar, dass es an mir abgearbeitet wird." Aber beim Flughafen, da gehe es nun mal nicht um ihn. "Da geht es um ein technisches Problem, das hat nichts mit der Person Klaus Wowereit zu tun." Doch wenn es dann zur Eröffnung komme, dann werden sie schon wieder an seiner Seite stehen wollen. Da ist er sicher. Und überhaupt, wenn der Flughafenbetrieb erst einmal läuft, dann setze das Maßstäbe für alle anderen Flughäfen. Gerade der Lärmschutz: "Das wird Schule machen." Da lohne sich doch die Extrarunde. Reden, das kann Klaus Wowereit. Und genau das ist gerade ein Problem. Momentan kann er nur abwarten, welche neuen Meldungen aus Schönefeld kommen. "Das ist das Schwierigste für mich, in dieser Situation kann ich nur reagieren." Wowereit, der Macher. Ob er noch in den Urlaub fährt in diesem Jahr? "Wo denken Sie hin, den verbringe ich in der Entrauchungsanlage."

Am Donnerstag zeigt Wowereit dann in München, dass er auch mondän kann. Dieter Reiter, der SPD-Oberbürgermeisterkandidat für 2014, ist zum Fototermin am Viktualienmarkt in einem dieser kurzärmligen Hemden aufgekreuzt, von denen nur deutsche Männer denken, dass sie irgendwie okay aussähen. Klaus Wowereit erscheint im taubenblauen Anzug von Christian Berg, die Hose elegant eng, Italien ist ja ganz in der Nähe. "Servus, Klaus", begrüßt ihn Reiter, "Du hast ja ein Sakko an, bei der Hitze." – "Ich dachte, du auch", erwidert Wowereit. Eine Berlinerin, die zu Besuch in München ist, zeigt auf den Regierenden und sagt zu ihrem Kind: "Schau, der ist jetzt hierhergekommen, damit sie ihm mal zeigen, wie das geht mit dem Flughafen." Dabei geht es eigentlich in München auch gerade nicht. Denn trotz Beharren der CSU haben die Bürger erneut erklärt, dass sie keine dritte Startbahn wollen.

George Clooney in München

Die Prominenz zieht Menschen an, und die ziehen weitere an. "Who is that?", fragt ein amerikanisches Ehepaar. "The Mayor of Berlin."- "Cool guy". Ein Londoner erkennt den Berliner ganz von selbst und kriegt zur Belohnung ein Foto. "Der Wowereit", entfährt es einer Frau, als die Truppe durch den Biergarten zieht. Der hockt sich sofort neben ihren Stuhl und beginnt einen Plausch. "Ich seh' Sie immer im Fernsehen, aber in echt sehen Sie ja noch viel besser aus", schwärmt die Frau. "Wie George Clooney", gibt der Kellner leicht pampig zurück. Und dann gibt es, unvermeidlich in Bayern, noch den Preußentest, initiiert von einem Reporter: "Wissen Sie, wie der Schwanz vom Eichhörnchen auf Bayerisch heißt?" "Nee." "Oachkatzlschwoaf" sagt der Sprachkenner stolz und hofft, dass Wowereit ihm jetzt nachspricht. "Da kannste mal sehen", sagt der.

In diesen Situationen wirkt er gelassen. Fast zu gelassen. Bei all den Problemen in Berlin. Die große Koalition wird noch einige Jahre regieren. Frank Henkel braucht Wowereit. Er wird ihn schonen. Ohne Wowereit gibt es keine große Koalition - und trotz steigender Umfrage wenig Machtoptionen für die Union.

Klaus Wowereit war weit oben, auf dem Gipfel. Er galt als möglicher Kanzlerkandidat. Das ist vorbei. Bei der Bundestagswahl wird er im Wahlkampf noch etwas durchgereicht, spielt aber bei der Machtverteilung keine große Rolle mehr. In Berlin sortiert sich seine eigene Partei für die Zeit nach Wowereit. Mit dem neuen Landesvorsitzenden Jan Stöß und dem Fraktionschef Raed Saleh drängt die nächste Generation vom linken Flügel an die Macht. Wowereits langjähriger Vertrauter, Michael Müller, musste seinen Posten als Landeschef räumen, darf vorerst noch Senator bleiben.

Wowereit weiß, dass der Abstieg begonnen hat. Runter vom Berg geht es immer. Er hat sich nur noch nicht entschieden, welchen Weg er nimmt.

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