03.08.12

Debatte

Berlins Regierungschef Wowereit findet Rente mit 67 "bigott"

Klaus Wowereit (SPD) hält die Diskussion um die Rente mit 67 für heuchlerisch. Die Realität in Firmen sei anders.

Foto: DAPD
Wowereit: Umfragetief ist nachvollziehbar
Klaus Wowereit ist auch SPD-Bundes-Vize

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hält eine Rente mit 67 derzeit für falsch. "Denn die Realität in den deutschen Unternehmen sieht anders aus", sagte Wowereit. "Man findet kaum jemanden, der mit über 60 Jahren noch arbeitet. So lange die alte Altersgrenze von 65 Jahren nicht erreichbar ist, bleibt die Diskussion um deren Heraufsetzung bigott und greift zu kurz."

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisierte die Haltung des Regierungschefs. "Klaus Wowereit ignoriert nicht nur die Politik früherer Jahre, sondern irrt auch bei der Bestandsaufnahme", sagte der Geschäftsführer und Chefvolkswirt des Verbandes, Michael Stahl der dpa. "Inzwischen ist die flächendeckende Frühverrentung abgeschafft – prompt ist der Anteil älterer Beschäftigter stark gestiegen." In der Metall- und Elektroindustrie habe sich der Anteil der Belegschaft in der Altersklasse "60+" innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt und liege inzwischen bei rund 5 Prozent. Stahl sprach von einer "positiven Entwicklung".

Der Regierende Bürgermeister Wowereit forderte ein sozial ausgewogenes und finanzierbares Rentenkonzept. Der Beschluss auf dem jüngsten SPD-Bundesparteitag, die Rente nicht auf jetzigem Niveau zu stabilisieren, sei richtig gewesen. "Das kann heute keiner garantieren. Das ist die Frage eines geschlossenen Systems und nicht eines Einzelaspekts. Entscheidend, um Altersarmut zu vermeiden, sind vernünftige Löhne, die im Erwerbsleben gezahlt werden", betonte der SPD-Bundes-Vize. Deshalb kämpfe die SPD für einen Mindestlohn von 8,50 Euro.

"Wer mit einer 40-jährigen Erwerbsbiografie nicht in der Lage ist, ein vernünftiges Rentenniveau zu erreichen, hat keinen ausreichenden Lohn bekommen." Die Rentendiskussion sei deshalb nicht vom Arbeitsmarkt zu trennen. Es gehe also nicht allein um die Frage des Renteneintrittsalters oder der Rentenhöhe.

"Wir brauchen ein geschlossenes System, das auch die demografischen Auswirkungen und die Finanzierung berücksichtigt", so Wowereit. "Wir sollten uns generell darauf konzentrieren, Menschen berufliche Perspektiven zu lassen, auch wenn sie älter als 60 Jahre alt sind. Und zum zweiten müssen wir ihnen gute Löhne zahlen, damit auch eine vernünftige Rente dabei raus kommt." Die Bundes-SPD werde dazu bis zum nächsten Parteitag im November einen Vorschlag machen.

Quelle: dpa/sei
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