03.08.12

Schmargendorf

Einer der beliebtesten Trauorte könnte bald schließen

Der Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf überlegt, Hochzeiten im beliebten Rathaus Schmargendorf aufzugeben.

Von Brigitte Schmiemann
Foto: chromorange
Das Rathaus Schmargendorf: Hier wird seit 1920 geheiratet
Rathaus Schmargendorf, Berlin, Deutschland

Einer der beliebtesten Trauorte in Berlin könnte bald geschlossen werden: das Rathaus Schmargendorf. Stattdessen könnten Paare im Schoelerschlösschen in Wilmersdorf heiraten. Eine Überlegung des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf, die noch für hitzige Debatten weit über die Grenzen des Bezirkes hinaus sorgen könnte. Auslöser ist die wieder einmal ungewisse Zukunft des Schoelerschlösschens.

Eigentlich sah alles so gut aus: Roncalli-Chef Bernhard Paul wollte die Einrichtung übernehmen, im Schoelerschlösschen sollte das erste Roncalli-Café der Welt entstehen. Eine weitere Attraktion sollte die private Bibliothek von Johannes Rau mit 8000 Werken sein, die im ältesten Haus Wilmersdorfs – im ersten Obergeschoss – eine Bleibe finden und dort für jedermann zugänglich sein sollte. Doch all diese Pläne sind nun ins Stocken geraten – weil Bezirk und Stiftung Denkmalschutz Berlin als Nutzer nicht einig werden.

Langer Streit um kleines Haus

Schon vor Jahren hatte die unterschiedliche Auffassung des Landesdenkmalamtes und der Stiftung für einen Stillstand gesorgt. Damals ging es darum, wie das Schoelerschlösschen restauriert werden sollte – so wie es als barockes Landhaus ursprünglich 1752 einmal aussah oder wie es sich mit den Veränderungen aus der Zeit des Nationalsozialismus zeigte. Drei Jahre dauerte die Auseinandersetzung, in der sich die Stiftung schließlich mit ihrer denkmalpflegerischen Sicht durchsetzte, das Haus weitgehend mit den originalen Grundrissstrukturen wiederherzustellen und das zweite Obergeschoss abzubrechen. Niemand hätte damals geglaubt, dass man so lange über ein kleines Haus streiten könnte. Eigentlich war geplant, dass der Innenausbau im vergangenen Jahr fertiggestellt werden sollte, nachdem die Stiftung Denkmalschutz Berlin die Außensanierung abgeschlossen hatte.

Zur Vorgeschichte: Die Stiftung hatte das denkmalgeschützte Haus 2006 vom Bezirksamt übernommen – mit der Verpflichtung, es zu restaurieren. Dafür, so ist vereinbart, darf sie es 20 Jahre lang, also bis 2026, für kulturelle Zwecke nutzen. Doch wie es momentan aussieht, könnte das Schlösschen früher als geplant an den Bezirk zurückgehen. Denn die Stiftung, die für den noch fehlenden Innenausbau rund 1,2 Millionen Euro kalkuliert hat, möchte statt des Nießbrauchrechts lieber einen Erbbauvertrag. "Dann", so Stiftungs-Vorstandsvorsitzender Lothar de Maizière, "könnten wir Stiftungsvermögen verbauen." Ohne einen Erbbauvertrag müsse ansonsten zumindest der Nießbrauchvertrag verlängert werden. Hintergrund ist die Überlegung, dass bei der Nutzung von Drittmitteln wie von der Lottostiftung der Empfänger das Objekt mindestens 25 Jahre ununterbrochen nutzen muss. "Das ist so vorgeschrieben", sagt de Maizière. Früher habe die Stiftung noch andere Möglichkeiten gehabt, Denkmale in Berlin zu retten. Doch die Sanierung durch Werbeeinnahmen zu finanzieren, wie die Stiftung es beim Brandenburger und Charlottenburger Tor, bei den Lietzenseekaskaden und auch beim Strandbad Wannsee mit Erfolg praktiziert habe, sei politisch ja nicht mehr gewollt und scheide deshalb als Lösung aus.

Erbbauvertrag abgelehnt

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hat die Bitte der Stiftung, das Schoelerschlösschen per Erbbauvertrag zu kaufen, jedoch abgelehnt. "Jetzt geht es um die Rückabwicklung des Nießbrauch-Vertrags, wir wollen uns einigen", sagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Sein für Immobilien zuständiger Bezirksamtskollege, Klaus-Dieter Gröhler (CDU), prüft momentan, ob das Hochzeitszimmer aus dem Rathaus Schmargendorf ins Schoelerschlösschen verlagert werden kann, ebenso wie die dortige Stadtbücherei. Im Auftrag der Bezirksverordneten erarbeitet Gröhler einen Bibliotheksentwicklungsplan, den er demnächst in der Bezirksverordneten-Versammlung vorstellen will.

Beide Politiker sagen, dass die Überlegungen, Einrichtungen aus dem Rathaus Schmargendorf zu verlagern, nicht bedeuten würden, dass es aufgegeben werde. Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann spricht vielmehr von der Möglichkeit, dass das Rathaus Schmargendorf auch eine Art Pufferfunktion in der Zeit übernehmen könne, in der die bezirklichen Immobilien so effektiv wie möglich ausgenutzt werden sollen. Wie berichtet, will sich der Bezirk schon vom Rathaus Wilmersdorf trennen.

Zwei Vorstandsmitglieder der Stiftung Denkmalschutz Berlin, Lothar de Maizière und Christian Melcher, erinnern sich jedoch eindeutig an ein Gespräch Ende Mai bei Bezirksbürgermeister Naumann, bei dem ihrer Angabe nach klar und deutlich von der Absicht gesprochen worden sei, das Rathaus Schmargendorf aufzugeben, das Trauungszimmer und die Bibliothek zu verlagern. "Herr Gröhler hat einen Strauß von Möglichkeiten aufgemacht, mehrere Szenarien mit der Überprüfung einzelner Standorte beschrieben. Daraus zu schließen, wir geben das Rathaus Schmargendorf auf, ist falsch", sagt Naumann dazu auf Nachfrage. Eine Aufgabe des repräsentativen Baus könne er sich nicht vorstellen. Schließlich habe der Bezirk sich auch entschieden, das Rathaus Charlottenburg aus historischen Gründen trotz der hohen kalkulatorischen Kosten zu behalten. Das treffe für das Rathaus Schmargendorf ebenfalls zu.

Interesse an der Rau-Bibliothek besteht

An der Rau-Bibliothek habe der Bezirk aber nach wie vor Interesse, sagt Naumann weiter. Allerdings stehe fest, dass sie nicht im ersten Obergeschoss untergebracht werden könne. Stadtrat Gröhler habe die Decken statisch prüfen lassen. Wenn, dann ginge es nur im Erdgeschoss, und auch das müsse noch geprüft werden, sagt Naumann. Auch er kann sich vorstellen, den fehlenden Innenausbau mit Lottogeld zu finanzieren. Stiftung und Bezirksamt wollen sich jetzt erneut zu einem Gespräch treffen.

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