28.07.12

Zuwanderung

"Ich habe das Gefühl, in Berlin zu Hause zu sein"

Die Geburtenrate sinkt bundesweit, doch die Bevölkerungszahl in Berlin steigt wieder – weil so viele Menschen zu uns kommen.

Foto: David Heerde

„Bei der WM 2010, als Deutschland gegen England gespielt hat, habe ich mich richtig geärgert. Der Ball war doch hinter der Torlinie“, sagt Elisabeth Gray aus England und kann schon wieder über den Schiedsrichterfehler zugunsten der Deutschen lachen. Seit 2009 ist sie in Berlin, und bis auf den Fußball-Fauxpas verzeiht sie den Deutschen alles. „Mein Herz schlägt zwar für England, aber ich fühle mich hier in Deutschland trotzdem zu Hause“, sagt sie. In Birmingham hat Gray Germanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Nach einem Erasmus-Studienaufenthalt in der Hauptstadt 2007/ 2008 wusste Gray, dass die wiederkommen will. Heute arbeitet sie für ein Online-Reiseportal. Die deutsche Sprache spricht sie fehlerfrei, nur manchmal gibt es Probleme: „Wenn ich waschechte Berliner treffe, kann es schon mal zu Kommunikationsproblemen kommen.“ Über Besuche ihrer englischen Freunde freut sie sich besonders: „Die wundern sich dann immer, wie schön es hier eigentlich ist.“

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Elisabeth Gray ist ein "Brummie". Das ist die niedliche Selbstbezeichnung der Einwohner von Birmingham. Es klingt auf jeden Fall netter als "Birminghamer", und es passt auch besser zu Gray. Sie ist eine zierliche, junge Frau, 29 Jahre alt, ihre Haut ist tiefschwarz, ihr Lächeln echt. Statt am Grand-Union-Kanal, der quer durch ihre Heimatstadt in den britischen West Midlands bis nach London verläuft, steht sie heute an der Spree in Berlin-Mitte. Hier arbeitet sie für ein Online-Reiseportal. Hier lebt sie. Hier fühlt sie sich zu Hause. "Ich will auf jeden Fall in Deutschland bleiben."

Elisabeth Gray steht für eine Trendwende in Deutschland. Erstmals seit Jahren ist die Bevölkerungszahl gestiegen. Das Statistische Bundesamt berichtet, dass Ende 2011 rund 81,8 Millionen Menschen in Deutschland angemeldet waren. Das ist im Vergleich zum Vorjahr zwar nur eine Steigerung um 0,1 Prozent. Aber für ein Land, dessen Geburtenrate schnell sinkt, ist das schon beeindruckend.

Allein in den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Geburten hierzulande um 22 Prozent gefallen. Und so liegt die Ursache des Wachstums in den starken Einwanderungszahlen. Immer mehr Menschen aus dem Ausland suchen ihre neue Heimat in Deutschland. Insgesamt gab es 2011 279.000 mehr Zu- als Wegzüge. Ein Grund für diesen Wanderungsüberschuss ist unter anderem die Krise in Südeuropa. So stieg die Arbeitslosenquote etwa in Spanien im zweiten Quartal 2012 auf 24,63 Prozent, die entsprechende Quote für Jugendliche bis 25 Jahren liegt bei unglaublichen 53 Prozent.

Michael Frieser, der Integrationsbeauftragte der Unionsfraktion im Bundestag, sieht in der wachsenden Zahl der Zuwanderer einen Beleg dafür, dass die Politik von Schwarz-Gelb auf dem richtigen Weg ist: "Diesen Trend müssen wir verstetigen", sagt der CSU-Politiker. Dass Arbeitskräfte aus dem Ausland jetzt einen Rechtsanspruch auf ein Verfahren zur Anerkennung ihrer Berufsqualifikation haben, nennt er einen "Meilenstein".

Die Blue Card kommt

Am kommenden Mittwoch tritt zudem das Blue-Card-Gesetz in Kraft, das die Chancen für Zuwanderer aus Drittstaaten erhöhen soll, einen Arbeitsplatz in Deutschland zu finden. Das Gesetz setzt die Hochqualifizierten-Richtlinie der EU um. Die Verdienstschwelle zum Einstieg in den Arbeitsmarkt wird von bislang 66.000 Euro auf knapp 45.000 Euro im Jahr herabgesetzt. Bei sogenannten Mangelberufen, die besonders dringend gesucht werden, ist es sogar schon mit einem Jahresgehalt von knapp 35.000 Euro möglich, eine befristete Niederlassungserlaubnis zu bekommen. "Gerade diesen Menschen müssen wir eine Perspektive geben", sagte Frieser.

Wer nach drei Jahren einen Arbeitsplatz nachweisen kann, erhält ein Daueraufenthaltsrecht. Bei guten Deutschkenntnissen kann dieses Recht schon nach zwei Jahren erworben werden. Frieser fordert daher, Sprachkurse noch genauer auf Zielgruppen auszurichten. Zudem will er mehr Unternehmer mit Migrationshintergrund dazu bewegen, Ausbildungsplätze zu schaffen. Gerade Jugendliche, die wegen mangelnder Deutschkenntnisse und schlechter Schulleistungen bislang mit ihrer Ausbildung gescheitert sind, könnten in einem solchen Betrieb mehr Verständnis finden und so eine Chance bekommen, doch noch einen Beruf zu erlernen.

Am Anfang ist alles aufregend

Ausländer, die das Angebot der Blue Card nutzen wollen, aber unsicher sind, wo sie eingesetzt werden können, haben seit dem 1. April 2012 die Chance, sich einstufen zu lassen: Die deutschen Industrie- und Handelskammern bieten in ihrem neuen Kompetenzzentrum Fosa (Foreign Skills Approval) Arbeitskräften aus dem Ausland an, ihre Qualifikation prüfen zu lassen. Sie erhalten dann Auskunft, mit welchem deutschen Beruf diese vergleichbar ist und welche Zusatzqualifikationen möglicherweise erforderlich sind, damit eine bereits vorhandene Berufsausbildung anerkannt wird. Frieser nennt das ein Beispiel für "gelebte Willkommenskultur".

Für so viel Vorbereitung hatte Mia Lasson gar keine Zeit. Als sich die Schwedin vor zwei Monaten auf eine Stelle bei einem internationalen Online-Versandhändler bewarb, musste sie über Nacht entscheiden, für den Job von Stockholm nach Berlin zu ziehen. "Und plötzlich war ich hier", erzählt sie. Es ist zwar nur Zufall, dass sie ausgerechnet im skandinavischen Viertel in Prenzlauer Berg wohnt und arbeitet. Aber vielleicht erklärt es ein wenig, warum sich die 26-Jährige so wohlfühlt. "Ich habe jetzt schon das Gefühl, hier zu Hause zu sein", sagt sie.

Noch sei alles so aufregend. Letztens stand sie im Supermarkt in einer langen Schlange an. "Auf einmal drehte sich der Typ vor mir um, umarmte mich und rief laut: 'Hugs for free.'" Umarmung gratis – das sei ihr in Stockholm noch nie passiert. "Leider", fügt sie Sekunden später hinzu. Das könnte ruhig öfter geschehen, sagt sie. Bisher hat sie zwar nur ein paar deutsche Wörter aufgeschnappt, aber das Land, die Leute, das gute und billige Essen glichen die fehlenden Sprachkenntnisse aus. "Hallo", "Tschüss". "Deutschland ist ein wunderbarer Ort."

Marieluise Beck, Bundestagsabgeordnete der Grünen, war in der Regierung von Gerhard Schröder (SPD) Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. "Damals haben wir die Tür aufgestoßen", sagt Beck und sieht ihre "Mission erfüllt". Allerdings stört sie sich bis heute an dem Begriff "Zuwanderung", der vom einstigen Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) geprägt worden war – weil er den Eindruck erwecke, die Menschen am Rande der Gesellschaft stehen lassen zu wollen. Beck spricht lieber von "Einwanderung" – weil diese Formulierung die Menschen einlade, in Deutschland wirklich anzukommen.

Zur Person:

Mia Lasson aus Schweden: Die 26-Jährige ist erst seit zwei Monaten in Deutschland. Über Nacht musste Lasson entscheiden, ob sie für ihren neuen Job nach Berlin ziehen würde. Sie tat es, obwohl sie kein Wort Deutsch spricht. Aber wohl fühlt sie sich trotzdem: "Ich könnte die nächsten zwei Wochen, Jahre oder Jahrzehnte hier in Berlin bleiben", sagt Lasson. Im Moment fühle sich einfach alles richtig an. Nur das Meer fehlt ihr. "In Stockholm kann man so schnell am Wasser sein – das vermisse ich. Aber dafür ist das Leben hier umso spannender." All die vielen Bars, Kneipen und Restaurants seien genau das Richtige. "Das Essen hier ist so gut, dass ich noch nicht ein Mal gekocht habe, seitdem ich hier bin."

Elisabeth Gray aus England: "Bei der WM 2010, als Deutschland gegen England gespielt hat, habe ich mich richtig geärgert. Der Ball war doch hinter der Torlinie", sagt Gray und kann schon wieder über den Schiedsrichterfehler zugunsten der Deutschen lachen. "Mein Herz schlägt zwar für England, aber ich fühle mich hier in Deutschland trotzdem zu Hause", sagt sie. In Birmingham hat Gray Germanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Nach einem Erasmus-Studienaufenthalt in der Hauptstadt 2007/ 2008 wusste Gray, dass die wiederkommen will. Heute arbeitet sie für ein Online-Reiseportal.

Tim Lockwood aus Australien: Wer so viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt wie Tim Lockwood, der passt nach Berlin. Bereits vor zehn Jahren wanderte der heute 48-Jährige aus – der Liebe wegen. Zuerst nach Köln, dann in die Hauptstadt. Von hier aus arbeitet er für ein australisches Weingut. Nebenbei führt er einen Laden, der praktisch alles anbietet, was Australien-Urlauber vermissen könnten, wenn sie wieder zurück in Deutschland sind: Vom Akubra-Outback-Hut bis zum edlen Shiraz aus Südaustralien findet sich alles in Lockwoods Shop in Berlin-Mitte. "Viele Deutsche denken, dass ich wieder zurückgehen will. Ich finde, sie unterschätzen ihr eigenes Land."

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