20.07.2012, 07:51

Web-Projekt Journalistenschüler entdecken Kreuzberger Oranienstraße neu

Foto: Matthias Bannert

Von Til Biermann

20 Volontäre der Axel-Springer-Akademie erzählen in ihrem Web-Projekt „Zoom Berlin“ Geschichten, die auf der „O“ passieren.

Zweitausendzweihundert Meter Berliner Geschichte, Berliner Gegenwart und Berliner Zukunft – das ist die Oranienstraße, von den Anwohnern liebevoll einfach nur die "O" genannt. Hier, am nördlichen Rand von Berlins rau-charmantem Kreuzberg, wohnen Spießer neben Steinewerfern, Hartz-IV-Empfänger neben Yuppies und blonde Schwaben neben dunklen Ur-Berlinern, deren Eltern aus Anatolien eingewandert sind.

Die "O" ist eine Straße, die vielleicht wie keine andere für unsere bunte Hauptstadt steht. Sie ist ein Beispiel dafür, wie unser Land einmal aussehen könnte. Denn hier ist Realität, was Deutschlands Zukunft zu wünschen wäre.

Die Integration funktioniert: Türkischstämmige Migrantenkinder bieten im "Smyrna" anatolische Nussspezialitäten an, die von spanischen Touristen, Istanbuler Künstlern und Kreuzberger Ureinwohnern gleichermaßen geliebt werden. Imbissbuden verkaufen mit "Currywurst Halal" Berliner Wurstspezialitäten nach islamischem Reinheitsgebot. Deutsche Klempner halten die "Luzia"-Bar in Schuss, während gegenüber ein Altlinker in seiner urigen Metallwerkstatt schwitzt und seine Hammerschläge mit Abneigung gegen die Touristenmassen würzt, die über die "O" walzen.

Die Geschichte der "O-Straße"

Dabei hat die Straße eine bewegte Geschichte. Die herrschaftliche Oranienstraße wurde durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs besonders im westlichen Teil zerstört, dann folgte ein slumähnliches Dasein am Rande der West-Enklave, genau an der Berliner Mauer, an die sich abgesehen von Geringverdienern und Einwanderern höchstens noch der Verleger Axel Springer mit seinem Hochhaus und seiner Druckerei wagte. Erst mit der Wende gelangte die Straße plötzlich in den Mittelpunkt der neuen, gesamtdeutschen Hauptstadt und wurde zu dem, was sie heute ist. Eine reizvolle Mischung aus zerklüfteter Vergangenheit und rosiger Zukunft. Denn ohne den Keim, der im einzigartigen Biotop des Mauerslums entstand, wäre die "O" heute vielleicht eine Straße wie jede andere.

20 Journalistenschüler der Axel Springer Akademie wurden wochenlang über diese Straße geschickt, um ihre Geschichten aufzuspüren und zu erzählen. Jene letztendlich entstandenen rund 30 Geschichten, die sie auf der Straße gesucht haben, bilden nun das Ergebnis: das Web-Projekt "Zoom Berlin".

Es zeigt eine beeindruckende Mischung von Menschen und Geschehnissen, unterteilt in die Kanäle "Gestern", "Heute" und "Morgen", in Text, Bild und Video. Während etwa in Hausummer 6 Erfinder Konrad Zuse unter dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs einen der ersten Computer der Welt entwickelte, musste der jüdische Schuh-Zampano Julius Klausner, der in Hausnummer 34 das Schuhhaus Leiser gründete, das "Reich" Hals über Kopf verlassen.

Von Straßenschlachten und SO 36

Und während "Andy80", ein Autonomer der ersten Stunde, von seiner Flucht vor der Polizei durch Kellergänge berichtet, erzählt ein ehemaliger Beamter der berühmt-berüchtigten "Einsatztruppe für besondere Lagen" von den epischen Straßenschlachten, an deren Ende sich die Beamten der Polizei damals auf die Anhöhen im Görlitzer Park retteten. Die Anhöhen, die im Beamtenjargon "Golanhöhen" genannt werden.

Während ein Journalistenschüler mit Musikern den "Soundtrack der O" von tätowiertem Hardcore bis zu politischem Hip-Hop ergründete, ging eine Kollegin in den legendären SO36-Klub, wo "der Punker mit dem Schwulen tanzt". Und moderne Auguren waren ebenfalls am Werk, die zwar nicht in Eingeweiden lasen, dafür aber Statistiker bemühten und mit Experten sprachen – über die Geschichte der Start-up-Szene um Ashton Kutcher oder die "O-Vision" mit den Zukunftsträumen der Kreuzberger.

Alle weiteren Geschichten und Anekdoten stehen ab sofort auf der Webseite von "Zoom Berlin".

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