17.07.12

Sparkurs

Berlin hat kein Geld für wilde Tiere

Die Versorgung verletzter Wildtiere überfordert das Tierheim Berlin und die Klinik Düppel. Der Senat sieht sich nicht in der Pflicht.

Foto: Massimo Rodari

Wenn Berliner ein wildes Tier für verletzt halten, geben sie es immer häufiger im Tierheim ab. So landeten auch die Waschbären Ernie und Bert dort.

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Ernie und Bert sind heute ganz agil. "Sie nehmen es nicht krumm, dass sie kastriert worden sind", sagt Frederik Ruderisch. Der 22-Jährige ist Tierpfleger im Tierheim in Falkenberg im Nordosten Berlins. Dort leben Ernie und Bert im Käfig neben den Rhesusaffen. Die Show müssen die beiden Waschbären sich mit ihren drei Brüdern teilen. Zutraulich sind sie: Fressen Obst aus der Hand, klettern Hosenbeine hinauf und schnüffeln angeregt an rot lackierten Fußnägeln. Ende März waren die Fünflinge von einem Privatmann ins Tierheim gebracht worden. Er hatte sie auf dem Dach seiner Gartenlaube gefunden – die Mutter war trotz Abwartens nicht zurückgekehrt.

Tierpfleger Roger Ruschpler und eine Kollegin haben die Jungtiere dann von Hand aufgezogen. "Ich habe sie in einer Box jeden Abend per Bahn mit nach Haus genommen und alle zwei Stunden gefüttert", erzählt der 23-Jährige. Morgens fuhren Mann und Waschbären wieder zurück zur Arbeit. Damals waren sie noch so klein wie Meerschweinchen, inzwischen sehen sie aus wie riesige Igel, nur ohne Stacheln, dafür mit gestreiftem Schwanz.

So entzückend die Tiere sich verhalten – die Aufgabe des Tierheims besteht darin, Haustieren zu helfen, wie Sprecherin Stefanie Eschen erklärt. Für die amtliche Tiersammelstelle erhält der Tierschutzverein vom Land eine Pauschale von rund 675.000 Euro – die übrigen 3,4 Millionen Euro an Ausgaben begleicht er aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Erbschaften. Und obwohl im Jahr 2007 ein Taubenhaus, 2008 ein Haus für Exoten und Reptilien sowie die Notaufnahme für Nutztiere wie Gänse und Ziegen, Esel und Pferde eröffnet wurden, die Versorgung verletzter oder Not leidender Wildtiere gehört – nicht nur aus finanziellen Gründen – nicht ins Vereinsprogramm.

Der Platz im Tierheim wird knapp

Doch gerade diese Fälle nehmen zu. "Früher wurden im Schnitt 200 Wildtiere pro Jahr bei uns abgegeben. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl verdoppelt auf 400", erklärt Eschen. Derzeit sind 150 Wildtiere an verschiedenen Stellen auf dem weitläufigen Areal untergebracht: vom Schwan, der einen Angelhaken verschluckt hatte, über Feldhasen und Wildkaninchen, Igel und Eichhörnchen und eine Füchsin, inzwischen samt Jungtieren, bis zum Zwergopossum. Sie besetzen Plätze in der hauseigenen Tierklinik, der Quarantänestation sowie einen ganzen Affenkäfig – sie nehmen im Grunde den anderen Tieren Platz weg. Das dürfte die rund 15.000 Vereinsmitglieder nicht freuen. Aber gerade ein Tierheimmitarbeiter setze kein hilfloses Tier vor die Tür, so wild es auch sei, sagt Eschen.

Ursache ist die Entscheidung der Kleintierklinik Düppel im Südwesten der Stadt, keine Findlinge aus freier Natur mehr kostenlos zu behandeln. Der verantwortliche Leiter, Professor Leo Brunnberg, hat schon vor mehr als einem Jahr darauf hingewiesen, dass die Berliner mehr und mehr Tiere in der Klinik abgegeben hätten, zuletzt 2000 im Jahr. Die Kosten von 200.000 Euro waren aus dem Etat für Lehre und Forschung bestritten worden. Doch Brunnberg wollte diese Querfinanzierung nicht länger tragen und verhängte einen Aufnahmestopp. Nun fahren Polizisten, Feuerwehrleute und Privatiers verletzte Wildtiere zum Tierheim. Dort wie auch in Düppel sieht man den Senat in der Verantwortung.

Politik will Verantwortung nicht übernehmen

Doch die Politiker wollen die Verantwortung nicht schultern. Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) verweist nach einer Anfrage des Abgeordneten Philipp Magalski (Piraten) auf den Runden Tisch "Wildtiere in Not" bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die Stiftung Naturschutz. Die Stiftung verwaltet Mittel aus der Jagdabgabe, die zur Behandlung verletzter Wildtiere eingesetzt werden könnten, so Heilmann.

Christian Gaebler, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, vertritt in einer Antwort auf eine Anfrage der Abgeordneten Claudia Hämmerling (Grüne) die Auffassung, dass das Land Berlin bezüglich der Behandlung verletzter oder kranker wild lebender Tiere keine unmittelbare Rechts- oder Handlungspflicht habe. Gaebler betont vielmehr, dass jeder, der ein solches Tier aufnehme, dafür auch die Verantwortung übernehme. Wer also einem kranken Tier helfen will, soll selbst für die Kosten aufkommen. Gaebler lehnt eine zentrale Auffangstation, wie sie Professor Brunnberg als Alternative gefordert hatte, ab und weist auf die "dezentrale tierärztliche Versorgungskapazität" in Berlin hin.

Tierärzte fühlen sich moralisch verpflichtet

Ob nun mehr Menschen mit verletzten Wildtieren zum Tierarzt gehen als bisher, ist der Berliner Tierärztekammer nicht bekannt. Geschäftsführer Roger Battenfeld nennt die Debatte ganz nüchtern ein Großstadtproblem. "Wir sind der Natur entwachsen und bewerten sie anders, vor allem emotional." Doch selbst dann gibt es Unterschiede. "Die Leute kommen mit einer verletzten Amsel in eine Praxis, aber eine verletze Ratte lassen sie liegen. Dabei sind beide Tiere gleichwertig."

Battenfeld spricht vom Dilemma der Tierärzte. "Das Naturschutzgesetz untersagt Eingriffe an verletzten Wildtieren; ein Wildtier sollte man ein Wildtier sein lassen", sagt er – also weder berühren noch helfen, sondern liegen lassen. Viele Tierärzte würden dennoch helfen, weil sie sich dem Tierschutz und moralisch verpflichtet sehen, leidende Tiere zu erlösen. "Doch meistens bekommen sie dafür kein Geld gezahlt", so Battenfelds Erfahrung. Seiner Auffassung nach sei es eine Frage der Politik, ob sie Geld in die Hand nehme, um den Bürgern bei diesem Thema zu gefallen.

"Der Senat redet sich raus", kritisiert Eschen. Der zuständige Staatssekretär wolle die Verantwortung nicht übernehmen, heißt es selbst in der Behörde. So war bereits am 9. Dezember 2010 der Runde Tisch zur Situation verletzter Wildtiere zusammengekommen. Zugegen waren Vertreter aus Tierheim und Tierklinik, von Naturschutzbund (Nabu) und Tierärztekammer sowie der Berliner Tierschutzbeauftragte. Seitdem herrscht Stille.

"Ein Konzeptpapier ist als Entwurf vorhanden und muss verwaltungsintern abgestimmt werden", heißt es seitens der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf Nachfrage. Angesprochen auf angefahrene Tiere, ist die Aussage der Beamten eindeutig: "Angefahrene jagdbare Tiere werden normalerweise am Unfall- oder Fundort vom zuständigen Förster oder einem Beauftragten möglichst schmerzfrei getötet."

Auskunftsstelle gefordert

In diesem Wirrwarr von Zuständigkeiten und Verweigerung – was macht ein normaler Berliner, der ein verletztes Wildtier findet? Eine einzige durchgehend besetzte Anlaufstelle gibt es nicht. Bleibt für Tierfreunde eine Odyssee durch die Stadt zum Tierheim oder zur Wildvogelstation des Nabu nach Biesdorf, der selbst finanzierte Besuch in der Tierklinik Düppel oder bei einem Tierarzt, der Anruf beim Wildtiertelefon der Berliner Forsten beziehungsweise einem Stadtjäger, der das Tier erschießt. Die Aussicht finden Tierfreunde wenig erbaulich. "Wir sehen die Regierung in der Pflicht, ihrer Aufsichtspflicht für verletzte Tiere nachzukommen", sagt Eschen für den Tierschutzverein. Seine Forderung: Das Land solle für eine finanzielle Ausstattung – nicht nur für Wildvögel – sorgen und eine tatsächlich erreichbare Auskunftsstelle einrichten, wo jeder Bürger, der ein verletztes Tier findet, erfahren kann, wer es versorgt.

Immerhin kann die Verwaltung inzwischen wieder an den Naturschutzbund Berlin verweisen. Der Wildvogelstation des Nabu drohte die Schließung, weil ein Sponsorenvertrag ausgelaufen war. Ende Februar 2012 machte Möbel Höffner die Zusage von 50.000 Euro für dieses Jahr. Und das Berliner Abgeordnetenhaus hat für 2013 dieselbe Summe zugesagt – dann soll das Beratungstelefon teilweise auch am Wochenende besetzt sein, kündigt Stationsleiter Andre Hallau an.

Insgesamt beträgt der finanzielle Aufwand für die Station zwischen 75.000 und 100.000 Euro pro Jahr. Betreut werden damit 1000 bis 1500 Vogelpatienten. "Für andere Wildtiere haben wir keine Kapazitäten, helfen aber Rat suchenden Bürgern bei der Suche nach geeigneten Helfern für Arten wie Fledermäuse, Eichhörnchen oder Igel", sagt Nabu-Sprecherin Anja Sorges. Die Anfragen summieren sich auf 3000 bis 3500 Beratungsgespräche. "Seit Beginn des Juni 2012 sind unsere Station, deren Mitarbeiter und die Volieren an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt", so Sorges.

Die Wildvogelstation des Nabu hat eine naturschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung erhalten, um Vögel zu betreuen und sie nach deren Gesundung wieder in die Natur zu entlassen. Letzteres ist bei der Waschbärenclique um Ernie & Bert nicht mehr möglich – sie wurde von Hand aufgezogen. "Wir werden sie wahrscheinlich zur Waschbärenstation ins niederländische Arp abgeben", sagt Eschen.

Das Tierheim Berlin wird vom Tierschutzverein für Berlin und Umgebung finanziert und getragen. Zu den rund sieben Millionen Euro an jährlichen Kosten trägt das Land Berlin nur circa 670.000 Euro für die Tiersammelstelle bei. Der Tierschutzverein finanziert seine Arbeit mithilfe von Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Erbschaften.

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