Meistertitel
Christian Sweep ist Deutschlands bester Luftgitarren-Spieler
Er ist ein Virtuose auf einem Instrument, das gar nicht vorhanden ist. Der Berliner gewann den "German Air Guitar Contes".
Am Ende liegen sich alle schweißgebadet in den Armen. Knapp zwei Stunden lang haben sich die Gitarristen verausgabt, obwohl sie keine Gitarre in der Hand hielten. Mitten unter den Musikern auf der kleinen Bühne in einer verrauchten Bar in Berlin-Schöneberg steht Christian Sweep, der beste Luftgitarrenspieler Deutschlands. Mit seinem Phantominstrument will er nun Weltmeister werden.
Die Jury vor der Bühne scheint beeindruckt. Schilder mit einer 5,9, der fast höchsten Bewertung, halten einige Juroren in der Hand. Christian Sweep bekommt am Samstagabend die meisten Punkte. Damit setzt sich der 35 Jahre alte Berliner bei der deutschen Meisterschaft im Luftgitarrenspiel gegen seine neun Kontrahenten durch. Es ist bereits das fünfte Mal, dass er deutscher Meister ist.
Verdient. Wenn der Berliner auf der Bühne rockt, dann ist er ganz in seinem Element. Er streicht mit seinen schwarz lackierten Fingernägeln über die unsichtbaren Saiten seiner Gitarre. Er hüpft und springt, läuft vor und zurück. Seine langen dunklen Haare, die unter seiner Mütze herausragen, wirbeln durch die Luft. Es ist so, als würde Christian Sweep alles aus seiner Gitarre herausholen. Nur eben gibt es dieses Instrument nicht.
Dreimal habe er lediglich für seinen Auftritt geprobt, erzählt er. Seit 2004 ist der Berliner bei der deutschen Meisterschaft dabei. "In der U-Bahn werde ich schon von wildfremden Menschen darauf angesprochen." Unverständnis wegen seines ungewöhnlichen Hobbys werde ihm nicht entgegengebracht. "Ich kann sogar von der Luftgitarre durch Auftritte leben."
Am 24. August 2012 wird der Berliner Deutschland bei der Weltmeisterschaft im Gitarrenspiel in Finnland vertreten. Nicht allein: Aline Westphal begleitet ihn. Als Vorjahressiegerin bei der Weltmeisterschaft hat sich die 27-Jährige aus Hildesheim automatisch für den Wettbewerb qualifiziert. "Es ist immer noch ein tolles Gefühl, die Beste auf der Welt in irgendetwas zu sein", sagt sie stolz nach ihrem Auftritt in der Berliner Bar, von deren Decke silberne und rote Weihnachtskugeln baumeln.
Diplomarbeit über das unsichtbare Instrument
Längst hat sie das Luftgitarrenspiel zu einem wissenschaftlichen Gegenstand gemacht. Ihre Diplomarbeit widmete Aline dem unsichtbaren Instrument, das seinen allerersten nachprüfbaren Auftritt 1957 bei einer amerikanischen Fernsehshow hatte, sagt die Weltmeisterin. Ihre Faszination für die Luftgitarre begann mit einem Seminar an der Universität Hildesheim mit dem Titel "Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre". Dozent war Mathias Mertens. Er rockt ebenfalls am Samstagabend auf der Bühne.
"Wer die Luftgitarre verstehen will, muss tief in die Rockgeschichte gehen", sagt Mertens, der sich mit Gel und Theaterschminke seine Haare gestylt hat. Die Gitarre eigne sich für das Phantomspiel am besten, weil sie anders als beispielsweise eine Trompete aus allen möglichen Winkeln am Körper bespielt werden kann. "Gitarren sind extrem beweglich."
Das beweisen die zehn Finalisten, deren Auftritte zum Teil von reichlich Schauspielkunst begleitet werden. "So etwas kenne ich nur von privaten Feiern, wenn mancher über seinen Durst getrunken hat", merkt ein junger Mann im Publikum an. Das Finale besteht aus zwei jeweils einminütigen Runden. In der Kür tragen die Künstler ein frei gewähltes Stück vor. Bei der anschließenden Pflicht präsentieren sie ein Stück der Gruppe Queen. Die Jury vergibt Punkte. Das Publikum ist begeistert.
Erklärtes Ziel dieses ungewöhnlichen Wettbewerbs, der seinen Ursprung in Finnland fand, ist nach Angaben der Veranstalter der Weltfrieden. Wer Luftgitarre spiele, könne nicht gleichzeitig eine Waffe in der Hand halten, lautet die Begründung. "Wenn alle Menschen gleichzeitig spielen, gibt es keine Kriege mehr."
















