12.07.12

Billig-Modekette

Kreischalarm bei Primark-Eröffnung in Berlin

Die Modekette Primark versetzt Teenager in den Ausnahmezustand. Bei der Eröffnung in Berlin herrschten Zustände wie bei einem Popkonzert.

Foto: Sven Lambert
Mehr als 40.000 Kunden sollen am Tag der Eröffnung die Berliner Filiale besucht haben
Mehr als 40.000 Kunden sollen am Tag der Eröffnung die Berliner Filiale besucht haben

Es sind Szenen wie bei einem Konzert des kanadischen Teenie-Stars Justin Bieber: Hunderte junge Mädchen stehen schon seit dem frühen Morgen vor den Ladentüren der neuen Primark-Filiale in Berlin-Steglitz. Auch die Sanitäter stehen bereit. Als die Pforten des Billig-Kaufhauses nicht wie geplant um Punkt elf Uhr öffnen, skandieren die Wartenden: "Wir wollen rein." Dann gibt es kein Halten mehr. Kreischend stürzen sich die Wartenden in den Verkaufsraum, greifen sich T-Shirts, Hosen, Röcke. Innerhalb von 15 Minuten ist die Verkaufsfläche von 5400 Quadratmetern proppevoll. So sieht die Welt von Primark aus.

Der Billigbekleider aus Irland ist der neue "Angstgegner des deutschen Textileinzelhandels", wie in einem Modeblog zu lesen ist. Der Grund: Preise wie beim Billig-Discounter Kik kombiniert mit Mode, die den neuesten Laufstegtrends nachempfunden ist, und das alles auf riesigen Verkaufsflächen. Das Motto: "Look Good, Pay Less" – "Gut aussehen, weniger bezahlen". Ein Konzept, das funktioniert: Mit einem Jahresumsatz von drei Milliarden Pfund (3,8 Milliarden Euro) ist der Konzern in Großbritannien nach eigenen Angaben Marktführer und streckt seit einiger Zeit seine Fühler nach dem Rest Europas aus.

Das Tochterunternehmen von Associated British Foods ist erst seit drei Jahren auf dem deutschen Markt. Im Mai 2009 eröffnete die Textilkette ihre erste Filiale in Bremen. Der neue Store in Berlin Steglitz ist der achte Laden in Deutschland, allein 544 Mitarbeiter arbeiten in der Filiale. Im Frühjahr 2013 soll eine ebenso große am Alexanderplatz folgen.

Konkurrenten wie Kik, C&A, aber auch H&M und Zara dürfte das empfindlich treffen. Primarks Interesse ist mit dem rund 50 Milliarden Euro schweren Marktvolumen in Deutschland verbunden. "Deutschland ist für die Bekleidungsindustrie der größte Markt in ganz Europa", sagt Geschäftsführer Joachim Stumpf von der BBE Handelsberatung in München. Dennoch: Der deutsche Textileinzelhandel kämpft seit Langem gegen sinkende Erlöse.

Deutscher Textilmarkt stagniert

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wächst der deutsche Textilmarkt nicht mehr, dafür jedoch die Flächen, auf denen die Waren angeboten werden. Folge: Der Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche sank von 1995 bis 2011 um 14 Prozent. "Die Immobilienfrage wird im Zusammenhang mit den Umsatzzahlen des Handels immer wichtiger", sagt Handelsexperte Stumpf. "Gute Standorte verdrängen die schlechten mit weniger Verkaufsfläche." Oder werden von der Konkurrenz übernommen: C&A, Nummer drei auf dem deutschen Textilmarkt, hat das bereits zu spüren bekommen.

Die mit 8400 Quadratmetern größte deutsche Primark-Filiale in Essen gehörte früher C&A. Im Gegensatz zu C&A richten sich die Iren konsequent an eine jüngere Zielgruppe unter 35 Jahren und verkaufen nur Eigenmarken. Eine Bluse für neun Euro, ein Tanktop für 2,50 Euro, kein Kleidungsstück kostet mehr als 35 Euro. "Mode direkt aus der Fabrik", erklärt der Primark-Generalmanager für Nordeuropa, Wolfgang Krogman. "Wir kaufen zu 98 Prozent bei den gleichen Herstellern wie unsere Wettbewerber."

Allerdings ordern die Iren viel höhere Stückzahlen und verzichten nach eigenen Angaben auf alles, "was nicht dem Kunden nützt", notfalls auch auf eine höhere Marge. Logistik und Hierarchien sind extrem schlank. Und: "Was sich nicht verkauft, wird sofort rabattiert und abverkauft." Heißt: Was nicht läuft, fliegt sofort raus. Noch konsequenter verzichtet Primark nur noch auf Werbung. Auch einen Internet-Versandhandel gibt es nicht. Stattdessen setzt der Konzern auf Mund-zu-Mund-Propaganda.

Das Phänomen Primark funktioniert trotzdem. der Discounter kann auch mit einem Pop-Image aufwarten, von dem Preis-Konkurrenten wie Kik und Takko nur träumen. In der irischen Heimat ist die Kette längst Kult. In Dublins City ist kaum noch ein Mädchen zwischen fünf und 25 zu finden, das nicht ein Kleidungsstück von Primark trägt.

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