05.07.12

Bildung

In Berlin ist ein Psychologe für 5059 Schüler zuständig

Der erste Jahresbericht des schulpsychologischen Dienstes sieht höchsten Beratungsbedarf in Berlin – besonders bei Grundschülern.

Foto: picture alliance
Unterricht in einer Schule
Rein rechnerisch war im vergangenen Schuljahr ein Psychologe für elf Berliner Schulen oder 5059 Schüler zuständig

Schulpsychologen helfen bei Leistungsstörungen, Schulangst oder Mobbing, doch der Bedarf in Berlin kann trotz Anstrengungen nicht gedeckt werden.

Das geht aus dem ersten Jahresbericht des schulpsychologischen Dienstes hervor. Rein rechnerisch war im vergangenen Schuljahr demnach ein Psychologe für elf Schulen oder 5059 Schüler zuständig. "Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist Berlin damit gut ausgestattet", sagt Bildungsstaatssekretär Mark Rackles.

Experten sehen dennoch keinen Grund zur Zufriedenheit. Der Vergleich mit Flächenländern sei wenig aussagekräftig. "Wenn man die Großstädte miteinander vergleicht, ist Berlin nicht mehr Spitze", sagt Klaus Seifried vom Bundesverband der Deutschen Psychologen und Leiter des schulpsychologischen Zentrums in Tempelhof-Schöneberg.

Städte wie München oder Düsseldorf hätten bereits eine bessere Ausstattung. Zudem liege Deutschland im internationalen Vergleich weit hinten. In skandinavischen Ländern etwa sei es Standard, dass jede größere Schule einen eigenen Psychologen habe. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen für 2500 Schüler.

20 Prozent der Schüler haben Beratungsbedarf

Laut Bericht konnten in Berlin von den Schulpsychologen 8607 Schüler in schwierigen Situationen beraten werden. Gemessen an der Gesamtschülerzahl von 412.326, ist das nur ein Anteil von zwei Prozent. "Wir gehen davon aus, dass 20 Prozent der Schüler einen Beratungsbedarf haben", so Seifried.

Auffällig ist, dass doppelt so viele Jungen wie Mädchen beraten wurden. In den meisten Fällen ging es um Schüler an Grundschulen. Rund 60 Prozent der Kinder, die in den schulpsychologischen Dienst kamen, waren in den zweiten bis sechsten Klassen. Der höchste Beratungsbedarf war in den vierten Klassen zu verzeichnen. An den Oberschulen gibt es die meisten Fälle in den siebenten und achten Klassen.

"Ab der dritten Klasse steigen die Leistungsanforderungen", sagt Schulpsychologe Seifried. In der Schulanfangsphase werde den Kindern beim Lesen und Rechnen noch mehr Zeit eingeräumt. Doch wenn in den höheren Jahrgängen die Probleme nicht verschwinden, liege möglicherweise eine Teilleistungsstörung vor. Nach Schätzungen von Experten haben etwa fünf Prozent aller Schüler Behandlungsbedarf wegen einer Lese- und Rechtschreibschwäche.

Schulangst und Lese-Rechtschreib-Schwächen

In Berlin hatten sich 30 Prozent der beratenen Schüler wegen Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten angemeldet. Neben psychischen Problemen wie Schulangst oder psychosomatischen Beschwerden wie Bauchschmerzen war das der zweithäufigste Anmeldegrund.

An dritter Stelle der häufigsten Beratungsgründe stehen die Rechenschwierigkeiten mit 17 Prozent. Dabei komme die Rechenschwäche bei den Schülern eigentlich genauso häufig vor wie die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, sagt Seifried. Allerdings sei die Dyskalkulie noch weniger bekannt. Diagnose und gezielte Förderung an den Schulen würden jetzt erst entwickelt.

Erst seit Juni 2009 gibt es in Berlin eine Ausführungsvorschrift für die Schulen, nach der bei diagnostizierter Rechenstörung Fördermaßnahmen einzuleiten sind. Zudem können Bewertungen auf dem Zeugnis zeitweise ausgesetzt werden. Nur in sechs Prozent der Fälle ließen sich die Eltern wegen besonderer Begabungen der Kinder beraten.

Schwerpunkt der Arbeit in Grundschulen

Betrachtet man die Schulformen, liegt der Schwerpunkt der Arbeit der zwölf Beratungszentren des schulpsychologischen Dienstes in den Bezirken bei den Grundschulen. "Es ist wichtig, dass die Interventionen so früh wie möglich greifen", sagt Seifried. Dennoch müsse die Arbeit an den weiterführenden Schulen verstärkt werden. Vor allem berufsbildende Oberstufenzentren und Gymnasien seien unterversorgt. Gerade an den Gymnasien sei der Leistungsdruck durch die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur gestiegen. Damit kämen viele Schüler nicht zurecht.

Nicht nur Schüler, auch Lehrer nahmen den schulpsychologischen Dienst in Anspruch, und zwar 1648 Mal. Dabei geht es um Coaching im Umgang mit schwierigen Schülern, um Teambildung und um die Schaffung von Interventionsteams zur Gewaltprävention.

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