Fahndungsvideo
Polizei bittet um Mithilfe - ein Jahr nach Vergewaltigung
Erst ein Jahr nach dem Missbrauch einer 20-Jährigen zeigt die Polizei Bilder von vier mutmaßlichen Tätern. Es bleiben offene Fragen.
Ein Jahr lang liegt sie bereits zurück, die brutale Vergewaltigung einer 20-jährigen Frau in Neukölln. Weil die Sexualstraftat immer noch nicht aufgeklärt ist, sucht die Polizei jetzt mit Bildern einer Überwachungskamera nach den Tätern und erhofft sich so neue Hinweise.
3. Juni 2011, U-Bahnhof Hermannstraße: Vier junge Männer attackieren und bedrängen gegen 1 Uhr eine Frau auf dem Bahnsteig der U-Bahnlinie 8, belästigen sie sexuell und zwingen ihr Opfer, gegen ihren Willen Alkohol zu trinken. Niemand auf dem Bahnsteig greift ein, kein Sicherheitsmitarbeiter wird aufmerksam. Nicht einige Minuten, sondern nach den Erkenntnissen der Polizei eine volle Dreiviertelstunde lang wird die junge Frau von den etwa Gleichaltrigen jungen Männern auf dem Bahnsteig malträtiert. Dann eskaliert die Situation vollends.
Kinderspielplatz wird zum Tatort
Die vier Unbekannten verlassen den Bahnhof gegen 1.45 Uhr, im Schlepptau die offenbar verängstigte junge Frau. Dann geschieht wenig später die unglaubliche Gewalttat. Auf einem nahe gelegenen Spielplatz an der Silbersteinstraße missbrauchen nacheinander drei der vier etwa 18 bis 22 Jahre alten Männer die 20-Jährige. Der Spielplatz ist etwa 150 bis 200 Meter vom U-Bahnhof Hermannstraße entfernt. Der Hauptzugang befindet sich in Höhe Silbersteinstraße 121, einen weiteren Zugang gibt es – näher zum Bahnhof gelegen – am Ende der Bambachstraße, einer von der Silbersteinstraße nach Süden abzweigenden Sackgasse. Offenbar hatte auch dort niemand das Martyrium der 20-Jährigen in der dunklen Grünanlage wahrgenommen.
Mit den jetzt verbreiteten Fahndungsfotos liefert die Polizei auch Täterbeschreibungen der mutmaßlichen Vergewaltiger. Die Gesuchten sind alle zwischen 18 und 22 Jahre alt, zwischen 1,67 und 1,77 Meter groß, von schlanker Statur und türkischer oder arabischer Herkunft. Einer trug längere schwarze Haare und Bart, die übrigen kurze schwarze Haare. Ein Verdächtiger trug ein rotes Basecap und rotes T-Shirt. Ein weiterer trug ein weißes T-Shirt mit auffällig bunter Aufschrift "Tokyo". Hinweise zu den abgebildeten Personen, ihrem Aufenthaltsort und besonders zu dem auffälligen T-Shirt mit dem Aufdruck "Tokyo" nimmt die Polizei unter Tel:4664-913402 oder jede andere Dienststelle entgegen.
>> Der Fahndungsaufruf der Polizei
Schwer nachvollziehbar erscheint, warum die Kriminalpolizei sich erst jetzt mit Bildern der Tatverdächtigen an die Öffentlichkeit wendet. Auch die Pressestelle der Polizei hat nach der Tat, die einen Tag nach dem Himmelsfahrtstag 2011 am 3. Juni verübt wurde, keine Mitteilung über den schweren sexuellen Missbrauch veröffentlicht. Stattdessen erwähnt der Pressebericht aus der Tatnacht aus dem Bereich Neukölln drei andere Vorkommnisse: einen Raubüberfall auf ein Fast-Food-Restaurant, die Sperrung des Britzer Tunnels nach einem Verkehrsunfall sowie Ermittlungen einer Mordkommission nach einer Messerstecherei mit einem schwer verletzten Mann. Auch in den Tagen nach der schweren Straftat auf dem Kinderspielplatz erfolgt keine Mitteilung.
Dabei hatten die Ermittler des Landeskriminalamtes 213 noch am Tattag die Videoaufnahmen vom Bahnsteig bei den Berliner Verkehrsbetrieben angefordert – und auch erhalten. "Am 3. Juni 2011 haben Kripobeamte die auf Festplatte gespeicherten Aufnahmen bekommen, nachdem sie auf eine DVD kopiert worden sind. Die Inhalte sind jedoch keinem unserer Mitarbeiter bekannt geworden", sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak am Montag. Warum niemand auf dem Bahnsteig auf die lang andauernden Übergriffe gegen die 20-Jährige reagiert hatte, konnte Wazlak nicht beantworten. Auch ihm sei bekannt, dass die an Wochenenden durchgehend im Zehn-Minuten-Takt betriebene U-Bahnlinie 8 bis tief in die Nacht stark frequentiert ist. So enden dort Nachtbuslinien, es gibt den Übergang zur Ringlinie der S-Bahn, und zahlreiche in der Nähe befindliche Klubs würden für ständigen Betrieb in der Bahnstation sorgen.
Nach Angaben der Polizei hätten eine "Reihe von Faktoren" dazu geführt, dass erst jetzt eine öffentliche Fahndung eingeleitet wird, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage dieser Zeitung. Zum einen hätten nach dem Sexualverbrechen durchaus vielversprechende Spuren gesichert werden können. So seien Kleidungsstücke, Faserspuren und darüber hinaus auch DNA-Spuren sichergestellt worden, die zu umfangreichen kriminaltechnischen Untersuchungen und Labortests geführt hätten. Der Abgleich mit entsprechenden Datenbanken von genetischen Fingerabdrücken habe jedoch zu keinem Treffer geführt. Die Bilder der zunächst als tatverdächtig geltenden Personen seien, so der Polizeisprecher, zunächst intern innerhalb der Polizei verbreitet worden. Dies habe die Ermittlungen aber nicht entscheidend weitergebracht.
Aussage nach halbem Jahr
Besonders gravierend habe sich jedoch ausgewirkt, dass das Missbrauchsopfer erst "knapp ein halbes Jahr" nach der Vergewaltigung fähig und bereit gewesen sei, den Ermittlern Auskunft über das Tatgeschehen und zu der Vorgeschichte in dem U-Bahnhof zu geben, so der Polizeisprecher weiter. Danach sei "akribische kriminalistische Kleinarbeit" erfolgt, die jedoch nicht zur Klärung des Falles geführt habe.
Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamtes, die Bevölkerung in die Fahndung mit einzubeziehen, sei dem Sprecher zufolge schließlich im Mai gefallen.















