09.06.12

Wetter

Die Zukunft der Prognosen

Wer genaue Vorhersagen will, benötigt Meeresdaten.

Foto: Gudrun Rosenhagen, DWD
Wetterdaten-Aufzeichnung von Deutschen Schiffen: Etwa 800 überwiegend deutsche Schiffe liefern weltweit Wetterdaten an den Deutschen Wetterdienst (DWD). Gemessen werden Luftdruck, Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit, die per Satellit an den DWD gefunkt werden
Wetterdaten-Aufzeichnung von Deutschen Schiffen: Etwa 800 überwiegend deutsche Schiffe liefern weltweit Wetterdaten an den Deutschen Wetterdienst (DWD). Gemessen werden Luftdruck, Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit, die per Satellit an den DWD gefunkt werden

Wie das Wetter an Land wird, entscheidet sich auf dem Meer. Das gilt gerade für West- und Mitteleuropa, wo Westwind-Wetterlagen vorherrschen. Um ihre Prognosen zu verbessern, kämpfen Meteorologen darum, mehr maritime Wetterdaten zu erheben, und sitzen damit in einem Boot mit den Klimaforschern, die diese Daten ebenfalls für ihre Modellrechnungen brauchen.

Das Seewetteramt Hamburg, Teil des Deutschen Wetterdienstes (DWD), ist Deutschlands erste Adresse für die Erhebung und Auswertung von Wetterdaten der Ozeane. Bis 2020 sollen Daten aus ozeanografischen Forschungsprojekten verstärkt in die Arbeit einfließen.

"Wir Meteorologen brauchen für Wettervorhersagen einen schnellen Datentransfer. Messungen der nationalen Wetterdienste laufen innerhalb einer Stunde in unseren Rechnern ein. Bei Meeresdaten sieht das anders aus: Sie werden meist im Rahmen von ozeanografischen Forschungsprojekten gewonnen und oft erst nach Monaten ausgewertet - und dann nicht unbedingt verbreitet.

Auf einer internationalen Konferenz in Südkorea haben wir nun den Beschluss gefasst, die Daten aus den beiden Fachgebieten bis 2020 zusammenzuführen", berichtet Gudrun Rosenhagen, Leiterin des Seewetteramts. Davon profitierten sowohl die Wettervorhersagemodelle und Schifffahrtsberatungen des DWD als auch die Klimaforschung.

Meeresmessnetz wird enger geknüpft

Seit der Jahrtausendwende wurden weltweit viele Bojen ausgesetzt, um das lückenhafte Meeresmessnetz enger zu knüpfen. Wie wichtig dies auch für die Wetterprognosen an Land sein kann, zeigte Orkantief "Lothar" am zweiten Weihnachtstag 1999 - es hinterließ vor allem in Süddeutschland und der Schweiz eine Schneise der Verwüstung.

Der Orkan entstand auf dem Atlantik. Seine Wucht wurde unterschätzt, auch weil die zur Verfügung stehenden Daten damals zu spärlich waren. Rosenhagen: "Es gab eine Messung vor der französischen Küste, die einen starken Druckabfall zeigte. Doch ihr wurde nicht geglaubt - es war eine einzelne Messung mit einem Extremwert." Heute sei das Netz enger geknüpft, die Modelle verbessert, sodass eine solche Wetterentwicklung den Meteorologen nicht mehr entgehen sollte.

Viele Tausend Messbojen sammeln auf den Ozeanen Meeres- und Wetterdaten. Die meisten Bojen driften frei auf dem Wasser. Andere sind, vor allem vor Küsten, fest verankert. Hinzu kommen Messgeräte auf Feuerschiffen (in der deutschen Nordsee nördlich der Emsmündung und westlich Helgolands) und auf Plattformen. Satelliten verdichten das Wetterbeobachtungsnetz auf See.

Handelsschiffe leisten einen wichtigen Beitrag

Die Erhebung meteorologischer Daten von Schiffen aus leisten einen weiteren Beitrag zum Puzzle des maritimen Wetters. "Wir haben derzeit auf rund 800 Handelsschiffen Messgeräte an Bord, die von freiwilligen, geschulten Crewmitgliedern bedient werden", sagt Gudrun Rosenhagen. Die zur See fahrenden Wetterstationen messen zu festen Terminen vor allem Luftdruck, -feuchte und -temperatur und senden die Daten via Satelliten an den DWD.

Vier Schiffe haben zudem einen Container an Bord, der automatisch einen Wetterballon startet. Zweimal täglich finden solche Ballonstarts weltweit zum selben Zeitpunkt statt, um ein globales Bild der Wettersituation zu bekommen, um null Uhr und um zwölf Uhr UTC (koordinierte Weltzeit, entspricht der Greenwich-Zeit). Kommt eines der 800 Schiffe nach Hamburg, wartet ein DWD-Mitarbeiter vom Hafendienst die maritime Wetterstation und tauscht sich mit dem freiwilligen Helfer an Bord aus.

26 Länder lassen von Seeschiffen Wetterdaten erheben. Zusammen mit dem Wetterdienst in Edinburgh (Schottland) sammeln die Hamburger sämtliche weltweite Meldungen ein, überprüfen sie und leiten sie internationalen Datenzentren zu. Die USA sind mit knapp 1000 Schiffen im Einsatz, gefolgt von Deutschland.

Wetterdaten aus den entlegensten Regionen

Doch liefern die Frachter vor allem Daten aus Meeresregionen, durch die die Hauptschifffahrtsrouten verlaufen. "Die Südhalbkugel ist praktisch frei von Messungen", sagt die Seeamts-Chefin, deren Fachgebiet die Klimatologie ist. "Aus den entlegensten Regionen liefern nur Forschungsschiffe Wetterdaten. Wir wollen vermehrt Kreuzfahrtschiffe ansprechen, denn auch sie sind oft jenseits der Hauptrouten unterwegs."

Wetteraufzeichnungen auf Handelsschiffen sind fast so alt wie die Schifffahrt selbst. Die wichtigsten meteorologischen Ereignisse werden seit Langem in Schiffstagebüchern festgehalten. So gibt es Notizen aus dem Nordmeer vom 14. April 1912, dem Tag, an dem nachts die "Titanic" unterging. In den Tagebüchern von anderen Schiffen, die sich in dem Meeresgebiet befanden, ist von plötzlich fallenden Wassertemperaturen zu lesen - ein untrügliches Zeichen für nahe Eisberge.

Schiffstagebücher liefern historische Wetterdaten

Im altehrwürdigen Backsteingebäude des Seewetteramts werden die Schiffstagebücher aus dem Archiv der ehemaligen Deutschen Seewarte digitalisiert, denn die historischen Wetterdaten sind für die Klimaforschung heute sehr wertvoll. Von den 37.000 Schiffstagebüchern sind rund 70 Prozent digital ausgewertet. Sie bilden den weltgrößten Fundus an historischen Wetterdaten von fahrenden Schiffen.

Doch für die aktuellen Vorhersagen der Meteorologen an der Waterkant zählen nur die Schiffsdaten, die zusammen mit Daten von Bojen und Landstationen innerhalb einer Stunde von den Meeren ins amtliche Computersystem eingespeist werden. Gelingt zukünftig der Austausch mit den Ozeanografen noch besser, wird das Wetter von morgen und übermorgen noch genauer vorherzusagen sein als heute.

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