Neue Therapien
Impfung gegen Krebs
Forscher wollen Tumore künftig mit Vakzinen besiegen.
Forscher träumen seit Jahren von einer Impfung gegen Krebs. Was im Prinzip vor gefährlichen Seuchen schützt, sollte auch gegen Tumoren Wirkung zeigen.
Die Methode ist im Grundsatz lange bekannt. Man suche nach Veränderungen, welche Tumorzellen von gesunden Zellen unterscheiden. Solche verräterischen Proteine, sogenannte Tumorantigene, prägen viele entartete Zellen an ihrer Oberfläche aus. Sie können als "Steckbrief" dienen, um Zellen des Immunsystems gegen den Tumor aufzubringen.
Um möglichst alle der Abwehrzellen mit dem Phantombild des bösartigen Gegners auszurüsten und so eine starke Immunantwort auszulösen, vervielfältigen Forscher den Steckbrief. Sie bauen die Tumorantigene im Labor nach und rüsten sie zudem mit Verstärkungsmechanismen aus, die wie ein zusätzlicher Alarmruf an das Immunsystem wirken. Mit einem solchen Impfstoff könnte dann der Patient geimpft werden.
Ein vielversprechendes Angriffsziel ist das Mucin-1 (MUC1). Das Protein findet sich bei einigen Krebsformen besonders häufig, darunter Tumoren von Brust, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Darm, Eierstock- und Prostatakrebs sowie Formen von Lymphdrüsenkrebs und Multiplem Myelom, einer Knochenkrebserkrankung.
Alarmruf ans Immunsystem
Die Oberfläche der Tumorzellen ist buchstäblich von einem dichten "Wald" aus MUC1-Proteinen bedeckt, die wie kleine Bäumchen aus der Zellmembran ragen. Im Unterschied zu normalen Mucin-Proteinen, die auf der Oberfläche von gesunden Zellen vorkommen, sind beim tumorassoziierten MUC1 die Kohlenhydratreste, welche gleichsam die "Äste" der Proteinbäumchen bilden, verkürzt und weniger verzweigt.
Die Veränderungen sind so charakteristisch, dass sie als Erkennungsmerkmal für eine bösartige Entartung der Zelle dienen können. Genau das machen sich Forscher für die Entwicklung von möglichen Impfstoffen zunutze.
"Bisherige Strategien setzen überwiegend darauf, dem Patienten nur Bruchstücke solcher Antigene zu geben, in der Hoffnung, sein Immunsystem möge entsprechend reagieren. Entsprechende Vakzine werden in Studien geprüft, meist handelt es sich hierbei um frühe klinische Studien, die nur wenige Patienten in fortgeschrittenen Krankheitsstadien aufnehmen", heißt es beim Deutschen Krebsinformationsdienst. Hier liegt der Unterschied zur herkömmlichen Impfung, etwa gegen Masern: Nur bereits Erkrankte bekommen eine Spritze.
Künstliche Tumorteilchen
Zu den Kandidaten für einen Impfstoff gegen Krebs, die am weitesten in der Entwicklung fortgeschritten sind, gehört "Stimuvax". Der Impfstoff basiert auf Liposomen, das sind winzig kleine Hohlkugeln aus Lipiden, die auch wichtige Strukturkomponenten in den Zellmembranen von Organismen bilden.
Die Liposomenkügelchen werden vom Immunsystem leicht erkannt. Das künstlich hergestellte Antigen ist ähnlich wie Mucin-1 aufgebaut. Dadurch wird die Körperabwehr scharfgemacht. Herbeigerufene T-Killerzellen können sich gezielt auf den Feind stürzen und ihn vernichten. Ursprünglich wurde der Impfstoff zur Behandlung von nichtkleinzelligem Lungenkrebs und fortgeschrittenem Brustkrebs in Kanada entwickelt.
Der deutsche Hersteller Merck hat die weltweiten Exklusivrechte erworben und entwickelt das Konzept derzeit weiter. Seit 2007 hat der Wirkstoff die Phase III der klinischen Prüfung erreicht – er hat seine Wirkung also unter vielen Patienten unter Beweis gestellt. Zuvor hatte das potenzielle Medikament die klinischen Phasen I und II durchlaufen.
Dabei werden erstmals Sicherheit und Verträglichkeit des Wirkstoffs zunächst bei Gesunden und anschließend bei einer kleinen Zahl von austherapierten Patienten erprobt. Dass ein neues Medikament wie erwartet wirkt, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Durchschnitt schaffen es gerade einmal acht Prozent aller Ansätze, die in der Phase I von klinischen Studien getestet werden, bis zur Zulassung.
Doch trotz neuer Mittel sind die Mediziner oft noch weit davon entfernt, Krebspatienten zu heilen. Noch immer bemisst sich der Fortschritt vor allem nach der Verlängerung der Überlebenszeit. Sie stieg bei der mit "Stimuvax" behandelten Teilgruppe deutlich, berichtet der Darmstädter Hersteller: von durchschnittlich 13,3 Monaten bei Patienten im selben Stadium der Erkrankung, die ohne das Mittel behandelt wurden, auf durchschnittlich 30,6 Monate bei Patienten, die den Impfstoff erhalten hatten.
Überlebensdauer verlängert
Ähnlich weit fortgeschritten ist die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Lungenkrebs, den die französische Firma Transgene erprobt. Als "Scharfmacher" für das Immunsystem dient ein abgeschwächtes, nicht vermehrungsfähiges Pockenvirus, das die Wissenschaftler gentechnisch verändert haben. Es prägt auf seiner Hülle neben Strukturen des Tumorantigens MUC1 einen weiteren Faktor aus, der T-Killerzellen verstärkt zur Reifung und Vermehrung anregt. Wie klinische Studien an über 100 Patienten zeigen, verlängert sich mit dem als "TG4010" bezeichneten Impfstoff die mittlere Überlebensdauer immerhin von 11,3 auf 17,1 Monate.
Da Wunder selten sind, lassen derweil überaus optimistisch klingende Nachrichten aus Israel aufhorchen. Von einem "Durchbruch" im Kampf gegen Krebs sprechen Nachrichtenagenturen. Im Zentrum des Interesses steht ein neuer Impfstoff namens ImMucin. Entwickelt hat ihn die junge israelische Biotechnologiefirma Vax BioTherapeutics aus Nessziona. Er richtet sich gegen Tumoren, die das Antigen MUC1 ausprägen. Die Mitteilung des Unternehmens klingt jedoch zurückhaltender als manch ein Medienbericht. Bei sieben der Patienten sei die Behandlung abgeschlossen, heißt es. "Die Zwischenergebnisse zeigen, dass ImMucin sehr sicher ist." Es seien keine nennenswerten Nebenwirkungen aufgetreten. Das Unternehmen, das vor einem Zusammenschluss mit einem börsennotierten Partner steht, weist vage darauf hin, dass man bei einigen Patienten "vorläufige Anzeichen für eine klinische Wirkung" gefunden habe.
















