08.04.12

Interview

Bischof Dröge sieht "keine Alternative" zu Babyklappen

Ostern in Berlin - Bischof Markus Dröge spricht mit Morgenpost Online über Hilfe suchende Mütter und Gewalt gegen Andersgläubige.

Foto: dpa
Ökumenische Vesper zum Aschermittwoch der Künstler
Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

An Ostern sind die Kirchen voll, dann besuchen viele Menschen, die sonst eher der Kirche fernbleiben, auch einen Gottesdienst. Mit dem Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, sprach Christine Richter über das Osterfest und seine Botschaft an die Menschen.

Morgenpost Online: Herr Bischof Dröge, an Ostern hören Ihnen im Gottesdienst auch viele Menschen zu, die selten in die Kirche kommen. Was sagen Sie diesen, warum ist Ostern wichtig?

Bischof Markus Dröge: An Ostern feiern wir das Fest des Lebens, der Tod ist mit der Auferstehung Jesu Christi besiegt. Wir feiern also die Kultur des Lebens, dürfen darüber hinaus aber in der heutigen Zeit nicht die Kultur des Todes vergessen. Gegen Hass und Gewalt sollen Christen den Weg der Gewaltlosigkeit gehen. Dazu gehört Mut – aber das ist der Weg Jesu.

Morgenpost Online: Was meinen Sie mit der "Kultur des Todes"?

Bischof Markus Dröge: Gerade in der letzten Zeit haben wir erlebt, wie rechtsextreme Menschen uns alle bedrohen. In Berlin wurde auch Gewalt gegen Moscheen und Synagogen angedroht. Schauen Sie nach Syrien, wo die Regierung ihre Bürger verfolgt und tötet. Oder nach Toulouse, wo ein Terrorist unschuldige Kinder und Männer umbringt und seine Taten auch noch religiös begründet hat. Dagegen setzt Gott die Kultur des Lebens, also ein Leben in Mut und mit aufrechtem Gang.

Morgenpost Online: Viele Menschen verbinden Ostern mit Ostereiern, im Fernsehen hoppelt in diesen Tagen der Schokoladenhase durch das Bild …

Bischof Markus Dröge: Das ist zunächst in Ordnung so. Ostereier sind doch Lebenssymbole. Wir freuen uns alle, dass die Natur erwacht. Das Ei ist ein Symbol für die Fruchtbarkeit – es entsteht neues Leben, kleines Leben. Aber das ist nicht alles!

Morgenpost Online: Ist das also auch eine Chance, vor allem Kindern den Sinn des Osterfestes, die Bedeutung des Festes für die Christen, zu vermitteln?

Bischof Markus Dröge: Gerade Kindern. Sie haben doch eine Freude daran, nach den Ostereiern zu suchen. Für sie sind Ostern und der Brauch, Ostereier zu verstecken und zu finden, eine große Überraschung – so wie das Leben selbst. Und damit sind wir wieder bei dem religiösen Sinn von Ostern und der Kultur des Lebens. Gott schenkt überraschend neues Leben. Ich bin überzeugt, dass man das Kindern sehr gut erklären kann.

Morgenpost Online: Zu Ostern gehört in diesem Jahr auch eine Debatte über den Sinn von Babyklappen. Was soll man Ihrer Meinung nach tun? Die Babyklappen wieder abschaffen?

Bischof Markus Dröge: Ich bin erschrocken, als ich gehört habe, dass man nicht genau weiß, was aus den Babys geworden ist, die dort abgegeben wurden. Bei einer hohen Zahl kann man nicht nachverfolgen, wo oder in welcher Familie sie heute leben. Das ist den Jugendämtern offensichtlich nicht gemeldet worden. Ich halte es deshalb für erforderlich, die Kontrolle zu verbessern.

Morgenpost Online: Aber sollte man die Babyklappen deshalb wieder ganz abschaffen?

Bischof Markus Dröge: Eine Schließung der Babyklappen halte ich für problematisch. Wenn man sich die Zahlen der letzten zehn Jahre anschaut, ist durchschnittlich alle drei Tage ein Neugeborenes in einer Babyklappe abgegeben worden. Die Not der jungen Mütter war offensichtlich so groß, dass sie sich an keinen anderen Menschen gewandt und das Baby heimlich zur Welt gebracht haben. Wir sollten die Babyklappen also nicht abschaffen. Es ist besser, dass ein Mensch lebt, als dass er in eine Mülltüte gesteckt und getötet wird. Auch wenn er seine Herkunft später nicht kennt. Aber nochmals: Die Überprüfung, was aus den Babys geworden ist, muss verbessert werden.

Morgenpost Online: Viele Christen fordern die Abschaffung der Babyklappen ja auch, weil sie sagen, es werde den Müttern zu einfach gemacht, keine Verantwortung für das Kind zu übernehmen.

Bischof Markus Dröge: Ich glaube, diese meist sehr jungen Mütter handeln nicht leichtfertig. Sie befinden sich doch in einer verzweifelten Situation. Natürlich wäre es schön, wenn es in Deutschland ein flächendeckendes Hilfssystem für solche jungen Frauen gäbe und wenn diese das dann auch noch annehmen würden. Aber die Situation ist nicht so. Ich sehe deshalb zu den Babyklappen momentan keine Alternative.

Morgenpost Online: Nicht nur dieses Thema bewegt die Menschen vor Ostern. Was wollen Sie ihnen in Ihrer Osterbotschaft noch sagen?

Bischof Markus Dröge: Ein Anliegen sind mir die Asylbewerber, die nach Deutschland, nach Berlin kommen. Ich bedauere es sehr, dass das Land Berlin sich nun offenbar nicht der Bundesratsinitiative gegen die sogenannten Asylschnellverfahren an den Flughäfen anschließen will. Formaljuristisch mögen solche Schnellverfahren ja korrekt sein, aber sie sind nicht menschenwürdig. Die Betroffenen bekommen keine ausreichenden Rechtsberatungen, und es werden immer wieder Fehlentscheidungen getroffen. Die Synode der Evangelischen Kirche hat sich eindeutig gegen die Asylschnellverfahren ausgesprochen – und zwar aus menschenrechtlichen und humanitären Grünen. Auch das ist eine österliche Botschaft: Wir müssen die Menschen, die zu uns kommen und Asyl suchen, würdig behandeln.

Morgenpost Online: Erwarten Sie wirklich, dass sich an den Verfahren noch etwas ändern wird? Auch am künftigen Großflughafen BER in Schönefeld sind ja solche Asylschnellverfahren – noch auf dem Flughafengelände – geplant.

Bischof Markus Dröge: Ich weiß, dass der Regierende Bürgermeister sich der Bundesratsinitiative gegen die Asylschnellverfahren angeschlossen hätte. Aber in der neuen Koalition in Berlin ist dies nicht möglich gewesen. Ich hoffe, dass die Diskussion in der Gesellschaft so stark ist, dass die Politik noch einlenkt.

Morgenpost Online: Nicht nur zu Ostern, seit vielen, vielen Jahren und gerade in den vergangenen Wochen ist die Bedrohung Israels durch den Iran und dessen Atomprogramm ein wichtiges Thema. Jetzt hat der Nobelpreisträger Günter Grass mit einem Gedicht über Israel, in dem er Israel vorwirft, durch seine Atomwaffen den Weltfrieden zu gefährden, für Empörung gesorgt. Wie schätzen Sie die Situation ein? Gibt es noch Hoffnung für Israel auf einen stabilen Frieden?

Bischof Markus Dröge: Ich bin im vergangenen Jahr in Israel gewesen und habe die Spannungen dort hautnah erlebt. Auch die Situation der Palästinenser und die politisch unversöhnlichen Positionen innerhalb der israelischen Gesellschaft. Günter Grass hat in ein Wespennest gestochen. Die heftigen Reaktionen sind angemessen, denn er hat in seinem Gedicht Ursache und Wirkung verwechselt. Nicht das Existenzrecht des Iran, sondern Israels ist bedroht. Einem Staat das Existenzrecht abzusprechen, ist vergleichbar mit einer Morddrohung. Unter zivilisierten Staaten ist dies eine Ungeheuerlichkeit. Israels Politik zu kritisieren ist legitim, aber nur auf der Basis eines eindeutigen Bekenntnisses zu seinem Existenzrecht. Trotz allem: Wir müssen die Hoffnung auf Frieden aufrechterhalten. Die Konfliktparteien müssen im Gespräch miteinander bleiben. Ich hoffe sehr, dass sich Frieden für Israel ermöglichen lässt und werde an Ostern dafür beten. Es darf nicht zu einem militärischen Konflikt kommen, der den Weltfrieden in Gefahr bringt.

Morgenpost Online: Sind Sie auch zufrieden mit der Schülerzahl im Religionsunterricht, der ja in Berlin und Brandenburg nach wie vor ein freiwilliges Angebot ist?

Bischof Markus Dröge: Ja, die Entwicklung stimmt uns froh. In Brandenburg hat die Zahl der Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, sehr zugenommen: von 22.000 auf 33.000 – also ein Zuwachs von neun auf 16 Prozent aller brandenburgischen Schüler. In Berlin besuchen 78.800 Schülerinnen und Schüler den Religionsunterricht, die Zahl ist damit konstant geblieben und liegt bei 25 Prozent aller Berliner Schüler. Nach dem langen Streit um einen verbindlichen Religionsunterricht hat es also keinen Einbruch bei den Schülerzahlen gegeben. Auch das ist eine österliche Botschaft: Der Religionsunterricht ist gut für die Jugendlichen, denn dort lernen sie auch die anderen Religionen kennen. Sie üben ein, was Frieden, Verständigung und ein gutes Zusammenleben der Menschen bedeutet. Das ist Teil der Kultur des Lebens.

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