Klub der Republik

In Prenzlauer Berg schließt der nächste Club

In Berlin-Prenzlauer Berg hat ein Krieg um die Nacht begonnen. Die Kreativszene will feiern, die Eigentumswohnungsbesitzer wollen schlafen. Drei Clubs mussten schon schließen. Nun ist der Klub der Republik an der Reihe.

Foto: dpa / dpa/DPA

Eigentlich hätte er sofort auffallen müssen. Ein bisschen älter als das Feiervolk, das über den eigenwilligen Einrichtungsstil des Clubs verteilt war, ein bisschen teurer angezogen, ein bisschen weniger ausgelassen. Aber Deacon Dunlop, der gerade am Tresen stand, bemerkte den Mann erst, als er zu ihm sagte: "Ich dachte, das hier stünde leer." Nein, antwortete Deacon. "Wir sind schon seit acht Jahren hier." – "Ah", sagte da der Mann, "das gehört alles mir."

Das schummrig rote Licht und die Musik tauchen den Klub der Republik an der Pappelallee 81 in Prenzlauer Berg (Bezirk Pankow) in andere Welt, eine, in der es nicht halb elf Uhr abends oder sieben Uhr morgens ist, sondern einfach immer nur: Jetzt. Doch der Moment, in dem die Betreiber davon erfuhren, dass ihr Klub verkauft wurde, dürfte sie schlagartig in die Realität zurückgeholt haben. Mit diesem Abend begann ihr Kampf um den Erhalt des Clubs. Zwei Jahre später haben sie ihn verloren: Ende Januar muss der Klub der Republik schließen.

Im Klub der Republik erzählt man die Geschichte von jenem Abend im Winter 2009 immer wieder. Das Interesse ist groß, längst geht es nicht mehr nur darum, dass ein Club schließen muss. In Prenzlauer Berg ist ein kleiner Krieg ausgebrochen. Alte gegen neue Berliner, Kreativszene gegen Establishment, Leben gegen Wohnen. Die zehntägige Abrissparty, die ab kommenden Donnerstag im Klub der Republik steigt, ist der Beginn des letzten Kapitels einer großen Erzählung von Freiraum, Freiheit und Zeitlosigkeit, eine Erzählung, die die Gegend hier einmal so berühmt gemacht hat und an der sie jetzt zu ersticken droht.

Der Mann am Tresen war ein Investor. Er hatte das Haus in der Pappelallee 81 gekauft, weil die Lage so attraktiv war. Jung, kreativ, lauter Menschen auf der Suche nach dem besseren Leben. Ein paar von denen haben es jetzt gefunden und wollen die, die noch auf der Suche sind, nicht mehr so gerne um sich haben.

Das Berliner Club-Sterben

Begonnen hat es 2010, der Magnet Club zieht um, und der Knaack Klub macht zu. 1952 war der Knaack Klub an der Greifswalder gegründet worden, ursprünglich mal, um die sozialistische Jugend mit Sport und Spiel von den musikalischen Verlockungen des Westens abzulenken. Ein Unterfangen, das gewaltig in die Hose ging. Der Knaack Klub wurde einer der angesagtesten Läden – für Jahrzehnte. Bis die neuen Nachbarn aus dem Neubau sich über den Lärm beschweren. Das Gericht ihnen nach zwei jährigen Streit Recht.

Am ersten Januar 2011 folgt das Icon an der Cantianstraße. Gegen die Angriffe des Bezirksamts, denen sich auch andere Clubs ausgesetzt fühlten, hatten die Betreiber sich noch erfolgreich gewehrt. "Das Icon war damals ein Vorbild, wir dachten, die hätten es geschafft", sagt Dominik, Betreiber des Klubs der Republik. Aber gegen die schlafwilligen Nachbarn war selbst das Icon machtlos. Nicht die Musik habe übrigens gestört, denn die konnte man draußen gar nicht hören, sondern die Tatsache, dass die Clubgäste auf der Straße standen. "Verhaltensbedingter Lärm" nennt das Amt so etwas. Dies hat den Vermieter dazu gebracht, den Mietvertrag nicht mehr zu verlängern. Die Betreiber geben vor allem einer "Neuen" die Schuld. Eine Mieterin, die in den schicken Neubau gegenüber gezogen sei und die die Partygäste extra fotografiert habe, um sich besser über sie beschweren zu können. Warum ist sie überhaupt hierher gezogen? Das Icon gab es schon seit 15 Jahren. Sie musste wissen, worauf sie sich einließ.

Im vergangenen September hat der Senat auf Anfrage von Christian Goiny (CDU) eine Liste der bedrohten Clubs in Berlin veröffentlicht: 15 Locations, darunter auch Institutionen wie der Rote Salon oder die 8mm Bar. In neun Fällen kommt die Gefahr nicht von dem Investmentwahn, sondern durch Anwohner. Welche Location ist die nächste? Momentan ist die Kulturbrauerei akut bedroht. Es gibt "massive anhaltende Beschwerden von wenigen Beschwerdeführern", so das Bezirksamt.

Icon, Magnet und Knaack Klub haben sich vergleichsweise laut verabschiedet, viele andere, kleinere Läden sind längst verschwunden oder gewichen: Das Alea Iacta an der Lychener Straße oder das Luxus an der Belforter. Auch hier verdrängte ein klagender Mieter in zermürbendem Streit ein Stück Stadtgeschichte. Jetzt ist Ruhe. "Ich würde niemandem mehr raten, im Prenzlauer Berg auszugehen", sagt Dominik vom Klub der Republik. Das Nachtleben hier sei praktisch tot. Ein Umstand, der übrigens ironischerweise zu noch viel mehr Lärm auf der Straße endet: Wochenende für Wochenende spuckt die U2 amüsierwilliges Volk auf die Eberswalder Straße. Nur wissen die nicht mehr, wo sie hin sollen. "Die kaufen sich dann Bier und stehen vorm Späti rum", erklärt Lutz Leichsenring, Sprecher der "Clubcommission", einem Netzwerk für Clubkultur. Ob die Anwohner als nächstes die Kiosk-Schließung fordern? Und dann die der Supermärkte? Torsten Kühne vom Bezirksamt Pankow, zuständig für Kultur und Umwelt, fasst den Konflikt sehr zurückhaltend zusammen: "Wir stellen ein erhöhtes Ruhebedürfnis fest", sagt er.

Die Kreativen drohen zu verschwinden

Eine Romanze droht im Krach zu enden. Als die Wende kam, da verliebte sich der Westen in diese Gegend, in der die Künstler zuhause waren, mit diesen leicht verlotterten Häuser mit ihren riesigen Wohnungen, den Labyrinthen aus Hinterhöfen und den billigen Mieten. Hier gab es endlose Straßen, wo immer noch ein Ladenlokal leer stand, in dem man sich neu erfinden konnte.

Das Zauberwort des Moments war "Zwischennutzung". Die Häuser waren billig zu haben, aber noch war mit ihnen kein Geld zu verdienen, also kauften reiche Investoren und Investorengruppen zwar fröhlich ein, waren aber zunächst zufrieden mit der Idee, dass ein paar Spinner das Haus zur Partyzone erklärten und in der Küche die Plattenspieler aufstellten.

Doch mit dieser Attraktivität von Prenzlauer Berg könnte es bald vorbei sein. Da der Bezirk fast komplett durchsaniert ist, wird es eng, die Kreativen drohen zu verschwinden. Lutz Leichsenring drückt das so aus: "Wenn die Stadt reicher wird, dann kriegen das erst mal die zu spüren, die einen anderen Lebensentwurf haben."

Über der Pappelallee, an der großen Glasfront des Klubs der Republik, schwebt seit dieser Woche ein unübersehbares Transparent: "Erst wenn die letzte Eigentumswohnung verkauft, die letzte Dachetage ausgebaut und der letzte Freiraum zerstört ist, werdet ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus der ihr geflohen seid", steht darauf. Dominik hat es aufgehängt. Er hätte auch schreiben können: Dass ihr den Prenzlauer Berg zu der Kleinstadt gemacht habt… Denn darum geht es letztendlich: Wir gegen Euch.

Man liest es deutlich aus den Kommentaren auf den einschlägigen Facebook-Seiten, und man hört es von den Besuchern der Clubs und Bars. Die Kulturmanagerin Katja Lucker, die selbst vor 22 Jahren nach Berlin kam, sagt: "Egal, in welchen Bezirk Berlins Menschen ziehen, sie sollen sich gefälligst so benehmen, dass man nicht das Gefühl bekommt, ihr Geld oder ihre gesellschaftliche Stellung berechtige sie dazu, die vorherrschenden Verhältnisse aus den Angeln zu heben." Auf eines der Plakate hat jemand geschrieben: "Dreck, Krach, Saufen, Krakeelen … Ihr seid nicht besser als das, was jetzt kommt. Für Euren 'Club' wird sich schon noch eine Dreckecke finden."

Sobald die Investorengruppe von dem Plakat am Klub der Republik erfuhr, gab es übrigens Post vom Anwalt: "Jegliche Werbung, Plakate und Planen benötigen eine sanierungsrechtliche Genehmigung vor dem Anbringen." Die Plane solle umgehend entfernt werden.

Auch ohne Musikszene schützenswert

Gekämpft wird übrigens nicht nur um die Clubkultur. Das Haus in der Pappelallee 81 ist auch ohne Musikszene schützenswert. Die "Produktionsgenossenschaft des Handwerks Linoleum und Teppichboden" errichtete hier in den 60er-Jahren ihr Quartier. In dem Raum, wo heute die Diskokugel ihre Kreise dreht, war ihr Kultursaal. Auch die Inneneinrichtung ist pure Ostalgie: Die riesigen Kugellampen, die Tapeten und Sofas sind ein Relikt aus dem Palast der Republik. An dem Abend Ende 2009, als der neue Eigentümer zum ersten Mal auf seinem Grundstück vorbeischaute und den Kulturraum betrat, da muss ihm aufgefallen sein, dass er hier etwas sehr Schönes zerstören würde. Für die Betreiber des Clubs war das Treffen ein Schock: "Wir hatten gerade den neuen Mietvertrag unterschrieben und einen Sanierungsplan vorgelegt", erklärt Dominik. "Wir hatten keine Ahnung, dass das Haus längst schon wieder verkauft war." Der neue Eigentümer räumte ihnen eine Verlängerung ein. Dann aber bekam er die Genehmigung nicht, ein Hostel an die Stelle zu bauen, denn die lärmempfindlichen Anwohner gaben auch ihm nicht ihre Einwilligung, und er verkaufte wieder.

Was jetzt hier entstehen soll, das kann man unter pappelallee81.de bestaunen: marktorientierte Investorenarchitektur mit großer Liebe zur Deko-Begrünung. 31 Eigentumswohnungen werden dort angeboten, wenn man die Webseite anklickt, erklingt ein Akkordeon. Die Firma P&P bewirbt das Projekt mit dem Slogan "Mehr Stadt geht nicht" und listet eifrig die Bars und Cafés der Gegend. Hoffentlich sind die nicht alle zu, wenn das Haus dann fertig ist. Ob die Firma das befürchtet, kann in diesem Text nicht geklärt werden, denn bei P&P war bis Redaktionsschluss niemand zu erreichen, der zitiert werden wollte. Auch Markus Fröhlich, der zuständige Unternehmensberater für Immobilienwirtschaft, war nicht zu sprechen.

"Berlin wird reich, aber unsexy", sagt Lutz Leichsenring. Die Szene in der Hauptstadt sei überschaubar geworden, das gelte längst nicht nur für den Prenzlauer Berg. Eine neue Location wie das Kater Holzig habe gerade mal eine Nutzung von zwei Jahren garantiert, das Yaam, aus dem Größen wie Peter Fox hervorgegangen sind, sei in den letzten 14 Jahren achtmal umgezogen. "Da investiert doch keiner."

Er hofft auf die neue Regierung, die in ihrem Koalitionsvertrag extra hervorhebt: "Unser kultureller Reichtum ist unser Kapital". In diesem Zusammenhang kündet die Koalition an, die Kompetenzen von Kreativ- und Medienwirtschaft bündeln zu wollen und ein "Music-Board" zu gründen. Die Clubcommission wird es mitgestalten. "Musik ist Stadtentwicklung", sagt Leichsenring. "Die Touristen kommen ja nicht wegen der Hostels her."

Erstmal aber dürfte der Krach um den Krach Stadtgeschichte schreiben. Seit bekannt ist, dass der Klub der Republik Geschichte wird, sind die Partys umso wilder, ein unüberhörbarer Schwanengesang hat eingesetzt. Man will die Schließung nicht ganz widerstandslos hinnehmen. Das hat den erwartbaren Effekt, dass vor zwei Tagen ein neues Schreiben einging, von den Anwälten der Nachbarn, zum wiederholten Male. Man erwäge eine einstweilige Verfügung wegen des Lärms. Die Abrissparty ist in Gefahr. Diese Woche dürfte spannend werden: Die letzten Tage des Klubs der Republik werden seine lautesten sein. Der Krieg mag verloren sein, vorbei ist er nicht.

Abrissparty, Klub der Republik, Berlin, Pappelallee 81, vom 19. bis 29. Januar 2012

Zur Startseite