Vor 25 Jahren

Wie Diepgen den "La Belle"-Anschlag erlebte

Eberhard Diepgen (CDU) war Regierender Bürgermeister von West-Berlin, als am 5. April 1986 ein Terroranschlag auf die Diskothek "La Belle" in Friedenau verübt wurde. Das Attentat habe damals den Blick auf die besondere Seite Berlins als Tummelplatz von Geheimdiensten gelenkt, sagt er.

Frage: Herr Diepgen, am 5. April jährt sich der Anschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" zum 25. Mal. Wie haben Sie als damaliger Regierender Bürgermeister diesen Tag erlebt?

Eberhard Diepgen: Der Anschlag veränderte und bestimmte meinen Tagesablauf. In den Nachtstunden – es war zwischen vier und fünf Uhr - wurde die Familie aus dem Schlaf gerissen. Ich wurde telefonisch über den Anschlag und erste Erkenntnisse über Tote und Verletzte sowie das Ausmaß der Zerstörungen unterrichtet. Noch am Vormittag besuchte ich mit dem damaligen amerikanischen Botschafter Richard Burt die völlig zerstörte Diskothek. Es war ein Bild der Verwüstung, die Polizei und amerikanische Dienststellen waren noch mit Spurensicherung beschäftigt. Nachmittags gab es Beratungen über mögliche zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen. Schon da war deutlich, dass der Anschlag sich vor allem gegen die Diskothek als Treffpunkt amerikanischer Soldaten gerichtet haben musste.

Frage: In den 1980er Jahren gab es zahlreiche terroristische Aktivitäten in Deutschland und Berlin. Stellte der Anschlag auf "La Belle" aus Ihrer Sicht eine Eskalation des Terrorismus dar?

Diepgen: Ja, es wurden Erinnerungen an die Baader-Meinhof-Bande, aber besonders auch an den Anschlag auf das Maison de France im Jahr 1983 wach. Die Brutalität und die Rücksichtslosigkeit, mit der offensichtlich möglichst viele Menschen getroffen werden sollten, zeichneten den Anschlag auf die Diskothek "La Belle" aus. Aus meiner Sicht eine Eskalation, die sich dann mit dem Bombenanschlag auf ein Linienflugzeug und dem Absturz in Lockerbie mit 259 Toten im Jahr 1988 bis zu dem Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Zentrums in New York am 11. September 2001 fortsetzte. Und der Anschlag auf die Diskothek "La Belle" war Staatsterrorismus, gesteuert – wie man heute noch besser weiß als damals – von Libyen, beim Maison de France aus Syrien.

Frage: Wie wirkte sich der Anschlag auf das gesellschaftliche und politische Leben in der Stadt aus? War die Atmosphäre von Misstrauen und Ängsten geprägt?

Diepgen: Die eingemauerte Stadt war Kummer gewohnt. Aber natürlich bewegte die Art und Zielrichtung dieses Attentats die Menschen. "Meide ich besser amerikanische oder insgesamt alliierte Einrichtungen, gehe ich besser nicht in stadtbekannte und bei GI's beliebte Diskotheken?" Diese Fragen stellten sich viele in den ersten Wochen nach dem Attentat auf "La Belle". Es gab verstärkte Sicherheitsmaßnahmen. Ich glaube aber nicht, dass dadurch das Bild der Stadt verändert wurde. Belastungen gab es dadurch nur für die unmittelbar Betroffenen, denn der Kreis von möglichen Gefährdungen wurde ausgedehnt. Selbst meine schulpflichtigen Kinder bekamen vorübergehend und zu meinem Missvergnügen Polizeischutz. Die Normalität einer lebendigen Großstadt, die gerade mit neuem Selbstbewusstsein einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, stellte sich aber schnell wieder ein.

Frage: Wie hat der Anschlag das politische Leben in West-Berlin beeinflusst?

Diepgen: Nicht nachhaltig. Das Attentat und die Rolle des libyschen Volksbüros in Ost-Berlin richteten den Blick auf eine besondere Seite der Vier-Mächte-Stadt als Tummelplatz von Geheimdiensten. Zwischen den Fronten des immer noch anhaltenden Kalten Krieges und über die Mauer hinweg konnten sie leichter ihr Unwesen treiben. Von den Vorbereitungen des Anschlages auf das Maison de France wusste die Stasi und auch die Libyer haben bei La Belle von Ost-Berlin aus operiert. Aber die Themen der Innenpolitik und der notwendigen deutsch-deutschen Kontakte traten im Leben der Großstadt schnell wieder in den Vordergrund.

Frage: Ermittlungsergebnissen zufolge wurde das Attentat vom libyschen Volksbüro in Ost-Berlin organisiert. Wie hat sich das Attentat auf die ohnehin schwierigen bilateralen Beziehungen zwischen der BRD und besonders West-Berlin auf der einen und der DDR auf der anderen Seite ausgewirkt?

Diepgen: In Sicherheitsfragen waren die Alliierten zuständig. Dazu will ich nichts sagen. Bei den Verhandlungen des Senats mit der - wie man sagte – anderen Seite gab es keine längeren gravierenden Rückwirkungen oder spezielle Belastungen. Ich schließe das auch für die Kontakte der Bundesregierung aus. 1987 besuchte Erich Honecker Bonn, darauf gab es bemerkenswerte Fortschritte in den deutsch-deutschen Themenbereichen. Für die Verhandlungen des Berliner Senats standen andere Fragen im Vordergrund, und eine besondere Eiszeit im Jahre 1987 war von dem breiten Umfeld der 750 Jahrfeier bestimmt.

Frage: Hat das Attentat die Beziehungen zu den USA belastet? Erging der Vorwurf, West-Berlin schütze die von US-Soldaten besuchten Freizeiteinrichtungen nicht hinreichend genug?

Diepgen: Nein. Bei der Mehrheit der Berliner führte das speziell gegen amerikanische Soldaten gerichtete Attentat eher zu zusätzlicher Solidarität. Auch die Berliner Szene, die schon fast traditionell jeden Anlass zu antiamerikanischen Kundgebungen nutzte, hielt sich nach meiner Erinnerung zurück. In irgendeinem vorschnellen Kommentar mag es auch mal den Vorwurf eines mangelhaften Schutzes für amerikanische Einrichtungen gegeben haben. Wenn, dann waren das Einzelstimmen.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.