Boulevard der Stars

Heinz Rühmann fehlt auf deutschem "Walk of Fame"

Nach den berühmten US-Vorbild gibt es in Berlin nun den "Boulevard der Stars". Geehrt werden Promis wie Marlene Dietrich – Muhammad Ali sträubte sich.

Wer auf der Potsdamer Straße, die den gleichnamigen Platz in Berlin zerschneidet, der schrecklichen Dunkin' Donuts-Versuchung widersteht, trifft ein paar Schritte weiter auf die Statue von Heinz Rühmann. Mit ihren lebenstreuen 1,65 Metern wird sie leicht übersehen – obwohl sie eigentlich symbolisieren soll, dass wir auf Kino-Territorium stehen.

Zwei Multiplexe befinden sich dort und das legendäre Kino Arsenal, der Berlinale-Palast und die Verwaltung des Festivals, die Filmhochschule dffb und das Museum für Film und Fernsehen, der Marlene-Dietrich-Platz und die Billy-Wilder-Bar.

Von heute an lässt sich die Kino-Connection gar nicht mehr übersehen. Auf dem breiten Mittelstreifen liegt nun ein permanenter roter Granulat-Teppich – rutschfest – der sich auch auf den Gehwegen fortsetzt. "Boulevard der Stars" wurde er getauft, zum Glück nicht "Walk of Fame", obwohl er natürlich der Touristenattraktion in Hollywood nachempfunden ist.

Die Magic Camera ist eine plumpe Kopie

Es gibt Sterne aus Messing, die in den Boden eingelassen sind, momentan 40 an der Zahl, aber mit Platz für mindestens 150. Und da ist noch etwas, das den Geruch der plumpen Kopie zerstreuen soll: die Magic Camera.

Nennen wir sie – einem Ort angemessen, an dem deutschsprachige Filmkünstler geehrt werden sollen – besser "Peppers Geist" oder "Schüfftan-Kamera". Vor 150 Jahren, 30 Jahre vor dem Beginn das Kinos, machte der Engländer John Henry Pepper eine so einfache wie geniale Erfindung.

Er stellte auf der Bühne im 45-Grad-Winkel eine große Glasplatte auf, auf der Objekte reflektiert wurden, die über oder unter der Bühne standen. Das Spiegelbild mischte sich mit den Requisiten und Akteuren und erzeugte erstaunliche Effekte.

In Hollywood kostet ein Stern 25.000 Dollar

In den 1920ern, 30 Jahre nach dem Beginn des Kinos, entwickelte der deutsche Spezialeffektfotograf Eugen Schüfftan für die Ufa in Babelsberg das Prinzip entscheidend weiter: Mit Hilfe des Spiegeltricks kopierte er Schauspieler in kleine Modell-Sets – so wirkungsvoll, dass man in Fritz Langs "Metropolis" noch heute darüber staunt.

Auf dem "Boulevard der Stars" sind diese Zauberkameras fest installiert. Der Tourist stellt sich auf den Stern – und seine Begleitung, die durch den Sucher blickt, sieht neben ihm die geisterhafte Erscheinung von Romy Schneider. Oder Loriot. Oder Marlene Dietrich. Oder Götz George. Umarmen ist möglich, Küssen ist erlaubt, Fotografieren ist Pflicht.

Die Auswahl der ersten 40 Geehrten besorgte, wie in Deutschland üblich, ein Komitee von Experten. In Hollywood kann jeder Vorschläge einreichen, das ist wahre Demokratie, allerdings bitte begleitet von 25.000 Dollar Bearbeitungsgebühr, das ist Demokratie à l'américaine.

Muhammad Ali wehrt sich gegen Stern

Die deutsche Methode sorgt für eine größere Ausgewogenheit von Alt und Neu, Ost und West, Schauspielern und Technikern. Das freut mit Sicherheit den Drehbuchautor Carl Mayer ("Das Cabinet des Dr. Caligari") und die Kostümbildnerin Barbara Baum ("Die Ehe der Maria Braun", "Buddenbrooks"), aber sie werden sich mit weniger Umarmungen begnügen müssen als Angelica Domröse und Hildegard Knef.

Man kann sich fragen, ob die Ruhmeswege und –hallen noch zeitgemäß sind. Selbst der Original-"Walk of Fame" war 1958, als er begonnen wurde, schon eine Kopie. Bereits seit 1927 hinterlassen vor dem Kino Grauman's Chinese Theatre auf dem Hollywood Boulevard Schauspieler ihre Hand- und Fußabdrücke, was wiederum vom "Walk of Fame Europe" in Rotterdam und dem Berliner Friedrichstadtpalast imitiert wird, wo Revuestars wie Liza Minnelli, Ute Lemper oder Caterina Valente ihre Prankenabdrücke hinterlassen, wenn sie vorbeikommen.

Manche haben sich auch dagegen verwahrt, in den Boden gelassen zu werden. Muhammad Ali zum Beispiel wehrte sich gegen den ihm zugedachten Stern auf dem Hollywood Boulevard, weil er nicht wollte, dass "Leute auf meinem Namen herumlaufen, die keinen Respekt vor mir haben".

Heinz Rühmann fehlt auf dem deutschen "Walk of fame"

Der Walk of Fame ist eine Einrichtung der Handelskammer von Hollywood, ein rein touristenorientiertes Unternehmen. Der Boulevard der Stars war eine Idee des Filmhistorikers Gero Gandert, orientiert sich also eher an Verdiensten um die deutsche Filmkultur; ein Stern für Mario Barth ist vorläufig nicht vorgesehen.

Doch auch Ganderts Boulevard brauchte eine Finanzierung, und ein erster Entwurf der Architektin Zaha Hadid hätte sein Budget weit gesprengt. Die Spiegeltrickversion, ersonnen von den Büros Graft und Artcom, hält die Kosten in Grenzen. Die Anschubfinanzierung kommt von der Berliner Tourismusförderung – und damit stellen sich Boulevard und Walk doch wieder als enge Verwandte heraus.

Der deutsche "Walk of fame" wird nun enthüllt. Ein gutes Dutzend der Sterne hat versprochen, persönlich vorbei zu kommen, darunter Wim Wenders, Artur Brauner, Michael Ballhaus, Doris Dörrie, Klaus Doldinger, Wolfgang Petersen, Armin Mueller-Stahl und Alexander Kluge. Heinz Rühmann wird die Zeremonie von der Seite aus beobachten, er ist nicht eingeladen, hat keinen Stern abbekommen. Vielleicht sind er und Schüfftan beim nächsten Schwung dabei. 2011 sollen zehn neue Sterne erleuchten.

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