Neues Gesetz

Innung wehrt sich gegen Bestattung ohne Sarg

Foto: picture-alliance

In Berlin sollen Tote künftig nur in einem Leinentuch und ohne Sarg bestattet werden können. Doch dafür muss das Gesetz geändert werden. Der Senat befasst sich am Dienstag erstmals damit. Die Aufhebung des Sargzwangs stößt vor allem bei Bestattern auf Kritik.

Die Bestatterinnung hat die in Berlin geplante Abschaffung des Sargzwangs bei Beerdigungen kritisiert. Problematisch sei die praktische Umsetzung der bei Muslimen üblichen Erdbestattung im Leichentuch, sagte der Sprecher der Berliner Bestatterinnung Fabian Lenzen. In der Türkei etwa steigt ein Verwandter bei der Beerdigung in das Grab, übernimmt dort den Leichnam und richtet ihn nach Mekka aus. Mit Blick auf Deutschland verweist Lenzen unter anderem auf die übliche Grabtiefe von etwa 1,80 Meter und die damit verbundene Schwierigkeit, den Leichnam im Grab zu betten. Durch das Austreten von Körperflüssigkeiten bestünden zudem Risiken für die an der Bestattung beteiligten Personen. "Für derartige Probleme gilt es Lösungen zu finden, ehe ein Gesetz in Kraft tritt", sagt Lenzen.

Der Berliner Senat befasst sich am kommenden Dienstag erstmals mit der Gesetzesänderung. Das Vorhaben ist Teil des neuen Integrationsgesetzes. Es sieht vor, dass abweichend von der Sargpflicht "Leichen aus religiösen Gründen auf von Friedhofsträgern bestimmten Grabfeldern in einem Leichentuch ohne Sarg erdbestattet werden" können.

Kritik kommt aber auch aus den Reihen der Muslime. So ist Volkan Coskun, der Direktor der islamischen Abteilung des größten deutschen Bestattungsunternehmens Ahorn-Grieneisen, entschieden gegen eine Bestattung nur im Tuch. Er bezieht sich auf ein islamisches Rechtsgutachten aus dem Jahr 1985, das gläubigen Muslimen die Bestattung auch in einfachen Särgen erlaubt. "Wir sind ja nicht im Mittelalter", sagt der Alevit. 300 islamische Beerdigungen - ausschließlich im Sarg – zähle sein Institut deutschlandweit jährlich. Für Bestattungen im Tuch habe es bislang "keine einzige Anfrage" gegeben.

Berlin sei ein Einwanderungsland, wo Menschen mit unterschiedlichen Religionen lebten, begründet die Sprecherin der Senatssozialverwaltung Karin Rietz das Vorhaben. Diese unterschiedlichen Traditionen müssten respektiert werden und Unterschiede auch gelebt werden können.

Nur in ein Leinentuch gehüllt, soll ein Toter möglichst noch am Sterbetag beigesetzt werden. So sieht es die islamische Tradition vor. Doch das ist in Berlin bislang nicht möglich. Denn laut Gesetz ist ein Sarg notwendig, und es muss eine 48-Stunden-Frist eingalten werden.

Unterstützt wird der Vorstoß von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), die in der geplanten Gesetzesänderung "einen weiteren Schritt der Akzeptanz der muslimischen Bedürfnisse" sieht. "Die Beerdigung ohne Sarg gehört zu den notwendigen religiösen Riten", sagt Ditib-Sprecher Bekir Alboga.

Bundesweit, so schätzt die Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle, überführen derzeit immer noch 90 bis 95 Prozent der Muslime in Deutschland ihre Verstorbenen in die Herkunftsländer. Die Toten werden dabei nach ritueller Waschung und Totengebet in Leinen gebetet und dann im verplombten Sarg in ihren Heimatort ausgeflogen. Dort werden sie ohne Sarg beerdigt.

Der Kreuzberger Bestatter Bahri Deniz, der im Alter von elf Jahren aus einem mittelanatolischen Dorf nach Berlin kam, will sich nach seinem Tod in der Türkei bestatten lassen. Gleichzeitig räumt er ein: "Was meine Kinder machen, weiß ich nicht." Die Zeiten änderten sich, immer mehr Muslime sind in Deutschland geboren und aufgewachsen – und werden sich wohl auch in Zukunft hier beerdigen lassen, schätzt er. "Mit der Zeit werden viele hier bleiben." Gefragt, wie er zu der geplanten Gesetzesänderung steht, sagt der gläubige Sunnit: "Als Bestatter mit Sarg, als Muslim ohne Sarg." Und dann ergänzt er: "Wir leben in einem modernen Land." Seinen Kunden wird er daher weiterhin die Bestattung im Sarg empfehlen. Auch dann, wenn die Reform des Berliner Bestattungsgesetzes zum Ende des Jahres unter Dach und Fach sein soll.

Während in Berlin noch diskutiert wird, ist die Bestattung ohne Sarg aus religiösen Gründen in Hamburg schon seit 15 Jahren möglich. Ein Blick in die Statistik verrät, die Resonanz fällt auch in der Hansestadt noch relativ gering aus. In den ersten drei Jahren nach Einführung wollte nach Angaben der Hamburger Friedhöfe noch keiner der in Hamburg ansässigen Muslime seine Verstorbenen ohne Sarg bestatten lassen. Im Jahr 2008 waren es auf den Parkfriedhöfen Ohlsdorf und Öjendorf immerhin 59 Beisetzungen im Tuch. Im gleichen Zeitraum gab es dort jedoch 144 islamische Sargbestattungen.

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