Kirsten Heisig

Jugendrichterin greift in Buch arabische Clans an

Ende Juli soll das Buch der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig erscheinen. Darin beschreibt sie ihre Erfahrungen mit jugendlichen Intensivtätern und leitet daraus mögliche Konsequenzen ab. Jetzt sind erste Auszüge erschienen.

Foto: dpa

Jugendliche Schwerkriminelle, die oft 30 und mehr erhebliche Straftaten verübt haben, besitzen nach Angaben der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich Anfang Juli 2010 das Leben nahm, zu etwa 90 Prozent einen Migrationshintergrund. Etwa 45 Prozent der Täter geben an, arabischer Herkunft zu sein, 34 Prozent besitzen türkische Wurzeln. Das schreibt die 48-Jährige in ihrem Buch "Das Ende der Geduld", das am 26. Juli im Herder Verlag erscheinen wird und aus dem der "Spiegel" einige Seiten vorab druckte.

Mehr als ein Drittel der jugendlichen Intensivtäter, rund 220, wohnen und verüben ihre Straftaten im Berliner Bezirk Neukölln. Damit wird der Stadtteil zu einem besonderen Schwerpunkt von Jugendkriminalität.

Die Täter, so Heisig, lebten zumeist in Großfamilien mit sechs und mehr Kindern. Bei Verübung der ersten Straftaten sind die Jugendlichen oft noch unter 14 Jahren und damit strafunmündig. "Manchmal wird seitens des Jugendamtes eine Familienhilfe eingerichtet", schreibt Heisig. Mitunter seien wegen der Größe der Familien bis zu drei Sozialarbeiter im Einsatz, "deren Bemühungen werden von den Familien häufig abgelehnt, oft unterbleibt jede Mitwirkung". Auch an den Schulen seinen die Lehrer oft überfordert. "Ich habe immer wieder den Eindruck, die Schulen werfen die Jugendlichen einander zu wie heiße Kartoffeln. Sie beklagen, sie seien nicht in der Lage, mit Kindern aus diesen Familien umzugehen." Das Jugendamt müsse eingreifen, heiße es. Doch dort schiebe man wieder den Schulen die Verantwortung zu.

In dieser Situation machten die Jugendlichen oft weiter wie bisher. Manch einer, so berichtet die Autorin in ihrem Buch aus ihrer Erfahrung als Neuköllner Jugendrichterin, werde am Vormittag verurteilt und verübe am Nachmittag die nächste Straftat.

Heisig verweist darauf, dass es in Deutschland zugewanderte Menschen gebe, die nie vorgehabt hätten, sich einzufügen, sondern "schon immer in einer parallelen, in einigen Fällen rein kriminell ausgerichteten Struktur" gelebt haben und aus ihrer Sicht "weitgehend beabsichtigen, damit fortzufahren".

Großfamilien mit Hunderten polizeilichen Ermittlungsverfahren

In diesem Zusammenhang verweist sie auf die sogenannten Clans, die nach ihren Erkenntnissen einige Tausend Menschen umfassen und von denen es in Deutschland zehn bis zwölf geben soll. An diese Familien komme der Staat nicht heran. "Eine Großfamilie bringt es ohne Probleme auf Hunderte polizeilicher Ermittlungsverfahren." Die Clans lebten ausschließlich nach ihren Gesetzen, die Kinder würden weitgehend unkontrolliert in kriminellen Strukturen aufwachsen. Die männlichen Mitglieder seien massiv zu Gewalt bereit. Die Wahrung der Familienehre sei oberstes Gebot: "Wer die eigenen Leute an die Deutschen verrät, riskiere sein Leben."

Die Jugendrichterin hat in ihrem Buch massive Anstrengungen im Kampf gegen diese kriminellen arabischen Großfamilien gefordert. Sie beschreibt eine Drogenmafia, die gezielt Kinder und Jugendliche aus palästinensischen Flüchtlingslagern nach Deutschland schleuse. In Beirut würden sie in Flugzeuge gesetzt, müssten ihre Pässe bei Schleusern abgeben und meldeten sich bei der Einreise als staatenlos und asylsuchend. Die jungen Männer würden hier bei arabischen Großfamilien untertauchen und als Drogendealer angelernt, heißt es in dem Auszug. Der neueste Trend der Banden sei es, Jugendliche unter 14 Jahren heranzuschaffen, da sie strafunmündig seien. Die arabische Mafia habe den Handel mit harten Drogen in Deutschland fest in der Hand. Heisig schrieb, bei der Einreise müsse etwa viel konsequenter kontrolliert werden. "Was gegenwärtig geschieht, ist, wie in so vielen Bereichen, blankes Wegsehen und Herumlavieren."

Gerade in den vergangenen Wochen waren in Berlin wiederholt Kinder, Elf- und Zwölfjährige, beim Drogenhandel von der Polizei ertappt worden.

Auf sämtlichen Ebenen müsse geprüft werden, "welche Maßnahmen wir den Clans entgegensetzen können", forderte Heisig. Staatliche Institutionen wie die Jugendhilfe seien weitgehend machtlos. Sie denke, dass die Furcht vor den kriminellen Familien alles andere überwiege, schreibt Heisig. Denn hinter vorgehaltener Hand heiße es: "Man kann kein Kind zwangsweise aus einem arabischen Clan nehmen. Die Familien erschießen jeden, der das versuchen sollte."

Datenschutz dürfe nicht dem Täterschutz dienen

Die Richterin plädierte in ihrem Buch dafür, Datenschutz dürfe nicht dem Täterschutz dienen. Wenn der deutsche Staat diese Familien weiter ohne jede Gegenleistung mit Kindergeld und Sozialleistungen unterstütze, "obwohl sie die Gesellschaft hemmungslos schädigen, blamiert er sich auf Äußerste und lädt zur Nachahmung ein".

Die 48-jährige Heisig war Anfang Juli 2010 nach mehrtägiger Suche tot in einem Wald im Norden Berlins entdeckt worden. Wenige Tage zuvor, am 28. Juni, hatte Heisig dem Verlag Herder (Freiburg) letzte Korrekturen zu ihrem Erfahrungsbericht über den Kampf gegen jugendliche Kriminelle durchgegeben. Es war der Tag, an dem die Juristin das letzte Mal lebend gesehen wurde. Über die Gründe für ihren Tod gibt es nur Spekulationen. Heisig hatte das Neuköllner Modell initiiert, nach dem jugendliche Straftäter nach einem Delikt schnell und nicht erst Monate später bestraft werden sollen, um erzieherische Wirkung zu erreichen. Damit war sie bundesweit bekannt geworden. Seit Juni gilt das vor mehr als zwei Jahren begonnene Projekt in ganz Berlin.

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