Schwarz-Rot-Gold

In Neukölln ist ein Fahnenstreit entbrannt

Foto: Sergej Glanze

An der Neuköllner Sonnenallee haben arabischstämmige Anwohner eine große Deutschlandflagge an der Fassade ihres Hauses angebracht. Nun müssen sie die Fahne gegen Übergriffe aus der linken Szene verteidigen.

An der Sonnenallee ist ein subtiler Streit um die wohl größte deutsche WM-Fahne ausgebrochen. Im Kiez gleich hinter dem Hermannplatz, wo viele arabischstämmige Berliner leben, prangt die schwarz-rot-goldene Fahne seit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika weithin sichtbar an der Häuserfront. Aufgehängt wurde die zwanzig mal fünf Meter große Flagge von der Familie Mohammed. Im Erdgeschoss des Hauses hat Yussef Bassal seinen Handy- und Elektroladen. Zusammen mit seinem Cousin, dem Tempelhofer CDU-Politiker Badr Mohammed hat er die Fahne besorgt und aufgehängt.

Doch seitdem die Fahne hängt, hat sich die Stimmung in der Sonnenallee merklich verändert. "Am Tag kommen Leute aus der linken Szene vorbei und beschimpfen uns", sagt Bassal. Sie fordern Bassal auf, die Fahne abzuhängen und werfen ihm Nationalismus vor. Doch der schüttelt darüber den Kopf. "Darf ich nicht stolz auf Deutschland sein?", fragt der eingebürgerte Ladenbesitzer. In den vergangenen Tagen ist die Lage eskaliert. Mehrmals versuchten Unbekannte die Fahne von der Häuserfront zu entfernen. Einmal wurde sie in Brand gesetzt, einmal verschaffte sich eine Gruppe Zugang zum Dach des Hauses und schnitt die Fahne ab. In der Nacht zu Freitag tauchten dann 16 schwarzgekleidete Leute auf und forderten den Ladenbesitzer erneut, die Fahne abzuhängen. Die Stimmung war hitzig, berichten Bassal und Mohammed. Demnach wollten die ungebetenen Besucher ihnen verbieten, die Fahne hängenzulassen. "Aus ihrer Sicht sind wir Migranten. Sie verstehen nicht, dass Deutsche Deutschland verteidigen, die nicht deutschstämmig sind." Alle Familienmitglieder sind seit vielen Jahren eingebürgert. Aus Sicht der Fahnengegner müssten Migranten Migranten bleiben. Bevor die Polizei in der Nacht eintraf, waren die Vermummten verschwunden.

Deutschlandsticker am Revers

Für Bassal und Mohammed ist die ablehnende Reaktion vollkommen unverständlich. Fast belustigt stellen sie fest, dass die arabischstämmigen Neuköllner aus der Sonnenallee die Deutschlandfahne gegen die Deutschstämmigen verteidigen. Verdrehte Welt, finden sie. Nach dem Ghanaspiel am vergangenen Mittwoch harrte Yussef Bassal sogar bis vier Uhr am Morgen vor seinem Laden aus, um einen nächtlichen Übergriff auf die Fahne zu verhindern. "Die Fahne hat 500 Euro gekostet", sagt Badr Mohammed. Eine Menge Geld, das er investiert hat um seine Sympathie für das Deutsche Team zu zeigen. Sollten die Fahnengegner mit ihrem Vandalismus die Fahne zerstören, will Mohammed allerdings keine neue kaufen. Das wäre einfach zu teuer.

In der Sonnenallee ist in den vergangenen Jahren ein stark arabisch geprägter Kiez entstanden. Wer durch die Geschäfte in der nördlichen Sonnenallee geht, die fast ausschließlich von arabischstämmigen Berlinern betrieben werden, trifft auf breite Sympathie für die deutschen Mannschaft. Überall läuft die WM auf den Fernsehern, viele Verkäuferinnen tragen schwarzrotgoldene Sticker. Man identifiziert sich hier mit dem Land, in dem man lebt und seiner Fußballmannschaft. Dabei stammen die Anwohner in diesem Teil Neuköllns aus ganz verschiedenen Ländern und vertreten alle religiösen Strömungen des Islam. Auch die Fahnendichte an den auf der Straße geparkten Autos ist hoch. Doch auch die sind nicht sicher. "Schon vier Mal wurde mir meine abgerissen", so Mohammed. Bislang hat er immer wieder eine nachgekauft. Die Polizei bestätigt den Ärger um die Fahne. Insgesamt drei Anzeigen im Zusammenhang mit dem Neuköllner Fahnenstreit sind seit dem 13. Juni eingegangen.

Zeichen der Integration

Neukölln hat seit Jahren eine eher unrühmliche Bekanntheit als sozialer Brennpunkt erlangt. Die Arbeitslosigkeit, ein geringer Bildungsgrad, ein hoher Ausländeranteil, Kriminalität und Armut sind hier ausgeprägter als in anderen Bezirken. Es leben mehr als 300.000 Einwohner aus mehr als 160 Nationen in Neukölln. Der Ausländeranteil im Ortsteil Neukölln beträgt fast 35 Prozent. Immer wieder macht Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) auf die kritische Lage in seinem Bezirk aufmerksam und fordert mehr Unterstützung im Kampf gegen die gescheiterten Integrationsbemühungen. So fordert er Ganztagsschulen und eine umfassende Kita-Betreuung für kleinere Kinder, um den Sprachdefiziten früh entgegenzuwirken.

Der Fahnenstreit in der Sonnenallee passt nicht in dieses Neuköllnbild. "Ich finde es ein gutes Zeichen für die Integration", sagt Badr Mohammed. Auch in den kommenden Tagen wird die Familie zusammen mit Nachbarn eine Bewachung der Fahne in der Nacht organisieren. "Wir lassen uns unseren Stolz nicht nehmen", sagen Mohamed und Bassal.

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