Anwohner
Wie eine Kreuzbergerin den 1. Mai erlebt
Am 1. Mai schließt Susanne Herbert die Fenster und hofft, dass es ruhig bleibt. Die Kreuzbergerin ist genervt vom jährlichen Rummel: "Mit den Ursprüngen des Arbeiterkampftages hat das nichts mehr zu tun", sagt sie.
Kontrolle: Polizeibeamte untersuchen Rucksäcke und Taschen bei der "Revolutionären 1. Mai Demo".
Susanne Herbert aus Kreuzberg hat keine Lust mehr auf den 1.Mai. Über das Wochenende ist sie in die Schwäbische Alb gefahren, hat Vögeln beim Singen zugehört, und ihre Kinder konnten im Gras spielen. Doch da der 1.Mai in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, muss die 31-Jährige mit ihren Söhnen Franz (8) und Lukas (2) schon am Abend wieder zurück in Berlin sein, in ihrer Wohnung an der Naunynstraße in Kreuzberg. Gerade ist sie mit ihrem dritten Kind schwanger und muss auch auf sich selbst achten. Sie macht jedenfalls alle Fenster zu und hofft, dass es einigermaßen ruhig bleibt.
Der Vater ihrer Kinder wohnt am Mariannenplatz, nur wenige Schritte entfernt von ihrer Wohnung – doch am 1.Mai muss ein Besuch der Kinder ausfallen. „Franz ist dann traurig, aber ich erkläre ihm, dass es einfach zu gefährlich ist.“ Denn ab 18 Uhr versammelt sich der sogenannte Schwarze Block in ihrer Straße. „In den letzten Jahren kamen noch die Krawalltouristen dazu, in einer Hand die Digitalkamera und in der anderen eine Bierflasche.“ Mit den Ursprüngen des Arbeiterkampftages, sagt Susanne Herbert, an dem gegen schlechte Arbeitsbedingungen demonstriert wird, habe diese Demonstration schon lange nichts mehr zu tun.
Seit zehn Jahren wohnt die gebürtige Tempelhoferin an der Naunynstraße, im ersten Stock, direkt gegenüber einem sanierten Haus mit Tiefgarage. „Dort sehe ich regelmäßig Leute, die ihre Wut am Kapitalismus an dem Gebäude auslassen.“ Da würden Flaschen geworfen, oder jemand uriniere gegen die Wand.
Das MyFest, das im Jahr 2003 zum ersten Mal in Kreuzberg veranstaltet wurde, hält sie für eine gute Idee. Da verlebten viele aus dem Kiez noch einmal einen schönen Tag zusammen, bevor es abends wieder anstrengend werde. „Vor drei Jahren habe ich mit meinem damals fünf Jahre alten Sohn einen Klapptisch nach draußen getragen und selbst einen Stand eröffnet.“ Die beiden verkauften frisch gepressten Orangensaft, und es gab eine lange Schlange. Der Sohn halbiert die Orangen, sie verkaufte. Minus der Kosten für Auspressmaschine und für die 40 Kilogramm Orangen machte sie 50 Euro Gewinn. Franz war richtig stolz damals.
Doch am Abend wurde ihr dann doch wieder mulmig, weil die Polizei den Innenhof eines Kindergartens zu einem Versammlungsort umfunktionierte, überall standen und fuhren die Panzerwagen. Und in der Wohnung musste sie ihren Sohn daran hindern, ständig aus dem Fenster zu schauen. „Er hofft immer, dass jemand einen Fernseher aus dem Fenster wirft oder so etwas“, erzählt Susanne Herbert.
Aber sie will nicht, dass der Junge schon jetzt eine derart große Sensationslust entwickele wie all die Krawalltouristen mit ihren Kameras und Bierflaschen. Letztlich aber, sagt sie zum Schluss, sei der Tag ja auch schnell vorbei – und Susanne Herbst ist immer noch jedes Jahr erstaunt, wie schnell die Berliner Stadtreinigung es schafft, den Müll zu beseitigen.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Nach Maikrawallen: Flaschenwerferin zu Bewährungsstrafe verurteilt
- Urteil: 1. Mai-Randalierer erhält Bewährungsstrafe
- 1. Mai: Anzeige - Polizisten schlagen Polizisten
- 1. Mai in Berlin: 14 Haftbefehle gegen Randalierer erlassen
- 1. Mai in Berlin: "Zufrieden. Hoch zufrieden. Voll zufrieden"
- 1. Mai: Banken in Neukölln von Randale überrascht
-
21:24Neuer Umweltminister: Altmaier — Intellektueller ohne Illusionen
-
21:07Rücktritt: Berliner Pirat Semken hat Parteivorstand belogen
-
20:48Röttgen-Rauswurf: Opposition spricht von "Mobbing" und "Tollhaus"
- 1. Klub-Anwalt Hertha-Spieler "saßen mit Todesangst in der Kabine"
- 2. DFB ermittelt Kobiaschvili soll Schiedsrichter Stark geschlagen haben
- 3. Relegationsfinale Hertha steigt mit Skandalspiel in Düsseldorf ab
- 4. Chaos-Partie Hertha will Wiederholungsspiel gegen Düsseldorf
- 5. Bilanz Düsseldorfer Polizei hielt Chaos-Spiel für sicher














