Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
02.05.11

Kreuzberg

Autonome kommen nicht gegen das Myfest an

Beim diesjährigen Myfest in Berlin-Kreuzberg stand der Spaß und nicht die Politik im Vordergrund. Auf die einzige Demonstration während der Veranstaltung reagierten die Menschen mit Ablehnung.

Um zehn nach fünf müssen die Autonomen aufgeben. Sie sehen sich einer Wand von Leibern gegenüber. Aber nicht grün gewandete Ordnungshüter verwehren der Spontandemonstration einiger Hundert Aktivisten, die sich am Rande des Myfestes zusammengerottet hat, den prestigeträchtigen Marsch durch die Oranienstraße. Vor der vermummten Spitze des Zuges wogen Tausende und Abertausende Köpfe friedlicher Festbesucher auf der Hauptstraße des Kreuzberger Ostens. Vorne tanzen Menschen zu den wummernden Klängen aus den Boxen vor dem Konzertklub. Türkische Frauen drängen sich an die Hauswände, jugendliche Migranten mit kurzgeschnittenen Haarschöpfen blicken verächtlich auf die „Antikapitalista“ und „Revolution“ skandierenden Autonomen. Polizisten sind nur in zivil dabei, kaum mehr als zwei Dutzend. Und dennoch winkt der Zugführer hinter dem Demo-Banner seinen Jüngern zu und befiehlt die Umkehr.

Die spontane Demonstration unter dem Motto „Wir bleiben alle“, die sich gegen steigende Mieten, Immobilienspekulation und den Kapitalismus an sich richtete, war der einzige heikle Moment während eines perfekten und friedvollen Frühlingsnachmittages auf den Kreuzberger Straßen.

Die Aktivisten haben sich am Mariannenplatz zusammengefunden und sind zunächst auf der relativ freien Mariannenstraße losmarschiert. Dann schwenken sie nach links und drehen eine Runde über die Grünanlage des Mariannenplatzes, wo um diese Zeit viele Hundert Menschen auf dem Rasen lagern, wo Parteien und Polit-Grüppchen jedweder linker Couleur Info-Stände unterhalten und Kinder die grünen und roten Luftballons der Grünen und der SPD um die Wette schwenken.

Die meisten Festbesucher machen mit resignierten Gesten Platz, ziehen ihre Decken weg und bringen ihre Kinder in Sicherheit. Eine Gruppe von Türken setzt ungerührt von der Brüllerei ihren Volkstanzkreis fort. Nur ein älterer türkischer Herr beschimpft die Demonstranten. „Ihr Idioten, ihr bevormundet die Leute“, schreit der Mann den schwarz gekleideten Jugendlichen ins Gesicht. „Es geht um Kampf, um Freiheit“, ruft ein junger Mann zurück. „Ja aber doch nicht hier“, schimpft der Ältere.

In der Menge, die dem Demozug Platz machte, steht auch Friedrichshain-Kreuzbergs Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Er ist sich ziemlich sicher, dass nichts Ernsthaftes passieren würde, zumal sich die Demonstranten an die zuvor gemachte Zusage halten und die Festbesucher nicht angreifen. Vor dem Zug laufen nur zwei Frauen her, die Pflasterstein-Attrappen in die Luft werfen, welche dann an einem Gummiband wieder zurück in ihre Hände schnalzen. „Die brauchen halt ihren Auftritt“, sagt Schulz: „Aber wo waren die, als wir uns für die armen Leute aus dem Fanny-Hensel-Kiez eingesetzt haben, deren Miete wirklich explodiert ist?“, fragt der Bürgermeister ehe er im Gewühl verschwindet.

Die Spontandemo dreht dann noch eine Runde durch den Kiez, vorbei an Hip-Hop-Bühnen, wo türkische Kids aus dem Viertel ungerührt weiter rappten. „Jedes, jedes, jedes Jahr das gleiche“, skandiert ein junger Mann am Wegesrand im Rhythmus der Demo-Sprechchöre. Viele ältere Kreuzberger Linksalternative schauen mit einem leicht ironischen Lächeln in die halb vermummten Gesichter der Protestierer, so als sähen sie dort einen Teil ihrer Vergangenheit. Aber früher wäre der Zug sicher über ihre „O-Straße“ verlaufen. Dieses Jahr ist das anders, die Anteilnahme der vielen Zehntausend Festbesucher reicht nicht aus, um den Weg frei zu machen. Die wollen sich einfach amüsieren.

Das hatten die Polit-Aktivisten im Vorfeld auch kritisiert und wollten die Politik auf das Fest zurücktragen mit ihrer Aktion. „Willkommen auf dem polizeilich organisierten Myfest“, steht auf einem Transparent an einer Hauswand am Heinrichplatz. „Saufen, fressen, drängen“. Dabei soll niemand sagen, dass das Myfest eine unpolitische Veranstaltung wäre. Die in Berlin neu gegründeten Freien Wähler mit dem Kreuzberger Sozialarbeiter Achim Henning als Spitzenkandidat schaffen es trotz der rüden Beschallung von der benachbarten Punkrock-Bühne, einzelnen Passanten eine Unterstützer-Unterschrift für die Teilnahme an den Berliner Wahlen abzuluchsen. Sie servieren Integrationssuppe, Orient trifft Okzident: Linsen mit Möhren.

Auch die CDU zeigt in diesem für sie schwierigen Gebiet Flagge. Ein paar Minuten lang verteilen einige Mitglieder um den Kreisvorsitzenden Kurt Wansner Flugblätter gegen Gewalt am 1. Mai. Früher seien sie häufig auch beschimpft worden, sagt Wansner, heute passiere das kaum noch. Nur wenige Besucher zerreißen demonstrativ das Info-Material der Union und werfen es weg.

Von der Kommunistischen Plattform der Linkspartei über die SPD, die die Leute Argumente wider Thilo Sarrazin auf Tapetenrollen schreiben lässt, von türkischen Kommunisten über die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba und das interkulturellen Projekt in Südchile reicht das Spektrum der Info-Stände vor dem Bethanien-Haus. Ein junger Aktivist der Spartakisten debattiert mit einem ebenso jungen Mitglied der Piratenpartei. „Die Produktionsmittel sind doch aber in der Hand der Kapitalisten“, sagt der Trotzkist. „Eure Revolution wird es niemals geben, weil es den Leuten viel zu gut geht dafür“, kontert der junge Mann von der Internet-Partei.

Aber die Mehrheit der Besucher ist eher auf Spaß aus als auf Debatten, die Schlangen an den Polit-Ständen sind dort besonders lang, wo Luftballons verteilt wurden. „Dit is scheiße“, sagt ein Junge im schwarzen „Stop Rassismus“-Hemd zu seinem Kumpel. „Da sind die Parteien.“

Neben Revolution gibt es aber diese kleinen magischen Momente. So als die junge, hoffnungsvolle Berliner Band „Dancible Decibels“ mit der Sängerin Anna Guder unter einem Baum ihre Instrumente und Verstärker auspacken, im Sitzen ein kleines Konzert hinlegen und der zweijährige Noah dazu tanzt.

Bei den Essens- und Bierständen, die für viele Familien aus dem Kiez eine willkommene Einnahmequelle darstellen, rollt der Rubel an diesem Nachmittag. „Das Geschäft läuft“, sagt Yonca Yilderim, Aushilfe bei der Bäckerei an der Mariannen- Ecke Naunynstraße, die Maiskolben feilbietet. „Hier ist Action pur, das liebe ich an Kreuzberg.“ Nur wenn es zu Gewalttaten komme, das fände sie „traurig“.

Das Myfest übt eine große Anziehungskraft aus, nicht nur auf Touristen. „Ich komme jedes Jahr extra aus Spandau, um dabei zu sein“, sagt Nevim, eine junge Frau, die sich gerade einen Caipirinha schmecken lässt. Und auch ehemalige Kreuzberger kehren gern zurück für diesen Tag in ihren Kiez. Nadja Sumi hat fünf Jahre hier um die Ecke gewohnt. Jetzt ist sie mit ihren elf Monate alten Zwillingen Karla Su und Minna Mi mit Freunden aus Prenzlauer Berg gekommen. „Aber bevor es hier ernst wird, gehen wir nach Hause“, sagt sie und hält es wie viele Eltern, die mit Kindern schon gar keine Lust auf Stress haben an diesem Nachmittag.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Hochzeit im Hause Wittelsbach
Die Kunst des Vergebens

Warum sich Frauen schwer damit tun.

Video Nachrichten mehr
Fußball Herthaner sind zurück in Berlin
Koran-Verteilung Salafisten nicht mehr am Potsdamer Platz
Freizeit Tipps für das Himmelfahrtswochenende
CDU Debakel Norbert Röttgen nach Wahlniederlage gefeuert
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Formel 1

So triumphierte Pastor Maldonado in Barcelona

Landtagswahlen

Nordrhein-Westfalen zwischen Jubel und Trauer

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote